User Online: 1 | Timeout: 20:21Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Was ein Bauexperte dem Landkreis nun rät
Zwischenüberschrift:
Nach Kostenexplosion für Kreishaus-Sanierung: Warum öffentliche Bauten oft teurer werden als geplant
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Nachdem die geplanten Kosten für die Sanierung des Kreishauses in zweieinhalb Jahren von 14 Millionen auf geschätzte 48 Millionen Euro gestiegen sind, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Bauprozessmanagement der Technischen Universität München, Professor Konrad Nübel, auf Anfrage unserer Redaktion, warum öffentliche Bauten oft deutlich teurer werden als ursprünglich geplant, welche Rolle politische Preise″ spielen und welche Tipps er nun für den Landkreis hat.

Im Dezember 2016 hatte der Kreistag einer Sanierung des Osnabrücker Kreishauses zugestimmt. Damals war die Politik aber noch von Kosten von rund 14 Millionen Euro ausgegangen und zeigte sich erstaunt, als in diesem Sommer auf einmal von 48 Millionen Euro die Rede war, wobei die Kosten der aktuellen Schätzung zufolge sogar noch auf rund 60 Millionen Euro ansteigen können. 2016 hatte das Kreishaus in der Landkreis-Bilanz einen Restwert von nur noch 31 Millionen Euro. Der aktuelle Wert des Verwaltungsgebäudes dürfte sich durch den größeren Sanierungsaufwand somit noch weiter verringert haben.

Lohnt sich eine so teure Sanierung des Kreishauses überhaupt noch? Wenn die geplanten Sanierungskosten um das Vierfache gestiegen sind, ist es durchaus sinnvoll, die Sanierung noch einmal infrage zu stellen und sich intensiver mit einem Neubau zu beschäftigen. Neubaukosten lassen sich in der Regel auch zielgenauer prognostizieren als Sanierungskosten″, sagt Nübel. Der Bauexperte fügt hinzu, bei Neubaukosten müsse man auch einberechnen, dass vieles erst einmal teurer sei, was sich aber nach vielen Jahren amortisiere. Um die Neubaukosten realistisch einschätzen zu können, sei auch auch dafür eine gewisse Konzeptplanung und Planungstiefe notwendig.

Der Experte für Bauprozessmanagement empfiehlt, Geld für solch eine Alternativplanung in die Hand zu nehmen, um Kosten für Sanierung oder Neubau nüchtern gegeneinander abzuwägen. Wenn die Kreisverwaltung während der jahrelangen Sanierung in Container umziehen muss, fallen dafür Kosten in Höhe von zwei Millionen Euro an. Diese Summe ist in der Kostenschätzung von 48 Millionen Euro und im schlimmsten Fall sogar rund 60 Millionen Euro noch gar nicht enthalten.

Gehören Kosten wie etwa für Container nicht eigentlich zu den Sanierungskosten? Bei einer seriösen Kostenrahmenschätzung sollte zwingend auch enthalten sein, dass Teile der Verwaltung während der Sanierung ausgegliedert werden müssen. Wenn die Kosten für die während der Sanierung benötigten Container hier nicht in der Kostenrahmenschätzung aufgeführt werden, ist das ein Fehler″, betont Nübel. Bei der Planung öffentlicher Bauprojekte sei oft das Problem, dass diese zu wenig ins Detail geht, um die tatsächlichen Kosten festzustellen.

Vor zwei Jahren stellte die Kreisverwaltung fest, dass die bisherigen Planungen nicht ausreichen und die Dimension des Projekts größer ist. War es richtig, 2018 einen externen Generalplaner zu beauftragen? Wenn die Verwaltung bemerkt, dass das Ausmaß der Sanierung größer als angenommen ist, ist die Entscheidung richtig, einen Generalplaner zu beauftragen. Durch die Erfahrung mit öffentlichen Bauprojekten weiß man aber auch, dass bewusst erst mit einem niedrigen Preis ins Rennen gegangen wird, um solche Projekte überhaupt erst einmal durchzukriegen″, erläutert Nübel. Problematisch bei großen öffentlichen Projekten seien oft die politischen Preise″. Hintergrund ist Nübel zufolge, dass man mit Maßnahmen wie zum Beispiel der Sanierung von Verwaltungsgebäuden keine politischen Wahlen gewinnen könne. Das Problem sei, dass viele Bauprojekte von Anfang an billiger gerechnet und nicht realistisch geplant würden, sodass die wirklichen Kosten sich erst im Laufe des Projekts offenbarten. Der Professor für Bauprozessmanagement betont: Auch internationale Studien belegen dieses Phänomen.″ Nübel fordert, von Anfang an mit realistischen Preisen zu planen. Kanada habe aus solchen Fehlern gelernt. Dort wird die Bevölkerung nach Angaben des Bauexperten befragt, welche Infrastrukturmaßnahmen in Zukunft sinnvoll wären. Durch die Bürgerbeteiligung habe man später auch mehr Rückhalt für den weiteren Verlauf des Bauprojekts.

Warum explodieren die Kosten bei privaten Bauprojekten in der Regel nicht so stark wie bei öffentlichen Bauten? Bei privaten Bauvorhaben kennt man das Maß an Kostenexplosion wie bei öffentlichen Bauten nicht, weil die Kosten von Anfang an viel realistischer abgeschätzt werden. Einerseits liegt das an den politischen Preisen, die zunächst bewusst tief gehalten werden, und andererseits an der größeren Planungstiefe. Darüber hinaus sucht sich die Privatwirtschaft eher kompetente Partner, als auf einen reinen Preiswettbewerb zu achten″, erklärt Nübel. Weiter führt er aus, ein Problem bei öffentlichen Bauprojekten sei, dass die Kostenschätzungen auf einem zu geringen Planungsstand beruhten. Planer würden oft nicht so richtig in die operative Bauausführung gehen. Wenn es dann in die Umsetzung gehe, kämen noch zuvor vernachlässigte Fragen wie Umzugskosten oder zu komplizierte Bauverfahren hinzu. Nübel zeigt sich überzeugt: Bauprozesse sind planbar.″ Projekte wie der Berliner Flughafen zeugten aber von einem nicht funktionsfähigen System″. Die Privatwirtschaft mache vor, wie Bauvorhaben mit deutlich größerer Kostensicherheit durchgeführt würden.

Was sollte der Kreis bei Planungen großer Bauprojekte berücksichtigen? Generell hält der 51-jährige Professor an der TU München es für eine gute Idee, schon zu Beginn großer Planungen einen Generalplaner einzuschalten, damit die Kompetenz in einer Hand liegt. Zudem hält Nübel einen Kompetenzwettbewerb für sinnvoll. Die billigsten Angebote für öffentliche Bauaufträge seien nicht immer die wirtschaftlichsten.

Was sagt der Bund der Steuerzahler? Der Bund der Steuerzahler sieht neben von Nübel bereits benannten Fehlern beim öffentlichen Bauen auch ein Problem darin, dass es an öffentlichen Informationen zum Projektstand, den Terminen sowie den Kosten und Risiken mangelt. Im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler heißt es: Die Planungen und Kostenermittlungen sind für Außenstehende häufig nicht nachvollziehbar, Informationen für Bürger schwer zugänglich und wenig verständlich. Problematisch ist auch, dass wichtige Informationen von öffentlichen Projekten gar nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.″

Bildtext:
Für 14 Millionen Euro soll das Kreishaus über einen Zeitraum von fünf Jahren saniert werden, hieß es im Jahr 2017. Im September 2019 gab der Kreis bekannt, dass der Sanierungsbedarf auf rund 48 Millionen Euro gestiegen ist.
Foto:
Archiv/ David Ebener
Autor:
Jean-Charles Fays


Anfang der Liste Ende der Liste