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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Die „Zwillinge″ feiern Geburtstag
Zwischenüberschrift:
Wie sich vor 100 Jahren Musikpädagogik in Osnabrück entwickelte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Schon bei der Gründung im Februar 1919 verfolgte das Konservatorium der Musik zu Osnabrück″ zwei Ziele. Zweck der Anstalt″ war einerseits die gründliche Ausbildung von Musikliebhabern″ und andererseits von Berufsmusikern vom ersten Anfang bis zur Reife″. Namen, Trägerschaften und Ausbildungsorte wechselten in den folgenden hundert Jahren, aber das Grundanliegen blieb konstant.

Darauf wies der niedersächsische Minister für Kultur und Wissenschaft Björn Thümler beim Festakt für 100 Jahre Musikpädagogik in Osnabrück im Friedenssaal des Rathauses hin. Er sprach von einer glücklichen Symbiose, die beispielgebend den gesellschaftlichen Auftrag der musikalischen Bildung einerseits erfüllt und die qualifizierte Ausbildung der künftigen Gestalter des Musiklebens andererseits gewährleistet habe. Dies werde sie auch zukünftig dank des kürzlich in Angriff genommenen Erweiterungsbaus an der Caprivistraße unter noch besseren Rahmenbedingungen leisten können.

Thümler erwähnte, dass er in diesen Tagen viel reisen müsse. Denn überall im Lande sprossen vor 100 Jahren im Zeichen des Neubeginns nach der Revolution Kultureinrichtungen wie Pilze aus dem Boden. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert erinnerte, auf Osnabrück bezogen, in dem Zusammenhang an 100 Jahre Volkshochschule und 100 Jahre Sinfonieorchester.

Als gesetzliche Vertreter der Zwillinge″ meldeten sich Sigrid Neugebauer-Schettler (für die städtische Musik- und Kunstschule MKS) und Sascha Wienhausen (für das Hochschul-Institut für Musik IfM) zu Wort. Sie führen die Zweigleisigkeit″ der Musikpädagogik in Osnabrück unter dem gemeinsamen Dach der ehemaligen Frauenklinik an der Caprivistraße fort. Professor Wienhausen hat zum Jubiläum eine fast 200 Seiten starke Festschrift herausgegeben. Sie beschreibt in einer bewundernswerten Fleißarbeit nicht nur die geschichtlichen Eckpunkte, sondern auch Gegenwart und Zukunft, wenn sie etwa die Akademisierung populärer Musik″ diskutiert oder zwischen D-Dur und Demenz″ auf mögliche neue Aufgaben der Musik unter den Vorzeichen des demografischen Wandels hinweist.

Die unübersehbar große Schar ehemaliger Konservatoriumsschüler wird in der Liste aller Lehrenden seit 1960 ihren Klavierlehrer oder ihre Geigenlehrerin wiederfinden. Namen wie Adolf Leppich, Günter de Witt, Cyrill Kopatschka, Marcel Charpentier oder Gustl Huuck dürften jedem Musikfreund etwas sagen. Aber auch Komponisten und Komposition am Konservatorium″ werden in einem Beitrag von Studiendekan Michael Schmoll gewürdigt, während der ehemalige FH-Präsident Erhard Mielenhausen das von ihm wesentlich mitgestaltete Osnabrücker Modell″ des Übergangs in die neuen Trägerschaften beschreibt.

Angefangen hat alles mit einer Bürgerinitiative. Im Februar 1919 ruft der Städtische Musikdirektor″ Karl Hasse einige Musikerkollegen zur Gründung des Konservatoriums zusammen. Den Titel hat Hasse sich vom Magistrat absegnen lassen. Das ist aber auch schon die einzige Verbindung zur Stadt. Die Damen und Herren Musiklehrer bleiben eigenständig, führen lediglich einen Teil ihrer Einnahmen an Hasse für die Verwaltung ab.

Im Kuratorium″ sitzt unter anderen Kunstmaler Franz Hecker, der nicht nur den Pinsel, sondern als begeisterter Amateurmusiker auch den Geigenbogen meisterhaft zu führen weiß. Erster Schulort sind Nebenräume in der Klavierhandlung Dreinhöfer und Domp, Möserstraße 36. Bereits 1920 steht der erste Umzug an. Es geht in das vormalige Lydiaheim in der Katharinenstraße 18. Die Lage mitten im Wohngebiet, ohne jegliche schalltechnische Isolierungen, erweist sich jedoch als problematisch.

So gesehen, ist es eine deutliche Verbesserung, als 1935 die Stadt dem Konservatorium die Stadtvilla Rolandsmauer 6, zuvor Sitz der zwangsaufgelösten Freimaurer-Loge Zum Goldenen Rade″, zur Verfügung stellt. Der räumliche Fortschritt wird erkauft durch Verlust der Selbstständigkeit. Die Stadt übernimmt das Konservatorium und gliedert es in die Erziehungsstrukturen der NS-Ideologie ein. Mit der Zerstörung der Villa Rolandsmauer im Bombenkrieg 1944 findet der Unterrichtsbetrieb ein vorläufiges Ende.

Der Neuanfang nach dem Krieg ist beschwerlich. Das Städtische Musikschulwerk″ erst ab 1955 spricht man wieder vom Konservatorium″ beginnt in einer Baracke an der Landwehrstraße, in der Jugendherberge Bocksmauer und nachmittags in den Volksschulen Haste und Eversburg. 1951 ist der alte Adelssitz Poggenburg gegenüber der Katharinenkirche wiederaufgebaut und wird neue Heimstatt der Musikerziehung.

In die Zeit unter der Leitung Kurt Felgners (1946 bis 1954), Karl Schäfers (1954 bis 1965) und Bruno Hegmanns (1965 bis 1972) fällt die große Expansion sowohl der Musikschule als auch der Studienabteilung″ für die angehenden Berufsmusiker. Nachbargebäude an Hakenstraße und Katharinenstraße werden hinzugemietet.

1996 verständigen sich Stadt und Land darauf, die Studienabteilung des Konservatoriums mit der Musiklehrer-Ausbildung in die Trägerschaft des Landes in Gestalt der Fachhochschule (FH) zu übergeben. Es erscheint sinnvoll, das Konservatorium insgesamt umziehen zu lassen, um die personellen und räumlichen Beziehungen zu erhalten. Als Standort entscheiden die Gremien sich 1998 für die ehemalige Frauenklinik an Caprivistraße und Lieneschweg.

1999 geht der letzte Umzug über die Bühne. Der letzte? Voraussichtlich 2021 werden zumindest einige Probenräume und Studios im Erweiterungsbau an der Caprivistraße einen neuen Platz finden. Der erste Spatenstich für die drei Gebäude, deren Grundrisse an Gitarren-Plektren erinnern, erfolgte im Mai 2019.

In der Feierstunde im Friedenssaal war es für Dekan Wienhausen wichtig, auf Lücken in den bisherigen Darstellungen der hundertjährigen Geschichte der Musikpädagogik in Osnabrück hinzuweisen. Davon sei insbesondere der Zeitraum 1933 bis 1945 betroffen. Während der Arbeit an der Festschrift habe ihm der Zufall geholfen, die Lücke wenigstens teilweise zu füllen. Er fand kürzlich unangekündigt das Tagebuch der Gertrud Knuth in der Eingangspost. Die heute 95-jährige Dame schildert darin in Wort und Bild ihre Erlebnisse als Studentin des Konservatoriums während des Zweiten Weltkriegs. In der Einschätzung von Wienhausen und Co-Herausgeber Eckehard Czucka ist das Reisetagebuch einer Truppenbetreuungsfahrt ins besetzte Frankreich 1941 ein Zeitdokument von so hohem dokumentarischen Wert, dass sie ihm einen Band II der Festschrift widmeten.

Bildtexte:
Die Freimaurer-Villa Rolandsmauer 6, vormals Sitz der Loge Zum Goldenen Rade″, war von 1935 bis 1944 Schulstandort des Konservatoriums. Heute steht an gleicher Stelle die Schule an der Rolandsmauer.
Die ehemalige Frauenklinik im Eck von Caprivistraße und Lieneschweg beherbergt aktuell die städtische Musik- und Kunstschule sowie das Hochschul-Institut für Musik.
Fotos:
Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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