User Online: 1 | Timeout: 23:16Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das wäre geklärt
Zwischenüberschrift:
Osnabrücks Hauptklärwerk in Eversburg ist seit 1912 am Netz
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Man muss einen Blick in die Vergangenheit werfen, um würdigen zu können, welch einen Segen für die Menschheit der Bau der ersten Kläranlagen mitsamt der zuliefernden Kanalisation bedeutete. Osnabrücks Hauptklärwerk in Eversburg erlebte seine Grundsteinlegung im Jahr 1912.

Die Jahrzehnte zuvor waren von ständigem Ringen um bessere hygienische Verhältnisse gekennzeichnet gewesen. Im Zuge der Industrialisierung wuchs die Bevölkerung im 19. Jahrhundert rasant, die Ver- und Entsorgungsinfrastruktur wuchs aber nicht mit. Trinkwasser wurde aus Brunnen geschöpft, die oft dicht an Aborten lagen. Abwässer suchten sich ihren Weg in den Gossen längs der Straßen und wurden in offene Gerinne geleitet, die ungeklärt in die Hase entwässerten. Eine Müllabfuhr gab es nicht. Unrat wurde häufig zusammen mit den Fäkalien von Mensch und Tier sowie Schlachtabfällen und betrieblichen Abwässern jeder Art und Konsistenz in die Gräben gegeben.

Abort-Gruben mussten von Zeit zu Zeit entleert werden, was eine wenig begehrte Tätigkeit darstellte. Tagelöhner, die diese Arbeit verrichteten und die eingesammelten Fäkalien in sogenannten Ahlewagen an Bauernhöfe außerhalb der Stadt lieferten, bewegten sich am unteren Ende der sozialen Skala.

Da schien es praktischer, die Abtritte″ direkt über den Gräben anzulegen. Die Wasserspülung funktionierte jedoch häufig nicht, weil die Gräben zu wenig oder gar falsches Gefälle hatten. Zudem wurden sie nicht gereinigt, sodass der Abfluss-Querschnitt immer weiter abnahm. Bei Starkregen kam es zu Stauungen. Erdgeschoss- und Kellerwohnungen liefen mit stinkender Brühe voll. Von der guten alten Zeit″ sollte man gerade in dieser Hinsicht also besser nicht reden.Miquels Sielordnung″

Spätestens mit dem Ausbruch der Cholera 1859 wurde klar, dass es so nicht weitergeht, dass die natürliche Spülung der Gräben durch Regenfälle nicht ausreicht und dass die Selbstreinigungskraft der Hase gefährdet ist. Der Bau unterirdischer Kanäle begann. 1866 führte Bürgermeister Johannes Miquel eine sogenannte Sielordnung″ ein, die die Kosten des Kanalbaus auf die anzuschließenden Hausbesitzer verteilte.

Auf der gefestigten finanziellen Basis machte der Kanalbau rasche Fortschritte. Zunächst war noch strittig, ob die Kanäle nur Flüssigkeiten aller Art aufnehmen sollten oder auch die Feststoffe aus den Aborten. Stadtbaurat Hackländer plädierte dafür, es beim alten System der gesonderten Abfuhr der Fäkalstoffe aus den Abortgruben zu belassen, zumal bei der periodischen Leerung der Gruben auch wertvoller Dünger anfalle.

Es kam aber anders. Man entschied, einen zentralen Hauptsammelkanal für sämtliche Abwässer einschließlich der Fäkalstoffe anzulegen, der weit unterhalb der Stadt in die Hase entwässerte mit der Möglichkeit, dort durch vorgelagerte Rieselfelder eine gewisse Klärung zu erreichen. Um 1902 war dieser Hauptsammler fertig. Er verlief unter der Stüve- und der Pagenstecherstraße parallel zur Hase bis hinter das Betriebsgelände der alten Quirll′schen Papiermühle (später Kämmerer). Dort gelangten die Abwässer zunächst noch ungeklärt in den Fluss.

Der schon 1898 beabsichtigte Bau einer mechanischen Kläranlage verzögerte sich. Erst das Jahr 1912 ist als Gründungsdatum des Klärwerks Eversburg anzusehen, denn in dem Jahr nahm die Stadt eine Siebtrommelanlage zur mechanischen Zurückhaltung grober Stoffe in Betrieb. 1935 folgten eine Rechenanlage und erste Klärbecken, in denen sich Schmutzstoffe durch Schwerkraft absetzten. 1938 kam eine biologische Reinigungsstufe hinzu. Weitere Meilensteine: 1955 eine zweistufige Belebtschlammanlage, 1968 weitere biologische Stufen, Ausgleichsbecken und der erste Faulturm (das Eversburger Ei″), 1993/ 94 erfolgte eine Grundsanierung mit Erneuerung der biologischen Reinigungsstufen und der Nachklärung, Abdeckung der Becken und Rinnen zwecks Vermeidung von Geruchsbelästigungen, 1998/ 99 folgten ein zweiter Faulbehälter und die Anlage von drei naturnahen″ Nachklärteichen nördlich der Brückenstraße.

Das heute 20 Hektar Grundfläche umfassende Klärwerk Eversburg hat seit seiner Entstehung 1912 alle typischen Entwicklungsstufen der Klärwerkstechnik in Deutschland mitgemacht. Es ist bis heute eine Dauerbaustelle, da ständig neue biologisch-technische Erkenntnisse und Umweltanforderungen zu berücksichtigen sind.Langer Rechtsstreit

Die Stadt hat allerdings nicht immer eine glückliche Hand bei der Vergabe gehabt. Der Auftrag zur Grundsanierung 1993/ 94 zog eine Klage eines unterlegenen Bieters nach sich. Nach jahrelangem Rechtsstreit bis zum Bundesgerichtshof musste die Stadt wegen entgangenen Gewinns schließlich Schadenersatz in Millionenhöhe leisten. Die Entschädigungszahlung 2003 hat der klagenden Firma allerdings nicht mehr viel genützt, da sie schon 2001 in Konkurs gefallen war.

Bis 2001 gehörten Klärwerk und Kanalisation organisatorisch zum Tiefbauamt der Stadt. Danach übernahmen die Stadtwerke den gesamten Bereich, zu dem auch das zweite städtische Klärwerk in Hellern gehört. Das nimmt die Abwässer aus Hellern, Sutthausen und Hasbergen auf, bevor es sie geklärt in die Düte abgibt. Der Durchsatz beträgt etwa ein Zehntel der Menge, die in Eversburg verarbeitet wird. Die Stadtwerke und ihr Tochterunternehmen SWO Netz GmbH sind damit zu den Herren der Unterwelt″ Osnabrücks geworden. Mehr als 1100 Kilometer an Kanälen, 338 Pumpstationen und 90 Regenrückhaltebecken gehören zu ihrem Revier. Tag für Tag werden 49 000 Kubikmeter Abwässer so gründlich geklärt, dass sie am Ende des Prozesses bedenkenlos an Hase und Düte abgegeben werden können.

Die nächste Großinvestition für das Klärwerk Eversburg kündigt sich bereits an. Ab 2029 darf der anfallende Klärschlamm nicht mehr als Dung für landwirtschaftliche Flächen abgegeben werden. Bis dahin muss eine Verbrennung eingerichtet sein. Kostenpunkt: 24 Millionen Euro.

Bildtexte:
Baustelle Klärwerk 1957: Ein neues Hauptbelebungsbecken und Nachklärbecken entstehen. Oben waagerecht verläuft der Stichkanal. In der unteren Bildhälfte ist die noch junge Siedlung Wippchenmoor zu erkennen.
Klärwerk″ auf Rädern: Bevor die Kläranlage Eversburg den Betrieb aufnahm, wurden Abortgruben per Hand geleert. Tagelöhner brachten die Fäkalstoffe in Ahl-Tönnken″ mit dem Ahlewagen in die umliegende Landwirtschaft. Das Foto von Rudolf Lichtenberg (hier ein Ausschnitt) stammt aus dem Archiv des Museums Industriekultur.
Das Klärwerk heute: Zwei Faultürme, die aus der Ferne an Ei und Salzstreuer″ erinnern, sind die Arbeitsplätze unzähliger Bakterien. Diese sorgen für das Ausfaulen″ der eingeleiteten Schlämme.
Die Kläranlage Eversburg in jungen Jahren: 1935 sind die ersten Vorklärbecken und eine Rechenanlage in Betrieb gegangen.
Großbaustelle im Januar 1994: Für mehr als 50 Millionen DM entstehen in Eversburg damals unter anderem neue Nachklärbecken (in der Bildmitte in Rundform) und Belebungsbecken (dahinter).
Den Ausbaustand des Klärwerks im Jahr 1972 zeigt dieses Luftbild aus dem Archiv des Eversburger Bürgervereins: Der erste Faulturm der Anlage ist bereits errichtet worden, die Brückenstraße ist gerade im Entstehen.
Fotos:
Archiv Bürgerverein Eversburg, Archiv Stadtwerke Osnabrück/ Oliver Pracht, Archiv Stadtwerke Osnabrück, Archiv/ Michael Hehmann
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste