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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das jüdische Leben vor dem Martyrium
Zwischenüberschrift:
Erneut haben Nachfahren derjüdischen Familie Flatauer Osnabrück besucht. Beim Betrachten der von ihnen mitgebrachten alten Fotos lässt sich erahnen, wie wohlhabendund glücklich die Familie damals war.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Unglaublich, das Haus hat sich ja kaum verändert! Irit Segev kann es fast nicht fassen. Die 33-Jährige und ihr 28-jähriger Bruder Guy Ben Hamou kennen das Gebäude in der Herderstraße 3 nur von den Fotos ihrer längst verstorbenen Urgroßmutter Inge.

Diese wurde 1914 geboren und wohnte einst in dem Haus, verließ Deutschland aber im Jahr 1934 Richtung Palästina. Inges Eltern, Siegfried und Sophie Flatauer, verkauften das Haus bereits 1936 und zogen nach Berlin, folgten der Tochter aber erst im Jahr 1939 und damit quasi in letzter Sekunde: Später wäre die Ausreise aus Deutschland für das jüdische Paar wohl kaum noch möglich gewesen.

Nun haben sich die in Israel lebenden Urenkel von Inge Flatauer auf die Spuren ihrer Osnabrücker Vorfahren begeben. Mit dem Besuch der Geschwister schließt sich wohl auch der Kreis, den ein Artikel unserer Redaktion im November 2017 geöffnet hat: Damals berichteten wir über das leer stehende Haus in der Herderstraße 22. Dieses gehörte einst Siegfrieds Bruder Raphael, der hier mit Frau Alma und den Söhnen Kurt und Hans lebte.

Die beiden Flatauer-Brüder waren Unternehmer in Osnabrück. Sie betrieben die Tuchgroßhandlung Flatauer und Co. KG″ in der Möserstraße 26 und die Großgarage Osnabrück-West″ in der Adolfstraße 60/ 62. Darüber hinaus besaßen sie drei Häuser in der Großen Straße, Nummer 27 bis 29, die 1938 an L& T verkauft wurden, sowie weitere Ländereien. Doch ihr Wohlstand und Ansehen halfen ihnen unter der NS-Diktatur nicht. Die jüdische Familie Flatauer verlor ihre Geschäfte, ihre Häuser und teilweise ihr Leben: Während die drei Flatauers in der Hausnummer 3 rechtzeitig auswandern konnten, hatten Raphael und Alma kein Glück. Das Paar wurde 1943 in Auschwitz ermordet, seine Söhne konnten sich retten: Kurt ging nach Palästina, Hans nach England.

Alte Fotos gefunden

Bis zum November 2017 war von dem Schicksal der Familie nur ein Bruchteil bekannt. Doch mit einer E-Mail im Sommer 2017 sollte sich das ändern: Irit Segev aus Tel Aviv schrieb an den Bürgerverein Katharinenviertel. Meine Großeltern sind 2016 gestorben, und beim Ausräumen ihres Hauses fanden wir alte Papiere und Fotos, die wir nicht lesen oder zuordnen konnten. Online bin ich dann auf den Bürgerverein gestoßen, der über die Stolpersteine für die mir unbekannten Raphael und Alma Flatauer berichtete.″

Vollkommen unabhängig davon startete im Sommer 2017 auch die Recherche der NOZ über das Haus in der Herderstraße 22. Der Bürgerverein leitete Segevs E-Mail an uns weiter und so kam es zu der Geschichte über das leere Haus in der Herderstraße, die bis nach Israel Auswirkungen hatte: Raphaels Enkel Guri lebt in Tel Aviv. Durch den Artikel war seine Neugier geweckt. Er besuchte mit seiner Frau Aviva zweimal Osnabrück und erfuhr hier Dinge über seinen Vater, die er vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Zwei Jahre später stehen nun auch Irit Segev und Guy Ben Hamou vor dem Haus, welches ihr Ururgroßvater Siegfried einst bauen ließ. Die Flatauers waren reich und modern: Sie wollten Häuser im Bauhaus- und Art-déco-Stil, und sie beauftragten den Osnabrücker Bauhaus-Architekten Otto Schneider. Der Stadt damals war das orientalische″ Flachdach der Herderstraße 3 nicht genehm: Wie ein Zeitungsartikel aus der Zeit erzählt, musste die Baustelle aus diesem Grund sogar für einige Zeit stillgelegt werden.

Doch 1928 war das Haus Herderstraße 3 fertig und wurde von den Flatauers bezogen. Wie stolz die Familie war, zeigen Dutzende Fotos, die Segev und ihr Bruder mit nach Osnabrück gebracht haben: Man sieht die Familie und Freunde im Garten des Hauses, Inge und Cousin Hans an der Eingangstür, Fotos vom ersten Hausball″ der 16-Jährigen im Jahr 1930, Schnappschüsse von Urlauben und vom jüdischen Tennisplatz am Uhlenfluchtweg, dessen Miteigentümer die Gebrüder Flatauer waren. Viele der Fotos sind von Inge liebevoll beschriftet worden.

Siegfried Flatauer war Offizier im Ersten Weltkrieg und überzeugter Patriot. Erst nach der Reichspogromnacht 1938 war ihm klar, dass er Deutschland verlassen musste: In der Nacht wurde das große Textilgeschäft an der Möserstraße geplündert. Zeitgleich wurden die jüdischen Frauen und Kinder des Viertels in der völlig verwüsteten Wohnung der Flatauers in der Herderstraße 22 eingesperrt und mussten mit ansehen, wie antisemitische Nachbarn in das Haus eindrangen und Möbel kurz und klein schlugen. Unser Ururgroßvater Siegfried hat sich von dieser Nacht nie wieder erholt. Für ihn brach eine Welt zusammen.″

Seine Tochter Inge ahnte schon früher, dass ihre behütete Kindheit zu Ende war: Sie hörte Anfang der 1930er-Jahre, wie in ihrer Schule ein Lied gesungen wurde, das den Mord an Juden guthieß. Inge wusste nicht, wie sie das ihren Eltern beibringen sollte, beschloss aber für sich, Deutschland zu verlassen″, erzählt Martina Sellmeyer. Sie hat das Buch Stationen auf dem Weg nach Auschwitz″ mitverfasst, das Standardwerk über die Judenverfolgung in Osnabrück. Als Inge Flatauer Deutschland verließ, waren die Nationalsozialisten etwa ein Jahr an der Macht.

Für die Recherche sprach Sellmeyer in den 1980er-Jahren mehrmals mit Inge und freut sich über die Bilder, die das Geschwisterpaar mitbringt: Ich arbeite an einer Neuauflage von , Stationen′. Bei der Recherche habe ich eine Beschreibung gefunden, die Siegfried Flatauer 1936 im Rahmen der Verkaufsverhandlungen über das Haus verfasste.″ Laut Sellmeyer schreibt er voller Stolz über die Fussbodenbeläge aus Parkett und Marmor, einen Wandbrunnen im Wintergarten, einen Kamin im Erdgeschoss und den im Herrenzimmer eingebauten Zigarrenschrank.

Eine andere Anrede als , Omi′ hat unsere Urgroßmutter nicht geduldet″, sagt Guy Ben Hamou. Wir waren uns sehr nah und besuchten sie als Kinder mehrmals in der Woche in der israelischen Stadt Kirjat Bialik.″ Dort lief dann immer Fernsehen oder deutsche Klassik, und auf die Teller kamen deutsche Gerichte wie Schnitzel und Kartoffelbrei. Sie fühlte sich der deutschen Kultur sehr verbunden, besuchte später auch mehrere Male Osnabrück. Zudem sprach sie mit meiner Großmutter Deutsch was untypisch war für viele der deutschstämmigen Juden, die in Israel lebten″, sagt Segev. „, Benimm dich′ war einer ihrer Lieblingssätze″, fügt Guy Ben Hamou hinzu und lacht.

Mit den Enkeln und Urenkeln sprach sie jedoch wenig über die deutsche Vergangenheit, was die Geschwister heute bedauern. Seltsamerweise kennen Menschen in Osnabrück diesen Teil unserer Familiengeschichte besser als wir″, sagt die 33-Jährige. Sie wollten die Stadt und die Menschen dort treffen. Dafür haben wir extra Rosch ha-Schana gewählt, also den jüdischen Neujahrstag.″ Dieser gilt als ein Tag, um Bilanz zu ziehen, bevor etwas Neues beginnen kann.

Das Haus Herderstraße 3 gehört seit 1990 der Mutter von Gesche Tebbendorf. Diese wohnt im Erdgeschoss, Tebbendorf und ihr Mann Manfred Stücklschwaiger in der ersten Etage. Das Paar sagte sofort zu, als es hörte, dass sich die Nachfahren der Flatauers gerne einmal in den Räumen ihrer Vorfahren umschauen möchten. Ich bin selbst neugierig auf die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner″, so Tebbendorf.

Mit viel Elan führt sie Segev und Ben Hamou durch Haus und Garten und vergleicht zusammen mit den Geschwistern die alten Fotos mit der Gegenwart. Dabei können sie diverse Details wiedererkennen, und an derselben Stelle, wo einst Inge Flatauer für ihren ersten Hausball″ posierte, entsteht dann auch ein Bild ihrer Urenkel.

Was sich noch findet, ist der Balkon, auf dem sich Raphaels Sohn Hans zusammen mit seiner jüdischen Pfadfindergruppe hat fotografieren lassen: Dieser befindet sich immer noch im Haus Herderstraße 3 und nicht, wie von Sellmeyer einst vermutet, im Haus von Hans′ Eltern, der Herderstraße 22.

Herderstraße 22

Ebendieses Haus ist mittlerweile an einen Privatmann aus Osnabrück verkauft worden. Gegenüber unserer Redaktion will dieser sich nicht dazu äußern, was er mit dem Haus vorhat. Dem Bürgerverein hat er jedoch mitgeteilt, dass er das Haus nicht abreißen werde, sondern privat nutzen wolle. Darüber sind wir natürlich sehr froh″, sagt Vereinsmitglied Hartmut Böhm.

Aktuell stehen mehrere Mulden vor dem Haus. Dass das Haus nun renoviert wird, zeigt aber auch, wie falsch die Annahme der Stadt war, dass es nicht zu retten sei″, sagt Böhm. Zur Erinnerung: Die Erben der ehemaligen Besitzerin hatten es der Stadt für den Kaufpreis von 340 000 Euro angeboten. Doch im April wurde der Antrag der SPD, Ankaufsverhandlungen zu führen, bei einer Ratsversammlung abgelehnt.

Irit Segev hatte den Bürgerverein vor ihrem Besuch gebeten, beim neuen Hausbesitzer anzufragen, ob sie und ihr Bruder das Haus besichtigen könnten. Doch laut Böhm lehnte der Besitzer diese Bitte ab, weil er negative Reaktionen aus der Bevölkerung befürchtet. Allerdings können Segev und ihr Bruder trotzdem einen Blick in die Räume ihrer Verwandten werfen: Beim Gang durch die Herderstraße sprechen sie spontan einen der Arbeiter an, und dieser gewährt ihnen eine Stippvisite. Was die beiden Israelis erstaunt: Hier finden sich dasselbe Parkett und dieselben Deckenverzierungen sowie ein ähnlicher Marmorboden wie in der Herderstraße 3.

Höhepunkt für die Geschwister bleibt aber der Besuch der Herderstraße 3, sagt Irit Segev: Omis Haus von innen und außen zu sehen und die Räume von den alten Fotos wiederzuerkennen ist aufregend und berührend für uns.″

Bildtexte:
Es hat sich kaum etwas geändert: Irit Segev vergleicht das Haus Herderstraße 3 mit Bildern ihrer Urgroßmutter Inge Flatauer.
Inge Flatauers erster Hausball an Weihnachten 1930 in der Her-derstraße 3 in Osnabrück.
Fast an der selben Stelle wie die Festgesellschaft im Bild oben stehen Irit Segev und Ben Hamou 89 Jahre später.
Das Haus Herderstraße 3 im Jahr 1928.
Fotos:
Swaantje Hehmann, Irit Segev, Ben Hamou

Jedes Mal wenn Corinna Berghahn ihre Tochter vom Hort abholte, fragte sie sich: Warum steht mitten im Katharinenviertel ein Haus seit Jahren leer? Unabhängig davon fragte sich ihre Kollegin Kathrin Pohlmann dasselbe. Ein zufälliges Gespräch in der Küche führte zur gemeinsamen Recherche, und im November 2017 erschien die Geschichte von Moderne, Vertreibung, Mord, Moral und Verwahrlosung. Zu sehen, dass all die Arbeit schon mehrmals dazu geführt hat, die jüdischen Nachfahren in Osnabrück zu treffen, berührt die Journalistin derart, dass sie diese Geschichte wohl nie vergessen wird.
Autor:
Corinna Berghahn


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