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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Tour de Terror″ durch Osnabrück
Zwischenüberschrift:
Als Bürger in Unterwäsche durch die Stadt getrieben und misshandelt wurden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Am 9. November 1938 brannte die Synagoge in Osnabrück. Die Radtour Auf den Spuren des Terrors″ zeigt an mehreren Orten in der Stadt, was den jüdischen Bürgern Osnabrücks angetan wurde.

Heute kennen die Osnabrücker das Haus Tenge in der Krahnstraße vor allem, weil hier jahrelang das Restaurant , La Vie′ beheimatet war. Doch es gehört auch zu den Orten, die in der Pogromnacht 1938 eine Rolle spielten″, sagt Martina Sellmeyer.

Die Co-Autorin des Buches Stationen auf dem Weg nach Auschwitz″, dem Standardwerk über die Judenverfolgung in Osnabrück, hat die Radtour Auf den Spuren des Terrors″ konzipiert. Wir begeben uns am Samstag bei der Tour auf die Spuren der Täter und der Opfer, die diese in der Pogromnacht 1938 in Osnabrück hinterlassen haben und das so chronologisch wie möglich.″

Während die Synagoge im Katharinenviertel brannte, begann die Jagd auf die jüdischen Mitbürger. Diese startete, so hat es Sellmeyer in mehreren Gerichtsakten gelesen, wohl in der Krahnstraße: In den 1930er-Jahren befand sich dort das Kaufhaus Samson David, das von Otto David geführt wurde.

Geschäfte verwüstet

Um ein Uhr nachts standen die Schergen der SA und Gestapo vor der Tür des Hauses Tenge und wollten David festnehmen. Mein Mann ist nicht da″, soll seine Frau Grete den Männern gesagt haben. Doch diese stürmten das Haus, fanden den jüdischen Kaufmann und nahmen ihn mit. Auch seine christliche Frau wurde festgenommen, weil sie ihm helfen wollte.

Als Grete David am nächsten Morgen aus der sogenannten Schutzhaft entlassen wurde, musste sie mitansehen, wie Angehörige der SA darunter Erwin Kolkmeyer, Ortsgruppenleiter der Osnabrücker NSDAP das Ladengeschäft in der Krahnstraße verwüsteten und Geld aus der Kasse stahlen. Grete und ihr Mann überlebten den Krieg, doch ihre Verwandte Gertrud David wurde Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms und 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg vergast. An sie erinnert ein Stolperstein vor dem Haus.

Vier weitere Steine erinnern an die Familie von Carl Meyer: Diese wohnten seit 1935 in dem Haus, nachdem ihr Vermieter sie aus der alten Wohnung geschmissen hatte weil sie Juden waren. In dem Haus blieben sie, bis sie 1936 Deutschland verließen.

Nicht alle Verwandten hatten dieses Glück. Carl Meyer verlor seinen Vater, eine Schwester, einen Bruder und deren junge Familien. Sie wurden in Konzentrationslagern umgebracht. Das jüngste Kind war drei Jahre alt. In Badbergen, der Geburtsstadt von Carl Meyer, erinnern zehn Stolpersteine an sie.

Wütender Mob

Doch zurück zur Pogromnacht in Osnabrück: Von der Krahnstraße aus zog der Mob weiter zu anderen Wohnungen und Häusern jüdischer Familien. Gegen zwei Uhr verhaftete man Josef Grünberg am Schnatgang, danach ging es zum Haus von Rudolf Stern in der Seminarstraße. Die festgenommen Männer wurden in dieser nasskalten Nacht in Schlafanzügen oder nur in Unterwäsche durch die Stadt getrieben, dabei misshandelt und dann im Gestapo-Keller im Osnabrücker Schloss inhaftiert″, so Sellmeyer. Zudem wurden Juden aus dem Nordkreis nach Osnabrück transportiert und hier eingesperrt.″

Doch dass der Innenhof des Schlosses Teil der Radtour ist, hat weitere Gründe: Augenzeugen berichten, dass etwa zwei Tage später am helllichten Tag und unter den Augen vieler Schaulustiger die jüngeren der Festgenommenen in drei kleine Busse verfrachtet und nach Buchenwald deportiert wurden. Dort gingen die Demütigungen und Misshandlungen weiter.″

Drei Männer sollten die Fahrt nach Buchenwald nicht überleben, andere, so wie Otto David, kamen wieder frei. Später wurde der Innenhof des Schlosses einer der Plätze in der Stadt, an dem die geklauten Habseligkeiten der jüdischen Bürger gesammelt wurden. Zeugen berichteten von aufeinandergestapelten Sofas und anderen Möbeln.″

Ein weiterer der rund 20 Orte, die die Teilnehmer der Radtour anfahren werden, ist das Haus der Familie Flatauer in der Herderstraße 22: Dort mussten Frauen und Kinder mit ansehen, wie antisemitische Nachbarn in das Haus eindrangen und Möbel kurz und klein schlugen, heißt es dazu in Stationen auf dem Weg nach Auschwitz″. Unter Bewachung von betrunkenen NS-Funktionären wurden die Frauen dann in der völlig verwüsteten Wohnung der Familie Flatauer in der Herderstraße zwischen Scherben und zertrümmerten Möbelstücken eingesperrt.″

Weiterer Termin

Die Idee für die Radtour ging von der Evangelisch-reformierten Gemeinde und der Freien evangelischen Gemeinde Osnabrück aus. Jan-Henry Wanink, Pastor der Bergkirche, ist ein begeisterter Radfahrer. Zudem hoffen wir, durch diese Art der Tour auch ein jüngeres Publikum anzusprechen″, sagt Tom Herter, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde. Uns liegt das Thema am Herzen, gerade in Zeiten eines erstarkenden Antisemitismus.″ Da sie als Expertin für das Thema gilt, habe man sich an Martina Sellmeyer gewandt.

Ich habe am Anfang gar nicht gewusst, wie man eine Radtour konzipiert und mich dann thematisch an den drei Punkten Festnahmen, Plünderungen und Deportationen orientiert″, sagt Sellmeyer. Von der Pogromnacht und den Aktionen, die ihr in den kommenden Tagen folgten, gibt es Augenzeugen. Daher kann ein Satz wie , Davon haben wir nichts gewusst′ nicht stimmen.″

Die Tour am Samstag, 9. November 2019, startet um 10 Uhr und kostet 3 Euro. Die Teilnehmer können sich per E-Mail über workshops@ projekt-friedenskirche.de anmelden und erfahren dann den Startpunkt. Mehr als 20 Mitglieder sollten allerdings nicht teilnehmen. Da der Termin am 9. November allerdings fast voll ist, werden wir eine weitere Tour am 23. November ebenfalls wieder um 10 Uhr anbieten″, kündigt Sellmeyer an. Auch für diesen Ausflug sind Anmeldungen per E-Mail möglich. Die Tour soll rund zweieinhalb Stunden dauern.

Bildtexte:
Stolpersteine erinnern in Osnabrück an die Jagd auf jüdische Mitbürger. Zu den in der Pogromnacht am 9. November 1938 verwüsteten Geschäften zählt auch das damalige Kaufhaus Samson David in der Krahnstraße, wo bis vor Kurzem das La Vie″ beheimatet war .
Hat die Radtour Auf den Spuren des Terrors″ konzipiert: Buchautorin Martina Sellmeyer.
Fotos:
Archiv/ David Ebener, Michael Gründel
Autor:
Corinna Berghahn


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