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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Eine Million Eschen sterben im Landkreis
Zwischenüberschrift:
Wie ein aus Asien eingeschleppter Pilz eine der wichtigsten Laubbaumarten in unseren Wäldern bedroht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Bad Rothenfelde Erst sterben Fichten durch den Borkenkäfer, dann Buchen durch die Trockenheit, nun fallen immer mehr Eschen einem Pilz zum Opfer, der sich rasend schnell ausbreitet. Der für unsere Region zuständige Forstamtsleiter Reinhard Ferchland geht davon aus, dass durch das sogenannte Falsche Weiße Stängelbecherchen rund 1 Million Eschen jeglichen Alters im Osnabrücker Land absterben. Ein Förster erläutert, wie unsere Region von der Epidemie betroffen ist.

Wie breitet sich der Pilz aus?
Revierförster Wolfgang Meyer hat in seiner 1400 Hektar großen Försterei Nolle im Wiehengebirge südlich von Bad Essen und im Teutoburger Wald zwischen Hilter, Dissen und Melle viel Arbeit mit dem eingeschleppten Pilz. Die Krankheit stammt aus Asien und hat sich Studien zufolge über die Luft verbreitet. Die Pilzsporen infizieren die Blätter, von wo aus der Erreger in den Stamm und in die Äste vordringt, was zum Absterben der Triebe führt. Daher ist auch vom Eschentriebsterben die Rede.

Markantes Zeichen sind durch die abgestorbenen Triebe lichte Baumkronen, wie sie Meyer besonders im Bad Rothenfelder Forstort Wellengarten vorfindet. Jüngere Eschen haben sich teilweise orange verfärbt, weil die Rinde bereits abgestorben ist. Besonders gefährlich sind ältere befallene Eschen. Absterbende Bäume in der Nähe der Wanderwege müssen gefällt werden. Der Revierförster erläutert, dass der Pilz auch die Wurzeln faulen lässt, die Bäume dadurch nicht mehr standsicher sind und Waldbesucher sowie Straßenverkehr gefährden. Meyer erklärt: Stark befallene Eschen müssen gefällt werden, weil ein Zurückschneiden der abgestorbenen Äste sinnlos ist.″

Können Eschen sich wehren?
Gesunde Eschen lässt der Revierförster in seiner Försterei mit einem blauen Punkt markieren, um eine eventuelle Widerstandsfähigtkeit gegenüber dem Pilz in den nächsten Jahren zu verfolgen. Zurzeit forschen Forstwissenschaftler daran, ältere, resistente einheimische Eschen zu ermitteln. Von diesen Bäumen erntet man gesunde Zweige und setzt diese auf junge Eschenpflanzen auf. In Mecklenburg-Vorpommern etwa gibt es Meyer zufolge bereits eine Versuchsfläche mit rund 700 Eschen, die so auf ihre Resistenz gegenüber dem Pilz untersucht werden. Wenn sich dieser Versuch bewährt, können aus dem Samen gesunde Eschen für die Zukunft nachgezogen werden.

Meyer lässt die Eschen zumeist dann fällen, wenn 70 Prozent der Baumkrone abgestorben sind. Man dürfe zudem nicht zu lange warten, weil die eigentlich wertholzhaltigen Eschen sonst nur noch als Brennholz verkauft werden können. Schließlich werde die durch den Pilz geschwächte Esche verstärkt vom Eschenbastkäfer befallen, der sich als Larve von der Baumrinde ernährt und diese zum Absterben bringt. Ein weiteres Problem sei die sich rasch entwickelnde Wurzelfäule, die die Standfestigkeit stark beeinträchtige.

In der Revierförsterei Nolle begann die Ausbreitung des Pilzes 2012 mit vereinzelt absterbenden, jungen Eschenbäumen, die ein bis zwei Meter groß waren. Der Befall durch das Falsche Weiße Stängelbecherchen löste das Eschentriebsterben aus und breitete sich in den vergangenen sechs Jahren in der Revierförsterei und in der gesamten Region massiv aus. Meyer weiß: Inzwischen sind 40-jährige mittelalte Eschenbestände, aber auch über 80-jährige Eschen-Altbestände stark erkrankt und drohen abzusterben.″

Wie sollten Förster und Waldbesitzer reagieren?
Künftig sollen abgestorbene Eschen durch Laubholz wie etwa Buchen, Eichen, Bergahorn oder Erlen ersetzt werden. Wo noch Buchen stehen, hofft Meyer auf eine Verjüngung durch herabfallende Bucheckern. Auch natürlicher Anflug von Ahorn- oder Erlensamen könne die Waldlücken auffüllen. Wenn sich aber keine Naturverjüngung einstellt, müssen in den nächsten Jahren Tausende junge Laubbäume gepflanzt werden″, wie der Revierförster erläutert. Im Landeswald werden geeignete Laubholzpflanzen gepflanzt, wobei die Landesforsten die Kosten selbst tragen. Der private Waldeigentümer wird dabei durch öffentliche Förderungen von naturnaher Laubholzpflanzung mit bis zu 70 Prozent unterstützt.″ 30 Prozent der Kosten müssten die Waldeigentümer selbst aufbringen, um einen naturnahen Wald der Zukunft aufzubauen. Meyers Revierförsterei Nolle gehört zum Staatswald.

Wie groß ist die Dimension des Problems?
Inzwischen sind allein in dieser Försterei nach Einschätzung des Revierförsters schon mehr als 100 000 Eschen aller Altersstufen betroffen, im gesamten Landkreis etwa zehnmal so viele, wie er glaubt. Zurzeit werde empfohlen, keine Eschen mehr zu pflanzen, weil diese mit großer Wahrscheinlichkeit alle absterben. Gegen die Sporenverbreitung des invasiven 2 bis 7 Millimeter großen Schlauchpilzes, der milliardenfach an den abgefallenen Eschenblättern sitzt, gibt es Experten zufolge aktuell keine Bekämpfungsmöglichkeiten. Meyer prognostiziert: Aufgrund der negativen Erfahrungen in betroffenen Forstrevieren ist zu befürchten, dass 90 bis 98 Prozent der Eschen in den nächsten 20 Jahren absterben werden.″ Das Eschentriebsterben stelle somit das stärkste Absterben einer wichtigen und weit verbreiteten heimischen Laubbaumart in den letzten 100 Jahren dar. Er hofft jedoch, dass sich bei zwei bis zehn Prozent der betroffenen Eschen doch noch Resistenzen herausbilden.

Bildtexte:
An den kahlen Baumkronen zu erkennen: Diese Eschen sind von einem Pilz befallen und nicht mehr zu retten.
Förster Wolfgang Meyer macht deutlich, dass besonders viele Jungbäume von dem Pilz befallen sind.
Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
Mammutaufgabe unterschätzt

Nach Zehntausenden von Fichten und Tausenden von Buchen sterben nun auch noch 1 Million Eschen. Damit haben die Waldschäden eine noch deutlich größere Dimension, doch die Politik unterschätzt das Ausmaß immer noch.

Da der Holzpreis für die Fichte in einem Jahr um mehr als die Hälfte eingebrochen ist, decken die Erlöse teilweise nicht einmal die Kosten, um das Holz aus dem Wald zu schaffen. Unter diesen Bedingungen fehlen bei vielen Waldbesitzern die Mittel, um in die Aufforstung widerstandsfähiger Laubmischwälder zu investieren.

Deshalb reicht es nicht aus, wenn private Waldbesitzer durch öffentliche Förderungen von Bund und Land mit bis zu 70 Prozent bei der Pflanzung von Mischwäldern unterstützt werden. Selbst wenn sie nur 30 Prozent der Kosten tragen müssen, sind viele damit immer noch überfordert. Erst recht, wenn nun auch noch Eschen in einer in diesem Ausmaß nicht bekannten Dimension betroffen sind.

Wenn Förster vom stärksten Absterben einer wichtigen, weit verbreiteten heimischen Laubbaumart in den vergangenen 100 Jahren sprechen, dann muss die Politik mit einem adäquaten Aufforstungsprogramm reagieren. Die vom Bund beschlossenen 550 Millionen Euro für den Wald, die nicht nur für die Aufforstung vorgesehen sind, werden dieser Mammutaufgabe angesichts der bundesweiten Dimension des Problems nicht gerecht. Unsere grüne Lunge muss uns mehr wert sein. Da der klimagerechte Waldumbau eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, müssen die privaten Waldbesitzer finanziell noch stärker unterstützt werden, denn die Wiederaufforstung muss noch deutlich schneller voranschreiten. j.fays@ noz.de
Autor:
Jean-Charles Fays


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