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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Mit dem „Knirps″ groß geworden
Zwischenüberschrift:
Die Schirmfirma Zangenberg hat früh die Globalisierung zu spüren bekommen und sich angepasst
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Ganz gleich, ob die Sonne brennt oder ob es regnet, die Schirmfabrik Zangenberg hat stets einen passenden Schutz parat. Seit 159 Jahren produziert das Traditionsunternehmen Schirme, erst in der Innenstadt, dann im Fledder und seit 1997 in Wallenhorst.

Angefangen hat alles mit kunstvoller Holzbearbeitung. Drechslermeister Johann Christian Zangenberg (1803–1864) fertigte Schirmgriffe und Spazierstöcke. Die Werkstatt lag an der Krahnstraße 21. Das ist das Eckhaus zur Hakenstraße, in dem später über viele Jahre Schirme, Regenbekleidung und Lederwaren im Einzelhandel verkauft wurden, rechtlich unabhängig von der Schirmfabrik. Der Vollständigkeit halber sei eingeschoben: In der Großen Straße 86 gab es bis in die späten 1970er-Jahre ein weiteres Geschäft, das Schirme verkaufte und auf den renommierten Namen Bezug nahm: Chr. Seippel geb. Zangenberg″, ebenfalls rechtlich eigenständig.

Die Schirmfabrik begann 1860 ihren eigenen Weg, als nämlich J. C. Zangenbergs Sohn Heinrich (1830–1865), wie sein Vater Drechslermeister, auf die Idee kam, nicht nur Griffe für Schirme zu schnitzen und zu drechseln, sondern gleich den ganzen Schirm zu fertigen. Die Schirmherstellung war revolutioniert worden, nachdem der Engländer Samuel Fox leichte Stahlstangen-Gestelle zum Aufspannen erfunden hatte. Die waren einfacher und billiger zu fabrizieren als die bis dahin gebräuchlichen Stangen aus Fischbein, das man aus den Barten großer Wale gewann. So trug die neue Technik dazu bei, nicht nur die Walpopulation zu schonen, sondern den Schirm auch für Bevölkerungskreise außerhalb von Adel und gehobenem Bürgertum erschwinglich zu machen.

Rasantes Wachstum

Heinrich Zangenberg, aus dessen Anfangsbuchstaben des Namens später das Markenzeichen Hazet″ hervorging, begann die Manufaktur in der Großen Hamkenstraße 17. Er starb früh im Alter von nur 35 Jahren. Der weitere Aufbau der Firma lag in den Händen seiner Brüder Bernhard und Christian. In der zweiten Generation waren es wiederum ein Heinrich (1880–1933) und ein Christian (1882–1955), die um die Jahrhundertwende die Chefsessel übernahmen. Sie führten 1906 die Fabrikation aus der Enge der Altstadt an den Kollegienwall 12c. Zur Straße hin lag das repräsentative Wohn- und Kontorhaus, in der Tiefe des Grundstücks bis zur Hase erstreckten sich die Fabrikationsgebäude. Zwischen 1910 und 1937 mussten sie viermal erweitert werden, weil die Firma ein kräftiges Wachstum an den Tag legte.

Das wurde nur durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Es gab keine Stahl-Zuteilungen für so etwas Kriegsunwichtiges wie Regenschirme. Zangenberg verlegte sich auf die Herstellung von Westen und Hosen aus wasserdichtem Stoff für die Truppe und konnte so die Beschäftigung der Mitarbeiter aufrechterhalten.

1927 unternahm Christian Zangenberg eine USA-Reise, um von den dortigen Marktführern der Schirmbranche zu lernen. In der Folge stellte er neue Maschinen in Osnabrück auf und führte die Fließfertigung ein. Eine Goldmedaille der Pariser Weltausstellung krönte die Bemühungen um Qualität und ein breit gefächertes Sortiment. Christian Zangenberg wurde zum Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Schirmindustrie gewählt.

Der mit dem roten Punkt

Nach 1932 stiegen die Produktionszahlen nochmals sprunghaft an dank des Knirps″. Der zusammenschiebbare Schirm unter dem geschützten Markennamen und mit dem Markenzeichen des roten Punktes passte in jede Damenhandtasche und erschloss neue Käuferschichten, die mit der Behäbigkeit des Stockschirms nichts anfangen konnten. Nicht Zangenberg hat den Knirps″ erfunden, sondern 1928 Hans Haupt aus Solingen. Aber Zangenberg erkannte das Potenzial und gehörte so zu den Mitbegründern des Knirps-Konsortiums, das aus acht Firmen bestand. Sie machten das Patent marktreif und setzten den teleskopierbaren Schirm in großen Stückzahlen um. Der Export ging in alle Welt.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten die Gebäude am Kollegienwall. Christian Zangenberg trauerte um zwei gefallene Söhne, zögerte aber keinen Moment, mit dem letzten verbliebenen Sohn Erich (1916–1983), der die Generation 3 verkörpert, den Wiederaufbau zu beginnen. Der inzwischen 63-jährige Christian setzte sich selber hin und klopfte Trümmersteine ab zur Wiederverwendung. 1950 war der Neubau Kollegienwall 12c vollendet, der übrigens heute von der Völker-Schule genutzt wird.

Die Firma nahm rasch wieder Fahrt auf, hatte 1955 die Vorkriegs-Produktionszahlen überschritten und sah sich nach einem größeren Gelände um. Das fand Erich Zangenberg im Gewerbegebiet Fledder an der Gesmolder Straße 33. Architekt Hermann Serfling baute ein großzügiges Firmen-Ensemble für 500 Mitarbeiter. 1961 erfolgte der Umzug in die damals laut Branchendienst modernste Schirmfabrik Europas.

1966 befand sich das Unternehmen mit 1, 2 Millionen produzierten Schirmen auf dem Höhepunkt. 450 Mitarbeiter, zu 90 Prozent Frauen, fertigten im Akkord.

Pepita- und Hahnentritt-Muster waren schwer in Mode. Zangenberg gehörte zu den Aushängeschildern des Osnabrücker Wirtschaftslebens. Die Stadtrundfahrt-Busse legten vor dem Firmengelände einen Stopp ein und klärten über die Bedeutung auf.

Billigimporte aus Asien

Aber der Erfolg wurde noch in den 1960ern zum Problem. Nachahmer aus Fernost traten auf den Plan. Sie fertigten den Knirps″ ohne den roten Punkt, dafür billiger. Automatikschirme verkamen zu einem Give-away-Werbeartikel. Genau wie die Textilindustrie gehörten die Schirmhersteller zu den frühen Verlierern der Globalisierung. Zangenberg wich auf neue Produkte wie Gartenschirme, Freizeitkissen und Regenbekleidung aus, die freilich nicht den bisherigen Personalstand in Lohn und Brot halten konnten. Horst-Heinrich und Dieter Zangenberg (Generation 4) hatten in den 1970ern und 1980ern die bittere Aufgabe, die Personalstärke an die schrumpfende Produktion anzupassen. Auch die Gebäude waren überdimensioniert. 1989 gelang Horst-Heinrich der Verkauf an den Grundstücksnachbarn Karmann, der gerade Raum für seine Entwicklungsabteilung suchte.

Zangenberg zog um in gemietete Räume in Lüstringen. Die Produktion von Regenschirmen wurde 1991 gänzlich aufgegeben, dafür vertrieb man auch zugekaufte Produkte. Aber Lüstringen konnte nicht mehr als eine Zwischenlösung sein. 1997 war die Suche nach einem passenden Grundstück von Erfolg gekrönt. Horst-Heinrich ließ sich maßgeschneidert nach eigenen Plänen im Gewerbegebiet Wallenhorst-Hollage in der Marie-Curie-Straße 17 einen neuen Betrieb bauen.

Das Traditionsunternehmen hat hier nun unter der Leitung von Ralf Zangenberg (Generation 5) seine Nische gefunden und produziert mit rund 50 Mitarbeitern sehr erfolgreich hochwertige Gartenschirme, Ampelschirme, großflächige Gastronomieschirme und Gartenmöbelauflagen. Es gibt einen Werksverkauf.

Bildtexte:
Schirm am laufenden Band: Mitter der 1960er-Jahre befand sich das Unternehmen mit 1, 2 Millionen produzierten Schirmen auf dem Höhepunkt.
Die Schirmfabrik Zangenberg an der Gesmolder Straße 33, um 1962.
Das Firmengelände im Fledder um 1980. ,
Der Neubau von 1997 im Wallenhorster Gewerbegebiet.
Der Chauffeur steht bereit, um den Chef im Adler Standard 6 zur Kundschaft zu fahren.
Christian Zangenberg
Fotos:
Kurt Köckmann/ Archiv NOZ, Firmenarchiv Zangenberg, Christian Grovermann
Autor:
Joachim Dierks


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