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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Hier in Hellern lässt es sich schon leben″
Zwischenüberschrift:
Wie die OKD-Siedlung in Hellern die Wohnungsnot in Osnabrück linderte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 67 Jahren wuchsen in Osnabrück die Häuser des ersten großen Nachkriegs-Neubaugebiets in Hellern in die Höhe: die OKD-Siedlung am Hörner Weg. Zwei Generationen später sind der Pioniergeist und das besondere Zusammengehörigkeitsgefühl der Häuslebauer verschwunden. Aber die heute dort lebenden Familien haben neue Formen des Miteinanders gefunden.

Es ist die Generation der Enkel, die heutzutage das Straßenfest im Sommer organisiert. Das funktioniert in der OKD-Straße und auch im parallel verlaufenden Irisweg. In der Adventszeit schmücken die jungen Familien in der OKD-Straße gemeinschaftlich einen zentral gelegenen Baum. Man trifft sich zum Weihnachtsliedersingen, es gibt Glühwein, Kinderpunsch und Gegrilltes.

Gutes Miteinander

Auch die älteren Anwohner kommen dazu und freuen sich, wie Walter und Annegret Brüggemann, über das freundschaftliche Miteinander in der Nachbarschaft. Auch wenn sie sich erinnern, dass früher″ noch wesentlich mehr in dieser Richtung passierte. Alle waren damals Mitglieder der Siedlergemeinschaft und diese wiederum im Deutschen Siedlerbund organisiert. Man schulte sich in der Baumpflege und Gartengestaltung, man unternahm gemeinsame Anstrengungen, siegreich aus den Landes- und Bundeswettbewerben um die schönste Kleinsiedlung″ hervorzugehen, was auch mehrfach gelang. Daneben gab es Dämmerschoppen und Siedlerfeste, Ausflugsfahrten und Nikolausfeiern.

Erster Nikolaus war über viele Jahre der OKD-Werkmeister Hans Rust, der als langjähriger Vorsitzender der Siedlergemeinschaft zu einer Art Siedlervater″ geworden war. Nach ihm ist der Hans-Rust-Weg benannt, der die Siedlung mit den Sportanlagen verbindet.

Nikolaus und Knecht Ruprecht kamen anfangs mit Pferd und Kutsche, später sattelten sie um auf Pkw mit Anhänger. Sie klingelten an jeder Haustür und beschenkten die Kinder. Auch alleinstehende Alte bekamen eine Tüte. Annegret Brüggemann gehörte zu den Frauen, die damals immer so um die 100 Tüten vorbereiteten, sie mit Mandarine und Apfel, Spekulatius und Schokolutscher füllten. Vier von uns damaligen Nikolaus-Helferinnen sind noch übrig, wir treffen uns regelmäßig zum Kaffeetrinken″, erzählt sie.

Die Älteren in der Siedlung sehen die Veränderungen und akzeptieren sie. Vielfach sind die alten Stallgebäude verschwunden, dafür massive Anbauten oder Wintergärten oder Bauten in zweiter Reihe hinzugekommen. Das Einheitsgrau der frühen Jahre ist von teils bunten Anstrichen abgelöst worden, hier sieht man ein Krüppelwalmdach, dort ein Schwarzwaldhaus. Neue Zeiten bringen neue bauliche Gestaltungsmöglichkeiten mit sich, die Geschmäcker differenzieren sich aus.

Ärger um Neubau

Was aber bei vielen Anwohnern auf Unverständnis stößt, ist das Sechs-Familien-Haus mit Tiefgarage, das jetzt am Immenweg anstelle eines abgerissenen Siedlungshauses entsteht. Das passt hier überhaupt nicht hin″, hört man von allen, die man darauf anspricht. Oder: Unser Sohn wollte vor 20 Jahren im Garten in zweiter Reihe bauen. Sie glauben gar nicht, was da alles an Auflagen und peniblen Beschränkungen kam. Und jetzt wird hier mit einem Federstrich so ein Klotz genehmigt.″ Die das sagen, wollen nicht namentlich genannt werden, um auch mit neuen Nachbarn in Frieden leben zu können.

Denn das zeichnet dieses Fleckchen Erde aus: Man möchte ruhig wohnen″ und ein gutes Auskommen mit den Nachbarn haben. Und das über die Generationswechsel hinweg, die manche Umbrüche mit sich brachten. Von den 50 Häusern an OKD-Straße, Irisweg (bis 1972 Nelkenpfad), Immenweg (bis 1972 Rosenweg) und Tulpenpfad sind nur noch 18 in den Händen der ursprünglichen Siedlerfamilie geblieben, 32 haben neu zugezogene Eigentümer. Die Häuser sind auf dem Immobilienmarkt äußerst begehrt. Die Alten können gar nicht schnell genug sterben, dann klopfen schon die Makler an″, drückt es eine Anwohnerin sarkastisch aus.

Und das, obwohl der Zuschnitt der Häuser die bescheidenen Verhältnisse der Nachkriegszeit widerspiegelt. Die Wohnfläche für die Siedlerfamilie im Erdgeschoss umfasste auf 64 Quadratmetern drei Zimmer, Küche und Bad. Im Obergeschoss musste jeder Siedler eine fast gleich große Einliegerwohnung vorhalten, in die das Wohnungsamt Flüchtlingsfamilien einwies. Die Grundstücke waren mit rund 1000 Quadratmetern für heutige Begriffe recht groß geschnitten. Das mussten sie aber auch, denn die Gärten waren in erster Linie Nutzgärten und dienten der Eigenversorgung mit Gemüse und Obst. Viele hatten ein Hausschwein und praktisch jeder Kleintiere wie Hühner, Tauben und Kaninchen, damit die Fleischbeilage nicht gekauft werden musste.

Hilfe in der Not

Nach dem Krieg herrschte eine unbeschreibliche Wohnungsnot. Die großen industriellen Arbeitgeber wie das Stahlwerk, die Weberei Hammersen oder das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk (OKD, heute KME) bauten Wohnungen für ihre Mitarbeiter oder unterstützten sie beim eigenen Bauen, um die Not zu lindern. Die Initiative zum Siedlungsbau ging vom OKD-Betriebsrat unter dem Vorsitzenden Hermann Fißbeck aus. Verdiente Werksangehörige aus allen Lohn- und Gehaltsgruppen sollten auch bei geringen Eigenmitteln die Möglichkeit bekommen, ein Eigenheim zu erwerben. Direktor Dr. Raydt sicherte ideelle und finanzielle Unterstützung zu.

Das OKD erwarb von der Erbengemeinschaft Peistrup ein 55 000 Quadratmeter großes Gelände Auf dem Rott″ am Weg nach Hörne und bestimmte die Soziale Wohnungsbaugenossenschaft als Bauträger. Die Auswahl unter den Hausbewerbern wurde von der OKD-Geschäftsleitung und dem Betriebsrat gemeinsam vorgenommen, wobei die Länge der Betriebszugehörigkeit, besondere Verdienste an der Arbeitsstelle und soziale Gesichtspunkte eine Rolle spielten.

Wie ein Lotto-König

Wer zum Zuge kam, fühlte sich wie ein Lotto-König. Endlich ein eigenes Heim, endlich Luft und Sonne für die Kinder, endlich den langersehnten Garten für Vattern, endlich ein Bad, endlich eine eigene Küche nur für uns″ so gab die Neue Tagespost″ im März 1953 die Gefühle der Neusiedler wieder. Und: Die glückstrahlenden Hausfrauen machen aus der Einrichtung ihres Hauses ein regelrechtes Frühlingsfest. So zwischen Fensterputzen und Gardinenaufhängen ruft die eine der anderen zu: Hier in Hellern lässt es sich schon leben!″″

Von dem Erschließungsstandard, den wir heute bei einem neuen Baugebiet erwarten, waren die Siedlungen der Nachkriegszeit noch weit entfernt. Wasserversorgung und Kanalisation, Wegbefestigung und - beleuchtung, öffentliches Grün und Spielplätze werden heute als selbstverständliche Infrastruktur vorausgesetzt, mussten damals aber der Gemeindeverwaltung in kleinen Schritten hart abgerungen oder durch Eigenleistungen geschaffen werden. Es gab viele Gemeinschaftsaufgaben zu erledigen. Deshalb schlossen sich die OKDemiker″, wie sie sich scherzhaft nannten, zu einer Siedlergemeinschaft zusammen.

Ein Erinnerungsposten an das OKD als Geburtshelfer und Namenspate ist ein Schild aus getriebenem Kupferblech, das an zentraler Stelle in der OKD-Siedlung steht. Es zeigt den Straßengrundriss mit den ursprünglichen 50 Siedlerstellen.

Bildtexte:
Siedlervater″ Hans Rust.
Das Kupferschild aus den Anfangstagen haben die Nachbarn kürzlich freigeschnitten und wieder herausgeputzt.
Die OKD-Straße heute, mit Blickrichtung zum Hörner Weg. Anstrich und Verklinkerung sorgen für Farbtupfer.
Die OKD-Siedlung ist frisch bezogen. So stellte die Neue Tagespost″ am 28. März 1953 die OKD-Straße vor.
Foto:
Archiv Franz Fennen, Joachim Dierks, Archiv NOZ
Autor:
Joachim Dierks


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