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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das Heger Tor ist 120 Millionen Jahre alt
Zwischenüberschrift:
Beim „Tag der Steine″ führt der Geologe Patrick Chellouche mitten in der Stadt durch die Erdgeschichte
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Rathaus, Stadtwaage und Dom sind 240 Millionen Jahre alt. Natürlich nicht als Bauwerke, sondern im Hinblick auf die Steine, aus denen sie errichtet wurden. Den Altersrekord hält allerdings ausgerechnet ein modernes Gebäude: die City-Toilette am Domhof.

Die vorgehängten Naturstein-Platten der Bedürfnisanstalt bringen es auf stolze 2, 5 Milliarden Jahre. Es handelt sich um polierte Granit-Elemente der Sorte Juparana India, Herkunftsland Indien. Die sind freilich nicht typisch für die Osnabrücker Altstadt, sondern Modeartikel aus dem Katalog des Baustoffhandels, erläutert Patrick Chellouche. Der ist promovierter Geowissenschaftler und leitet seit einem Jahr die paläontologische Abteilung des Naturkundemuseums am Schölerberg. Zum deutschlandweit ausgerufenen Tag der Steine″ hat er zu einer werksteinkundlichen Exkursion durch die Innenstadt eingeladen.

Es ist eine Premiere für Osnabrück. Elf Mitgänger finden sich ein. Für Chellouche eine durchaus erfreuliche Resonanz, handele es sich doch, objektiv betrachtet, um ein etwas spezielles″ Angebot. Das Netzwerk Steine in der Stadt″ möchte mit dem jährlich begangenen Tag der Steine″ Verständnis für und Freude an Naturwerksteinen in unserer städtischen Umgebung wecken. Und das nicht nur bei Fachleuten wie Geowissenschaftlern, Steinmetzen oder Architekten, sondern in einer möglichst breiten Öffentlichkeit.

Erdgeschichte kann man nicht nur im Museum oder auf Ausgrabungen erleben″, sagt Patrick Chellouche. Viel näher liege es doch, ganz bequem auf einem Stadtbummel die Steine in ihrer alltäglichen Nutzung zu betrachten, ohne extra in Steinbrüchen herumkraxeln zu müssen. Denn unsere Städte seien nicht nur ein Denkmal für die Bautätigkeit des Menschen durch die Jahrhunderte. Sie lassen viele Millionen Jahre tiefer in die Vergangenheit blicken wenn man so wie Chellouche die Sichtflächen der Naturwerksteine zu deuten weiß.

Beispiel Heger Tor oder Waterloo-Tor, wie es eigentlich heißt. Es erinnert seit gut 200 Jahren an den Osnabrücker Beitrag zum Sieg über Napoleons Truppen bei Waterloo. Die Quadersteine des Torbogens bringen es auf 120 bis 140 Millionen Jahre. Sie stammen aus dem Teutoburger Wald, vielleicht aus dem damals viel genutzten Benno-Steinbruch am Dörenberg. Man kann sie gut bearbeiten. Daher sind sie wie geschaffen für die sogenannten Dimensionssteine, die die Lasten des Torbogens sauber abtragen können.

Die glatten Oberflächen lassen hier und da Spuren von Meerestieren erkennen, etwa Kriechgänge von Würmern, wie sie jeder Wattwanderer schon einmal gesehen hat ein Indiz dafür, dass der Osning-Sandstein marinen″ Ursprungs ist. Im Erdzeitalter des Jura, das uns spätestens seit dem Kinohit Jurassic Park″ zumindest dem Namen nach geläufig ist, war unser Landstrich von einem lagunenartigen Flachmeer bedeckt, an dessen Stränden sich die Dinosaurier tummelten. Aber eben auch Muscheln, Tintenfische und Krebse. Deren kalkhaltige Überreste verewigten sich in den Sediment-Ablagerungen. Und man erkennt die typischen Riffelungen, wie sie Wind und Wasser im Sand hinterlassen.

Patrick Chellouche weist auf das unbearbeitete, geradezu schroffe Gestein hin, das sich links und rechts an die glatten Formsteine des Torbogens anschließt. Es hat einen nur kurzen Weg hinter sich, kommt nämlich aus den Steinbrüchen des Westerbergs. Dieser Wellenkalk-Bruchstein ist etwa 240 Millionen Jahre alt und lässt sich kaum bearbeiten. Er wurde zum schnellen Hochziehen von Mauerwerk ohne ästhetische Anforderungen eingesetzt, wie bei den mittelalterlichen Stadtbefestigungen.

Am Rathaus lassen sich drei Steinsorten aus verschiedenen Zeitaltern entdecken. Der Sockel des Treppenaufgangs weist den hier etwas rötlichen Dörenberger Sandstein auf, während das grünlich schimmernde Hauptmauerwerk aus Meller Schilfsandstein besteht. Die erst im 19. Jahrhundert ergänzten Kaiserstatuen sind hingegen aus Baumberger Sandstein, der sich gut figürlich bearbeiten lässt.

Und so geht es weiter durch die City, mit Stationen unter anderem an Stadtwaage und Marienkirche, am Löwenpudel-Denkmal, am Dom und an der Ursulaschule. Die Herkünfte der Gesteine aus der Region lassen erkennen, dass das Heranschaffen beschwerlich und teuer war, zumal die Hase zu keinen Zeiten als Transportweg taugte. Diese Beschränkungen sind in der jüngsten Neuzeit entfallen, wie Chellouche etwa anhand des China-Pflasters in der Großen Straße aufzeigt. Auch die modernisierten Fassaden mancher Geschäftshäuser bieten Abwechslung: Das Ristorante Italiano″ in der Theaterpassage glänzt mit Treuchtlinger Marmor, Juwelier Kolkmeyer mit Granatglimmerschiefer (möglicherweise aus dem Ötztal), das Nordsee-Fischgeschäft mit Ibbenbürener Sandstein. Krönender Abschluss ist der Haarmannsbrunnen. Wer bei diesem Denkmal, das dem Grubenarbeiter im Piesberg gewidmet ist, Piesberger Karbonquarzit erwartet, der irrt. Die Nachbildung der Grubenwände besteht aus Durilit, einem aus Steinmehl und Zement hergestellten Kunststein.

Bildtext:
Das Material, aus dem das Heger Tor und die alten Stadtmauern errichtet wurden, kommt aus der Region Osnabrück und die war früher von einem Meer bedeckt, was man angesichts der Oberflächen der Steine deutlich erkennt.
Fotos:
Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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