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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Gute Nacht Kameraden″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Fast acht Jahrzehnte lang bewahrte die ehemalige Osnabrücker MusikstudentinGertrud Knuth ein ganz besonderes Erinnerungsstück.Ein Reisetagebuch, das sie 1941 verfasste, als sie mit einer Spielschardes städtischen Konservatoriums zur Truppenunterhaltungan die Westfront nach Frankreich geschickt wurde. Für das heutige Institutfür Musik ein Dokument von immensem Wert.

Es ist Anfang August 1941. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Im Osten treibt das Dritte Reich unter Hitler seinen Russlandfeldzug″ voran. Im Westen ist etwa die Hälfte Frankreichs seit über einem Jahr von den Deutschen besetzt. Die Front verläuft mitten durch das Land. Gertrud Knuth, Studentin des 1919 gegründeten Osnabrücker Konservatoriums, schreibt dieser Tage in ein Reisetagebuch: Hurra, heute am 4.8.1941 ist es so weit, unser Wunschtraum geht endlich in Erfüllung. Wir, das heißt dreißig Jungen und Mädel der Bann- und Untergauspielschar Osnabrück, sind angetreten zu einer Fahrt in das besetzte Frankreich. Wohin fahren wir? Wir wissen nichts Genaues. In Köln erfahren wir dann: es geht nach Paris.″

77 Jahre lang bewahrte Gertrud Knuth, die heute in Bad Zwischenahn lebt, das in Leder gebundene Fotoalbum auf, in das sie im Alter von 17 Jahren diese Worte schrieb. 48 Seiten umfasst das Erinnerungsstück. Die eine Hälfte davon ist mit vergilbten Fotos von der Reise versehen, die andere Hälfte ist von ihrer filigranen Schrift gefüllt, weiße Buchstaben auf dunkelbraunem Grund. Inzwischen ist Knuth 95 Jahre alt. Ich bin im Moment dabei, meinen Haushalt zu verkleinern. Doch als ich das Album wiederfand, konnte ich es nicht übers Herz bringen, es in den Müll zu werfen″, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Deshalb übergab sie 2018 ihren Reisebericht an Sascha Wienhausen, Dekan des Osnabrücker Instituts für Musik, das 1999 aus dem Konservatorium hervorging.

Wienhausen geriet ins Staunen, als das Album auf seinem Schreibtisch lag. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Konservatoriums in diesem Jahr hatte er lange nach Quellen gesucht, die sich mit der Geschichte der Einrichtung während des Zweiten Weltkriegs beschäftigten vergeblich. Ich war wie elektrisiert″, verrät er. Das Reisetagebuch war eine unglaubliche Möglichkeit, die damalige Zeit für nachfolgende Generationen aufzuarbeiten.″ Knuths Tagebuch sei ein einzigartiges und unverwässertes Dokument″.

Mit 17 Jahren gehörte die Violinen- und Blockflötenstudentin Gertrud Knuth zu den älteren Teilnehmern der Fahrt an die Westfront. Die Jüngsten waren gerade einmal 14. Aus diesem Grund beauftragte ihre Blockflötenlehrerin, Anneliese Friedrich, Knuth mit einem Reisebericht als Erinnerung für die gesamte Gruppe. Rückblickend erzählt die ehemalige Musikstudentin: Ich war in der Schule keine große Aufsatzschreiberin. Meine Noten waren selten besser als vier.″ Aus diesem Grund habe sie in ihren Ausführungen einfach den Jargon der Hitlerjugend übernommen. Meine Sätze waren kurz und bündig″, erinnert sich Knuth. Der Bericht war sehr sachlich. Meine persönlichen Gefühle habe ich nur selten einfließen lassen.″

Geradlinig berichtet sie im Tagebuch davon, wie die Spielschar zur Unterhaltung der Feldgrauen″ also der deutschen Soldaten mit Volkstanz, Musik und Kaspertheater bei Flakstellungen, in Lazaretten und auf Kriegsschiffen in verschiedenen Orten entlang der Westfront auftrat.

Knuth schreibt nach einem Auftritt in Lorient, einem kleinen Ort in der Bretagne: Hier, wo die jungen Soldaten oft durch feindliche Bomben bedroht sind, ist es eine wunderschöne Aufgabe für uns, ihnen mit unserem Spiel eine kleine Abwechslung in die Eintönigkeit ihres Lebens zu bringen. Wie strahlen die Augen, wie freuen sich diese Feldgrauen auf vorgeschobenem Posten.″ Allerorts seien die Auftritte der Spielschar von den Soldaten mit großem Beifall aufgenommen″ worden.

Für unsere Gruppe war das ein starkes Erlebnis″, erinnert sich Knuth heute. Um die Ereignisse auch mit Bildern zu dokumentieren, habe sie ihre Kamera immer griffbereit gehabt. Auf den analogen Film passten damals allerdings nur acht Bilder. Deshalb war ihre Reisetasche mit etlichen Filmdosen gefüllt. Angst vor den Auswirkungen des Krieges habe sie damals kaum empfunden. Angriffe der Alliierten seien zur Zeit der Reise nicht zu befürchten gewesen. Wir wurden immer sehr üppig empfangen. Meist wurden wir besser bewirtet als die Soldaten selbst.″ Ausklang der Liederabende sei oftmals das Stück Gute Nacht Kameraden″ gewesen. Ein Lied des Komponisten, Lehrers und letztlich auch NS-Funktionärs Hans Baumann. Der Text über Soldaten, die weit entfernt vom Vaterland versichert bekommen, dass sie in der Heimat nicht vergessen werden, habe Knuth zufolge regelmäßig für ein tränenreiches Konzertende gesorgt.

Die Fahrt der Osnabrücker Spielschar war jedoch keine Einzelaktion, sondern erklärte Propagandastrategie der Nationalsozialisten. Einrichtungen wie das Konservatorium wurde mit Vorliebe zur kulturellen Gleichschaltung verwendet und die Ensembles zur Truppenbetreuung″ abkommandiert. Das Regime gab sich alle Mühe, das musikalische Leben in Deutschland neu zu organisieren und harmlose Volkslieder in Soldaten- und Marschlieder umzudichten. Eine wirkliche Wahl hatten wir damals nicht″, sagt Knuth.

Die Freiheit der Kunst war bereits 1935 Geschichte, als das Konservatorium von der Katharinenstraße in eine Stadtvilla an der Rolandsmauer umzog. Die NSDAP hatte die städtische Freimaurergilde, der das Gebäude ursprünglich gehörte, enteignet. Der neue Standort versprach mehr Räume und bessere Möglichkeiten für den Unterricht. Schnell wurde jedoch klar, dass die Nazis nicht nur einen besseren Studienort für die Musiker schaffen wollten, sondern auch ein Gemeinschaftshaus für nationalsozialistische Feierstunden″. Drei Jahre später übernahm dann auch noch Karl Schäfer, erklärter Anhänger der Nazis, bis 1944 die Leitung des Konservatoriums.

Kurios ist, dass Schäfer im Jahr 1954 also nach dem Zweiten Weltkrieg abermals die Leitung anvertraut wurde″, sagt der heutige Dekan des Instituts, Sascha Wienhausen. Diese Geschichtsblindheit zieht sich leider durch einen Großteil der Historie des Konservatoriums.″ Er sehe für das Institut, als Teil der Friedensstadt Osnabrück, jedoch eine Verpflichtung, auch die Zeit des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten und sie nicht einfach so unter den Tisch zu kehren. Seine Vorgänger hätten sich dieser Aufgabe weitestgehend verweigert.

Für Gertrud Knuth bestimmten die Kriegsanstrengungen der Nazis ihren kompletten weiteren Lebensweg: Mein Examen stand im Jahr 1944 an″, sagt sie. Das war das Jahr, in dem alle Kultur dem totalen Kriegseinsatz so nannten es die Nazis wohl geopfert wurde″, erinnert sich Knuth wehmütig. Das Konservatorium wurde geschlossen. Anfang Juli fand die Musikstudentin sich statt im Konzertsaal als Aushilfe im Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk wieder.

Nach dem Krieg sei ihrem ehemaligen Geigenlehrer, als Mitglied der SA, ein vorläufiges Berufsverbot auferlegt worden. Andere Lehrer seien zu teuer gewesen. Ihre Instrumente tauschte Knuth daraufhin schweren Herzens gegen eine Ausbildung als Weberin. Das Musizieren habe sie dennoch nie ganz aufgegeben. Bis zu meinem 80. Lebensjahr habe ich immer Musik gemacht. In der Gemeinde, mit Freunden eben immer, wenn sich die Gelegenheit bot″, erklärt sie stolz. Dann hätten ihre schlechter werdenden Augen und Ohren ihr langsam, aber sicher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ihre Begeisterung für die Musik habe sie sich jedoch bis ins hohe Alter bewahrt.

Bildtexte:
Zu Gast an der Front: Musikerin Gertrud Knuth mit deutschen Soldaten, die im Westen Frankreichs an einer Flakstellung Dienst taten.
Unbeschwerte Auftritte im Kriegsgebiet: Die Osnabrücker Bann- und Untergauspielschar war 1941 auf Tour im besetzten Westfrankreich.
Das ehemalige Konservatorium an der Katharinenstraße.
Fotos:
Knuth, Nieders. Landesarchiv

Das Gespräch mit Gertrud Knuth, die das Reisetagebuch der Osnabrücker Spielschar vor fast 80 Jahren verfasste, hat unseren Autor Bastian Rabeneck nachhaltig beeindruckt. Auch wenn Hör- und Sehvermögen der 95-Jährigen inzwischen nachgelassen haben, konnte er feststellen: Das Gedächtnis hat die ehemalige Musikstudentin keinesfalls im Stich gelassen. Er sieht in Knuth eine wertvolle Zeugin, die unverfälschte Erinnerungen an eine Zeit liefert, die unser Autor sonst nur aus Geschichten seiner eigenen Großeltern kannte. Bedrückend war es für ihn, aus erster Hand davon zu hören, wie die Nationalsozialisten Kulturschaffende für ihre Propaganda einsetzten. Für umso wichtiger hält er die Ambitionen von Sascha Wienhausen, dem heutigen Dekan des Instituts für Musik, die Ereignisse nicht verblassen zu lassen, sondern pflichtbewusst aufzuarbeiten.
Autor:
Bastian Rabeneck


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