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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Fensterklappen schluckten die Schreie
Zwischenüberschrift:
Diese Spuren hinterließ die Gestapo im Osnabrücker Stadtschloss
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück In den früheren Haftzellen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), die zur Zeit des Nationalsozialismus im Westflügel des Schlosses lagen, wurde 2001 eine Gedenkstätte eingerichtet. Im vergangenen Jahr begann eine gründliche bauarchäologische Untersuchung und Befundsicherung als Vorbereitung für die neue Dauerausstellung, die ab April 2020 gezeigt werden soll. Die Kuratorin der neuen Ausstellung, die promovierte Historikerin Janine Doerry, stellte nun Ergebnisse der Bauforschung und eigene Archivstudien vor.

Kurz vor Ende des Krieges gelang es dem Personal der Gestapostelle Osnabrück, die Stadt in Richtung Bremen zu verlassen und ihre Unterlagen im Wesentlichen zu vernichten. Lediglich ein Bestand von 49 000 Karteikarten über betroffene Personen und die ihnen vorgeworfenen Tatbestände wurde gefunden und befindet sich in der Auswertung durch Universitätshistoriker. Über die tägliche Arbeit der Gestapo und die Betriebsabläufe ist hingegen wenig bis gar nichts erhalten. Wohl aber Baupläne und zahlreiche Eingaben an das preußische Staatshochbauamt. Sie enthalten Wünsche über bauliche Veränderungen und zusätzliche Ausstattungen wie etwa schalldichte Doppeltüren. Zusammen mit den jetzt erforschten bauarchäologischen Befunden sind sie wertvolle Mosaiksteine, die das Wissen über die Osnabrücker NS-Geschichte bereichern.

Da sind beispielsweise die massiven Fensterklappen, die Einblicke und Geräusche zum Schlossinnenhof hin abschotten sollten. Da ist die zugemauerte Zellentür, die jetzt nach Art eines historischen Fensters″ teilweise freigelegt wurde. Sie belegt, dass die als Teil der Gedenkstätte gezeigte Doppelzelle″ ursprünglich aus zwei Einzelzellen bestand. Hierin wurden auf 15 Quadratmetern bis zu 30 Untersuchungshäftlinge zusammengepfercht, deren Vergehen etwa darin bestand, Zwangsarbeitern Essen zugeschoben zu haben. Auch die nach dem Synagogenbrand am 9. November 1938 arrestierten jüdischen Männer wurden hier vorübergehend festgehalten, bevor sie in andere Gefängnisse oder ins KZ Buchenwald weitertransportiert wurden.

Um 1950 wurde die Zwischenwand entfernt, um eine größere Waschküche für den Nachkriegsmieter Caritas herzustellen. Von den ursprünglich fünf Haftzellen sind drei als Gedenkstätte erhalten. Die Zellen vier und fünf sind baulich stark verändert worden. Sie gehören zur Gastronomie des Unikellers″ und werden auch nicht Teil der neuen Dauerausstellung sein.

Nachweisen lässt sich auch ein früherer Ausgang nach Westen, also in Richtung Osnabrück-Halle. Er sollte dem verdeckten Zu- und Abgang der Gefangenen dienen. Denn dort, wo heute Mitarbeiterparkplatz, Bowlingplatz und das Kunstwerk Solara″ sind, lag vor dem Krieg ein geschlossener Innenhof. Dieser Reitplatz″ wurde durch den Westflügel des Schlosses, der vor dem Umbau für die Gestapo eine eingehauste Reitbahn war, ehemalige Stallungen und eine Mauer zum Neuen Graben hin gebildet. Der Westausgang sollte verhindern, dass sich der Gefangenenverkehr unter den Augen der Mitarbeiter der vielen Zivilbehörden hätte abspielen müssen, die Räumlichkeiten des Schlosses mit Blick auf den eigentlichen Schlossinnenhof nutzten.

Der Vortrag wurde von der Gedenkstätte Gestapokeller/ Augustaschacht, der Osnabrücker VHS und dem städtischen Museumsquartier gemeinsam veranstaltet und fand recht guten Zuspruch. Doerry gab einen umfassenden Überblick über die Abfolge der Dienstsitze der Gestapo in Osnabrück. Nach 1933 war dies zunächst das Regierungsgebäude am heutigen Heger-Tor-Wall. Weil das Raumangebot für die expandierende politische Polizei dort nicht ausreichte, wurde die ehemalige Reitbahn im Westflügel des Schlosses mit Amtsräumen im Hochparterre und im Obergeschoss sowie den Haftzellen im Keller für die Gestapo hergerichtet.

Von 1938 bis 1940 residierte sie hier. Da aber weder der geplante Erweiterungsbau im ehemaligen Marstall des Schlosses noch der alternativ ins Auge gefasste Anbau an die Regierung auf dem abgeräumten Synagogengrundstück zustande kamen, zog sie in das mehr Platz versprechende Hotel Schaumburg am Schillerplatz um. Als 1943 die ersten Häuser am Platze″, die Hotels Hohenzollern und Reichshof, zerstört waren, verfügte der NSDAP-Gauleiter, dass das Schaumburg wieder Hotel werden müsse. Die Gestapo kehrte ins Schloss zurück und blieb dort mit einem kurzen Intermezzo in der Ruine des Marienhospitals bis zum Kriegsende.

Bildtexte:
Ein archäologisches Fenster″ gibt vom Flur aus den Blick auf die einstige Türleibung frei.
Hier war eine Zellentür: Historikerin Janine Doerry (links) erklärt einer Besucherin den Grund der Zumauerung.
Fotos:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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