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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das versteckte Paradies am Westerberg
Zwischenüberschrift:
Drei Frauen und ein Mann berichten über ihre Arbeit im Botanischen Garten der Universität
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Es ist eine blühende Oase mitten in der Stadt, ein Geheimtipp für Erholungssuchende nur einen kleinen wenn auch steilen Spaziergang vom Heger Tor entfernt, eine Stätte der Umweltbildung, der Forschung und der Erhaltung bedrohter Arten, außerdem eine Bühne für Kultur und Kunst: All das bietet der Botanische Garten am Osnabrücker Westerberg. Drei Frauen und ein Mann erzählen über ihre Arbeit, die dazu beiträgt, dass es unweit der Osnabrücker Innenstadt einen solchen Ort der Ruhe und Schönheit gibt.

Thomas Ahr hat den wohl exotischsten Arbeitsplatz Osnabrücks, umgeben von Gewächsen des Amazonasregenwalds wie Vanille, Kakao oder Mangroven, die Luft erfüllt vom Singen der Kubanischen Pfeiffrösche, von tropischer Hitze und extrem hoher Feuchtigkeit. Hier muss man schon schwitzen können″, sagt der Gärtner des Tropenhauses, der die Pflanzen dort seit 19 Jahren hegt und pflegt. In dem 21 Meter hohen Glasgebäude, das mit einer Wendeltreppe bis in die Wipfelregionen begehbar ist, findet man die Pflanzenwelt der Neotropis, der tropischen Zone Südamerikas.

In der Natur werden die Bäume allerdings bis zu 60 Meter hoch. Daher macht der Rückschnitt einen großen Teil der gärtnerischen Arbeiten aus. 1, 80 Meter im Jahr wachsen zum Beispiel Balsa-Hölzer, und viele der Schling- und Kletterpflanzen sind zwei Monate nach dem Rückschnitt wieder oben. Da kann ein Baum auch mal umbrechen, schildert Ahr.

In diesem Sommer war auch das Gießen ganz wichtig, vor allem bei den Pflanzen, die in der warmen Jahreszeit in Kübeln unter freiem Himmel stehen. Aber die hohe Sonneneinstrahlung tat den Tropenpflanzen durchaus gut, vieles blüht und fruchtet üppig.

Thomas Ahr betreut neben den Schauhäusern auch die Anzuchthäuser und ist auch gefragt, wenn es um den regen Pflanzenaustausch mit anderen botanischen Gärten geht. An seinem Job liebt er die Aufgabenvielfalt. Hier kann ich mein Gärtnerherz ausleben, ich habe mit einzigartigen Individuen zu tun.″ Zum Beispiel mit Aristolochia arborea, einem Strauch, der mit einer spannenden Taktik Insekten zur Bestäubung in seine Blüten lockt: Die sehen im Inneren wie ein Pilz aus.

Diese Mimikry macht die Pflanze für Sabine Zachgo zu einem Highlight im Regenwaldhaus. Die Universitätsprofessorin leitet den Botanischen Garten der Universität Osnabrück seit 2007. Begeistert erzählt sie von den Anfängen des Gartens, der 1984 im ehemaligen Steinbruch am Westerberg entstanden ist, aus dem bis 1955 der Baustoff für viele der gelben Osnabrücker Stadthäuser stammt. 35 000 Kubikmeter Mutterboden sind dafür aufgebracht worden″, erzählt Zachgo. Jetzt findet man sich hier in Umgebungen wie die sommergrünen Laubwälder Chinas versetzt, spaziert unter hohen Bäumen, an einem in der Sonne blitzenden Wasserlauf oder zwischen Alpenvegetation und genießt Blätter- statt Verkehrsrauschen. Die hohen Wände des Steinbruchs geben dem Garten nicht nur ein besonderes Ambiente und einen natürlichen Lärmschutz, sie bieten auch eine große Vielfalt unterschiedlicher Standorte für die 8000 hier kultivierten Pflanzenarten.

2011 wurde der zweite, innenstadtnähere Steinbruch angeschlossen, allerdings mit einem anderen Konzept. Hier soll die Natur sich möglichst ungestört entfalten können.

Dass der Botanische Garten für die Osnabrücker ein schöner Ausflugsort ist, ist eher Nebensache. Biodiversität erforschen, erhalten, vermitteln″ das sind die drei Ziele des Universitätsstandortes. Zur Biodiversität, also der Artenvielfalt, gehört das WIPs-Projekt. Hier geht es darum, sich in Zusammenarbeit mit weiteren botanischen Gärten um gefährdete Wildpflanzen zu kümmern. Osnabrück übernimmt dabei den nordwestlichen Teil Deutschlands.

92 Arten stehen auf der Liste, die Biologin Silvia Oevermann im Blick hat. Im Sommer fahren sie und ihr Kollege Dr. Peter Borgmann wöchentlich auf Exkursion, überprüfen, wie es an den Standorten der Arten aussieht, ob zum Beispiel eine frühere Orchideenwiese inzwischen Grünland ist oder Moore vertrocknet sind, sammeln Saatgut, das dann eingefroren wird. Auch Erhaltungskulturen werden angelegt, oder Wiederansiedlungen finden statt, um dem starken Artenrückgang zu begegnen.

So wurde im Raum Cuxhaven und Cloppenburg Arnika montana wiederangesiedelt. Interessant an dieser alten Heilpflanze, so Sabine Zachgo, ist, dass die Inhaltsstoffe zunehmen, je höher der Standort der Pflanze liegt. Sie selbst hat erst vor Kurzem die nördlichste Population der Art auf Sylt besucht, die dort an die salzige Meerluft angepasst ist.

Silvia Oevermann hatte ihr Studium eher aus Liebhaberei angefangen, denn die Job-Aussichten für Biologen waren und sind nicht gut, ihre damalige Arbeitsstelle als PTA aber war sicher. Dass sich dann vor 13 Jahren eine Stelle im Botanischen Garten ergeben könnte, hätte sie nie für möglich gehalten. Es ist mein Traumjob. Draußen sein, dann wieder am Computer arbeiten, mit gefährdeten Pflanzen zu arbeiten, das ist für mich ein sehr hohes Privileg.″

Zu ihren Aufgaben gehört auch ein Projekt, das mit einer Autobahnbaustelle im Tecklenburger Land zu tun hat. Während der Bauphase wäre eine Orchideenwiese an der A 1 zerstört worden. Die Knabenkräuter wurden entnommen und wachsen nun im Botanischen Garten weiter, bis sie nach dem Bau wieder eingepflanzt werden können.

Das Beet, das einen Teil der WIPs-Pflanzen zeigt, findet man vor dem roten Bohnenkamp-Haus, ganz in der Nähe eines umzäunten Areals mit dem sperrigen Namen Agro-Biodiversitätsfläche″. In diesem ebenfalls von der Bohnenkamp-Stiftung geförderten Beet kann man anschaulich sehen, wie sich Nutzpflanzen durch 10 000 Jahre Zuchtauswahl verändert haben.

Der wilde Kohl, der heute noch auf Helgoland vorkommt, steht neben alten und neuen Kulturkohlarten wie Grünkohl oder Brokkoli, dessen Blüte verzögert ist. Sabine Zachgo, deren Schwerpunkt Entwicklungsgenetik ist, erklärt, durch welche Mutationen diese Kulturarten zustande kamen: Beim Rotkohl und Weißkohl zum Beispiel ist die Hauptachse, der Stamm sozusagen, gestaucht.

Neben den Kohlarten wachsen die Fabaceaen, die Hülsenfrüchtler, zu denen Bohnen, Erbsen, Linsen gehören. Sie sind für die Forschung besonders interessant, weil sie als Eiweißalternative zur Fleischernährung infrage kommen und auch auf sandigen, armen Böden wachsen. Die Lupine kommt dabei ganz ohne Düngung aus, und ihr Eiweiß ist sehr faserig, in der Konsistenz wie Hähnchenfleisch″, erläutert Sabine Zachgo.

Auf den Namen Bohnenkamp″ stößt man oft im Botanischen Garten. Der kürzlich verstorbenen Unternehmerin Gisela Bohnenkamp lag die Arbeit dort sehr am Herzen, sodass die von ihr 2008 ins Leben gerufene Stiftung viele Projekte dort fördert, unter anderem das Bohnenkamp-Haus, in dem Veranstaltungen stattfinden und das Raum für Umweltpädagogik bietet.

Für reges kulturelles Leben im Botanischen Garten sorgt dabei unter anderem Maria-Theresia Sliwka. Die Rechtsanwältin und frühere Ratsfrau steht dem Freundeskreis des Botanischen Gartens vor, der seit 1986 unter dem Motto Botanik - Bildung Kultur″ den Botanischen Garten finanziell und mit ehrenamtlicher Arbeit unterstützt.

Er führt Projekte durch wie das herbstliche Kürbisfest, das an diesem Sonntag auf dem Programm steht, oder auch den Pflanzentauschmarkt im Frühjahr, initiiert Konzerte wie 2018 das Classic-Open-Air und setzt Großprojekte in Gang, so aktuell die komplette Neugestaltung des Eingangsbereiches, die durch Spenden vor allem der Bohnenkamp-Stiftung möglich war. Auch die Grüne Schule wird gefördert, die Führungen für jedes Alter anbietet, angefangen vom Kindergartenkind.

Gerade für die Stadtkinder ist der Botanische Garten wichtig, um so früh wie möglich an die Natur herangeführt zu werden″, findet Sliwka. Der Freundeskreis legt auch selbst mit Hand an bei der herbstlichen Aufräumaktion im naturnahen Steinbruch. Damit dort nicht alles zuwächst, ist es nötig, einmal im Jahr stark wuchernde Pflanzen zu entfernen. Es macht viel Freude, im Freundeskreis mitzuarbeiten. Wir können aber gerne noch mehr Unterstützung gebrauchen, neue Leute und neue Impulse sind herzlich willkommen″, betont Sliwka. So könne man den Botanischen Garten hinter den Kulissen kennenlernen und Kontakt zu gleichgesinnten Pflanzenfreunden bekommen oder auch einfach nur mit dem Mitgliedsbeitrag eine gute Sache fördern.

Der Botanische Garten hat also für die verschiedensten Zielgruppen viel zu bieten und ist dennoch keineswegs überlaufen, sondern zählt in Osnabrück immer noch zu den Geheimtipps als kleines, etwas verstecktes Paradies ganz nah an der City.

Bildtexte:
Hier muss man schon schwitzen können″: Tropenhausgärtner Thomas Ahr an seinem Arbeitsplatz.
Orchideenwiese an der Autobahn gerettet: Gartenchefin Sabine Zachgo (rechts) und die Biologin Silvia Oevermann.
Maria-Theresia Sliwka engagiert sich ehrenamtlich.
Hinten das Bohnenkamp-Haus, vorne ein Beet für gefährdete Wildpflanzen aus dem WIPs-Projekt.
Der vermeintliche Pilz lockt Insekten an, die Aristolochia arborea dann bestäuben.
Fotos:
Philipp Hülsmann
Autor:
Anke Herbers-Gehrs


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