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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Artenrückgang ist wissenschaftlich belegt″
Zwischenüberschrift:
Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz: Tote Insekten auf der Windschutzscheibe ersetzen keine Untersuchung, die Fakten aufzeigt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Insektensterben? Wie kann das sein, wenn nach jeder Autofahrt zig an der Windschutzscheibe kleben. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, sagt im Interview: Der Rückgang von Arten in Deutschland ist wissenschaftlich belegt. Hauptsächlich dafür verantwortlich sei die Landwirtschaft. Aber zunehmend spiele auch der Klimawandel eine Rolle.

Frau Jessel, das Artensterben gehört neben dem Klimawandel zu den omnipräsenten Themen in den Medien. Wie schätzen Sie das Problem ein?
Wir benutzen den Begriff Artensterben nicht, sondern sprechen ganz bewusst vom Artenrückgang. Denn der Rückgang der biologischen Vielfalt ist zwar massiv. Aber das ist kein plötzliches Ereignis, das über uns kommt. Es handelt sich um eine schleichende Entwicklung, mit der wir es seit mehreren Jahrzehnten zu tun haben. Das zeigen unsere Roten Listen sehr gut, die seit etwa 40 Jahren erstellt werden.

Inwiefern?
Wir können darin langfristige Trends ablesen, die von vielen wissenschaftlichen Studien gestützt werden. Für den Bereich der Insekten heißt das: Bei 44 Prozent der etwa 7500 bundesweit in den Roten Listen bewerteten Insektenarten gilt, dass der Bestand rückläufig ist. Besonders betroffen sind etwa die Gruppen der Köcherfliegen, Ameisen und Zikaden. Der Insektenrückgang ist also ein belegbares Faktum.

Viele Kritiker verweisen auf ihre Windschutzscheiben, die im Sommer voll von toten Insekten waren
Nun, der Windschutzscheibeneffekt spiegelt alltägliche Erfahrung. Das ersetzt aber keine wissenschaftliche Untersuchung, die Fakten aufzeigt. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass es in der Gesellschaft einen Ruck gegeben hat: Plötzlich stellen viele fest, dass es gerade im Sommer um uns herum nicht mehr so viel summt und brummt.

Lässt sich der Rückgang stoppen?
Das müssen wir natürlich versuchen. Denn die Insekten sind ja nur ein Symptom für das, was sich in unserer Landschaft abspielt. Wir können auch auf die typischen Vogelarten in der Agrarlandschaft schauen: Der Rückgang ist bei den insektenfressenden Vögeln besonders ausgeprägt. Das ist ein Indiz dafür, dass der Insektenrückgang bereits Auswirkungen auf die Nahrungsketten hat. Die Ursachen sind vielfältig, aber viele Faktoren führen immer wieder auf die Landwirtschaft zurück: Intensive Nutzung von Flächen, Verlust an Lebensräumen, intensivere Düngung, häufigeres Mähen oder Pestizideinsatz. Darunter leiden die Lebensräume für Insekten.

Reicht es aus, Blühwiesen anzulegen, wie es viele Bauern machen?
Das sind sehr löbliche Aktionen. Es ist gut, dass Blühangebote geschaffen werden. Aber insgesamt reichen ein oder wenige Blühstreifen nicht aus. Wir müssen in die Breite. Die Flächen müssen miteinander verbunden werden, um ein breites Angebot zu schaffen, im Übrigen nicht nur für Insekten, sondern auch für andere Arten der Agrarlandschaft. Und auch der Pestizid-Einsatz muss verringert werden. Die Mittel töten nicht nur die vermeintlichen Schädlinge, sondern schaden auch anderen Insekten.

Was ist mit lebensfeindlichen Steingärten in Wohngebieten?
Da blüht nichts.Aus welchen Gründen auch immer sind die Kies- und Schottergärten Mode geworden. Aber solche Moden kommen und gehen bekanntlich. Hoffentlich geht diese bald. Eine blühende Fläche ist doch viel schöner, gerne auch etwas chaotischer. Das schafft Nahrungsangebote und Lebensräume für Insekten, Vögel oder Igel. So kann jeder etwas im Kleinen tun. Aber die Welt wird das noch nicht retten. Der Großteil der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Hier liegt der Hebel.

Das Symboltier der Artenschutzbewegung ist ja die Honigbiene. Ist sie das eigentlich zu Recht?
Die Honigbiene ist in Deutschland nach Rind und Schwein das drittwichtigste Nutztier. Sie ist in ihrem Bestand nicht bedroht. Aber es gibt 561 heimische Wildbienen- und Hummelarten. Davon gelten 41 Prozent als gefährdet. Sie übernehmen eine wichtige Rolle bei der Blütenbestäubung in der Pflanzenwelt.

Wieso muss man eine Bienenart schützen, die eh niemand kennt?
Das werde ich häufiger gefragt. Es mache ja nichts, wenn eine von diesen 561 Hummel- oder Bienenarten ausstirbt. Ich warne aber davor, das nicht ernst zu nehmen: Wir wissen viel zu wenig über die Zusammenhänge in der Natur. Viele Insekten sind auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert. Fallen sie aus, springen zwar unter Umständen andere bei der Bestäubung ein. Aber dafür kommen dann andere Pflanzen kürzer. Es gibt regelrechte Bestäubungsnetze in der Natur. Wenn da einzelne Maschen wegfallen, kommt es zu Verschiebungen im Artenspektrum, hat das Folgen für das Ökosystem, die wir derzeit noch nicht überschauen können.

Welche Rolle spielt der Klimawandel beim Artenrückgang?
Auswirkungen des Klimawandels sind bei der Artenvielfalt in Teilbereichen schon spürbar: Wärmeliebende Arten wie beispielsweise die Gottesanbeterin oder einige Libellen profitieren von der Erwärmung und breiten sich in Deutschland weiter aus beziehungsweise werden dies absehbar tun. Gleiches gilt für invasive Arten, die es lieber warm mögen. Absehbar wird sich der Klimawandel neben der Art der Landbewirtschaftung zum größten Problem für unsere Tier- und Pflanzenwelt entwickeln.

Bildtext:
Beate Jessel
Foto:
dpa
Autor:
Dirk Fisser


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