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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Drei Gründe gegen den Sunglider
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker BWL-Professor skeptisch: Solar-Schwebebahn ohne Zukunft?
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Ist der Sunglider eine fantastische Idee oder eher etwas für Fantasten? Ein BWL-Professor der Hochschule Osnabrück räumt dem Plan, in unserer Region eine einzigartige, fahrerlose Solar-Schwebebahn zu bauen, keine großen Chancen ein. Dabei beruft er sich auf seine Erfahrung im Controlling eines Dax-Konzerns.

Seit 1994 forscht und doziert Wolfgang Seyfert an der Hochschule Osnabrück zur Betriebswirtschaftslehre. Vorher war er beim einstigen Dax-Unternehmen Schering beschäftigt, warf dort als Controller jahrelang ein waches Auge auf Investitionen in die zentrale Technik der Pharma-Sparte. Der Sunglider fasziniert ihn. Ich habe viel zur Sache recherchiert″, sagt der Professor. Und mag deshalb nicht so recht einstimmen in den Chor derjenigen, die in der von heimischen Unternehmern entwickelten Solar-Schwebebahn die Lösung aller regionalen Transportprobleme sehen.

Drei große Probleme hat Seyfert beim Sunglider ausgemacht. Sie betreffen sowohl die Kosten als auch die Architektur des Vorhabens, außerdem den Zeithorizont.

Problem 1 die Kosten: Die von den Osnabrücker Sunglider-Entwicklern in ihrer Ideenskizze vorgelegte Kalkulation erscheint dem BWL-Professor wenig plausibel. Dass zum Beispiel die gut 250 Kilometer Gesamtstrecke einschließlich 150 Haltestellen und 16 Bahnhöfen ungefähr 400 Millionen Euro kosten soll, während die bekanntermaßen heute sehr preiswerte Fotovoltaik″ mit 333 Millionen angesetzt werde, leuchtet nicht unmittelbar ein″.

In Anlehnung an ein Werk des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daniel Kahneman („ Schnelles Denken, langsames Denken″) bescheinigt Seyfert der Firma Sunglider ein gewisses für Start-ups angeblich typisches Maß an Überoptimismus und Selbstüberschätzung″. Darüber hinaus gebe es den von Kahneman erforschten Planungsfehlschluss″ bei der Kostenschätzung. Ein Phänomen, das Seyfert zufolge auch im deutschen Projektmanagement einen Namen hat: Faktor Pi. Die Faustformel laute wie folgt: Multipliziere bei Projekten, die so noch nie gelaufen sind, die Kostenschätzungen mit Pi, dann könnte es hinkommen.″

Der Sunglider würde in diesem Fall schnell zum Milliardenprojekt selbst wenn man den gesamten Block Solarenergie aus der Rechnung ausklammerte. Hier wird die anvisierte Machbarkeitsstudie hoffentlich Klarheit bringen″, sagt der BWL-Professor.

Problem 2 die Architektur: Den Sunglider-Machern schwebt eine ebenso stabile wie elegante Konstruktion für ihre vollautomatische Solar-Schwebebahn vor. Die fahrerlosen Züge hängen dem Straßenverlauf folgend an zwei aufgeständerten Schienen und gleiten dort mithilfe von Elektromotoren von Station zu Station. Darüber befindet sich ein Dach aus Solarzellen, das mehr Strom liefert, als das komplette System braucht. Die Firma Sunglider will dafür nach Angaben ihres Masterminds Dieter Otten die besten Architekten der Welt″ gewinnen. Mit Blick auf die mutmaßlich bis zu zehn Meter hohen und sechs Meter breiten Bauten stellt Professor Seyfert dagegen fest: Was da in Zukunft über unseren Straßen schweben soll, ist ein ziemlicher Koffer auch wenn der auf filigranen Ständern steht.″

Problem 3 der Zeithorizont: Seyfert fragt sich, ob die Begeisterung für den Sunglider bei allen Befürwortern echt sei. Der Osnabrücker Stadtwerke-Vorstand Stephan Rolfes etwa habe öffentlich erklärt, dass der Sunglider irgendwann ab 2050″ kommen werde, aber nicht kurzfristig. Der BWL-Professor kritisiert: Sich planerisch lange mit dem Sunglider zu beschäftigen hätte für die Politik und die Stadtwerke den Vorteil, in nächster Zeit nicht wirklich etwas tun zu müssen und sich keinen Ärger mit den Autofahrern einzuhandeln. Schade nur, dass die Verkehrswende bis 2050 längst geschafft sein muss, der angeblich große Wurf käme dann zu spät.″

An dieser Stelle komme die gute, alte Stadtbahn″ ins Spiel, meint Seyfert. Seit im Jahr 1960 die Tram in Osnabrück abgeschafft wurde, habe sie sich technisch enorm weiterentwickelt″. Im Gegensatz zum Sunglider sei dieses Verkehrsmittel längst erprobt und werde vielerorts sogar ausgebaut, selbst in kleineren Städten als unserer. Man könnte anfangen, Entwurfsplanung zu machen, und diese zügig in Richtung Ausführungsplanung für einzelne Strecken weitertreiben″, schlägt der Hochschulprofessor vor. Das würde für die Verkehrswende schon vor dem Sankt Nimmerleinstag etwas bringen.″

Ist das Osnabrücker Sunglider-Konzept also für die Tonne? Nein, sagt Seyfert. Teile davon seien durchaus brauchbar. Zum Beispiel der Plan, die Solar-Schwebebahn am Boden um selbstfahrende Minibusse für die letzte Meile zu ergänzen. Oder auch die Idee, im Verkehrsraum verstärkt auf Sonnenkraft zu setzen.

Der BWL-Professor denkt hier an ein mögliches Netz von Fahrrad-Schnellwegen, die mit Solarpaneelen überdacht sind. Darunter könnte man auch längere Strecken zuverlässig und wettergeschützt mit dem E-Bike überwinden. Zusätzlich bliebe noch jede Menge Strom für die Stadt übrig.″ Weiterer Vorteil laut Seyfert: Osnabrück könnte sich abschauen, wie so etwas gemacht wird. Denn in Südkorea gebe es das bereits.

Bildtexte:
Mit dieser Visualisierung wirbt die Firma Sunglider im Internet für ihre Idee von einer regionalen Solar-Schwebebahn. BWL-Professor Wolfgang Seyfert (unten) ist das Bild ein Dorn im Auge.
Wolfgang Seyfert ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, Controlling und Rechnungswesen an der Hochschule Osnabrück.
Grafiken:
Xoio GmbH, Sunglider AG
Fotos:
Hochschule Osnabrück

Sunglider-Netz

Für unsere Region schlagen die Erfinder des Sungliders ein 254 Kilometer langes Schwebebahn-Netz aus acht bis zehn Linien vor, auf dem sich entlang von 150 Haltestellen insgesamt 284 Personenzüge und 70 Güterzüge (für Paket- und Lieferdienste) bewegen. Sternförmig führt es von Osnabrück bis nach Melle, Bohmte, Bramsche, Recke/ Mettingen, Ibbenbüren, Lengerich und zum Flughafen Münster/ Osnabrück (FMO). Eine Ringlinie umschließt die Osnabrücker City, eine weitere verbindet Wallenhorst, Belm, Bissendorf, Georgsmarienhütte, Hasbergen und Lotte miteinander.
Autor:
Sebastian Stricker


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