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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Ihr müsst weg, und zwar noch heute″
Zwischenüberschrift:
Nach der Flucht aus Ostpreußen fand Hannelore Adebar ein Zuhause in der Grafschaft Bentheim – ihre Heimat bleibt Masuren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wilsum 80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort. Hannelore Adebar verlor wie 14 Millionen Deutsche mit dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Gebieten, die von der Roten Armee erobert wurden.

Zwischen Wäldern, Seen und Kornfeldern wuchs Adebar unbeschwert in Thierberg in Ostpreußen auf, bis die vorrückende Rote Armee die Familie im Januar 1945 zur Flucht zwang. Innerhalb eines Tages ließen sie, ihre beiden Schwestern, ihre Mutter und Oma ihr Zuhause zurück, das sie nie wiedersahen. Auch ihren Vater verlor Adebar während des Zweiten Weltkriegs.

Nach einer mehrwöchigen Flucht erreichte die Familie die Grafschaft Bentheim. Der Ort Wilsum wurde ihr zu einem Zuhause, nie aber zur Heimat.

Chaotische Zustände, erfrorene Kinder, getrennte Familien, all das hat die 82-Jährige zuvor erlebt, wie so viele andere Deutsche, die durch Krieg, Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. War es Unrecht? Adebar sagt Ja. Trotzdem ist sie dankbar.

Frau Adebar, wenn Sie zurück an Ihre Kindheit in Ostpreußen denken, welche Erinnerungen haben Sie?
Ich erinnere mich daran, wie ich am letzten Schultag heimgelaufen bin. Es war ruhig, und das Korn zischelte. Über dem Wald sah ich ein blankes Ding, das ich noch nie vorher in meinem Leben gesehen hatte. Es ging etwas Bedrohliches davon aus. Zu Hause angekommen, ging ich runter zum See, wo meine Mutter und meine Oma im Garten arbeiteten. Als ich erzählte, was ich gesehen hatte, sagte meine Oma, dass es ein Flieger gewesen sein müsse. Wenn ich denke, mit welcher Seelenruhe die beiden dort arbeiteten, während zur gleichen Zeit Königsberg bombardiert wurde, läuft es mir noch heute kalt den Rücken runter. Abends schlich ich mich noch mal nach draußen und sah von der Anhöhe, wo wir wohnten, einen feuerroten Himmel. Von diesem Tag an hatte ich ein ungutes Gefühl.

Haben Sie etwas von den Vorbereitungen für eine bevorstehende Flucht mitbekommen?
Die Erwachsenen haben versucht, möglichst viel von uns fernzuhalten. Im Winter 44 machte sich aber eine Unruhe im Haus breit, und die Stimmung war sehr gedrückt. Ich weiß, dass unsere Oma Plätzchen gebacken hat. Die Plätzchen kamen alle in eine große Dose und oben auf den Schrank. Da geht ihr mir nicht ran. Das ist die eiserne Ration″, sagte meine Oma.

Haben Sie Weihnachten noch zu Hause gefeiert?
Die Offiziere hatten damals das Recht, sich privat eine Unterkunft zu suchen. Ein Offizier, der bei uns war und uns Ziehharmonika spielen hörte, fragte, ob wir in einer Kaserne an Weihnachten vor den Soldaten auftreten könnten. Wir haben dann in weißen Kleidern und Flügeln aus Gänsefedern vor den Soldaten gespielt und bekamen viele Geschenke. Danach haben wir zu Hause gefeiert. Das war unser letztes Weihnachten in Ostpreußen nur wussten wir das damals noch nicht.

Ihr Vater ist im Krieg gefallen. Wie haben Sie davon erfahren?
Unsere Mutti kam weinend ins Schlafzimmer und sagte: Euer Vater kommt nicht mehr.″ Es war das einzige Mal, dass ich sie weinen sah. Sie hat das heimlich gemacht, wenn wir Kinder im Bett waren oder sie draußen die Hühner fütterte. Wir Kinder haben ihn nicht so sehr vermisst, da er als Soldat kaum zu Hause gewesen war.

Was geschah an dem Tag, als Sie Ihr Zuhause verlassen mussten?
Unser Großvater kam mit dem Fahrrad zu uns und sagte: Ihr müsst weg, und zwar noch heute.″ Das war der 24. Januar 1945. Es lag hoch Schnee und war sehr kalt. Unsere Oma hatte zwei Brote gebacken. Das eine war fertig, das andere stand noch in der Form auf dem Tisch. Wir Kinder zogen mehrere Lagen Kleidung übereinander, sodass wir uns kaum bewegen konnten. Wir haben ein Schaf geschlachtet und im Eimer mitgenommen. Die übrigen Tiere einschließlich unseres Hundes wurden gefüttert. Meine Mutter rannte zum Nachbarn. Mit ihm war verabredet, dass er uns mit seinem Schlitten zum Bahnhof nach Osterode fährt.

Mit wie vielen Familienmitgliedern sind Sie geflohen?
Meine Mutter und meine Oma sind mit uns drei Kindern geflohen.

Wussten Sie, wie weit die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt vorgerückt war?
Unser Opa, der zu Hause blieb, erzählte uns später, dass jemand aus dem Ort Thierberg, nachdem wir geflohen waren, von einer Anhöhe aus mit dem Fernglas geguckt hat, ob wir schon weg sind. Da Schnee lag, war es auch abends noch so hell, dass er sehen konnte, wie ein russischer Soldat mit einem Maschinengewehr um unser Haus schlich und den Hund erschossen hat.

Wie war die Situation, als Sie in Osterode auf dem Bahnhof ankamen?
Eine Katastrophe. Es herrschte absolutes Chaos. Zugleich war es erstaunlich, wie ruhig es war. Die Leute waren total geschockt, sie waren alle wie versteinert. Dann kam ein Zug, der völlig überfüllt war. Jeder versuchte rücksichtslos, in einen der Wagen zu kommen. Meine Mutter und meine Oma wurden durchs Fenster in den Zug gehievt. Meine Schwester Marianne, die zwei war, wurde zwischen Gepäck eingekeilt und begann zu schreien. Wir haben den Zug dann aber wieder verlassen und einen anderen, der später am Abend kam, genommen.

Wohin fuhr der Zug?
Nach Danzig. Dort war das Chaos noch größer. Alle strömten zum Hafen, weil es hieß, dass keine Züge mehr gehen. Dort lag ein riesiges Schiff. Wir standen relativ weit vorne am Kai an einem gespannten Seil und warteten. Dann kamen die Matrosen. Es geht nichts mehr rauf. Das Schiff ist voll″, sagte einer von ihnen. Darauf fingen einige an zu weinen. Das Schiff lief aus. Es war die Wilhelm Gustloff, die später torpediert wurde und sank.

Was haben Sie dann gemacht?
Wir warteten am Bahnhof. Meine Mutter befahl mir, nicht die Hand meiner Oma loszulassen. Das war ihre größte Sorge, dass eines ihrer Kinder in dem Gewühl verloren gehen könnte. Wir mussten die ganze Zeit umherlaufen, um nicht zu erfrieren. Ich erinnere mich an eine Kiste, auf der ein Junge saß, der etwa zwölf Jahre alt war. Jemand tippte ihn an, und er kippte zur Seite. Er war erfroren. Dann hieß es, es würde noch ein Schiff fahren, auf dem wir schließlich auch Plätze bekamen.

Hatten Sie ein Ziel?
In Stettin wohnte unsere Tante. Es war abgesprochen, dass wir uns dort treffen. Mein Opa kam schließlich auch dorthin. Ich höre meine Oma noch rufen: Der Vati kommt.″ Mein Opa war mit dem Fahrrad aus Ostpreußen geflohen. Wie er das mitten im Winter gemacht hat, weiß ich nicht. Er hat nie darüber gesprochen. Er ist dann mitten im Flur zusammengebrochen, weil er Gelbsucht hatte.

Wann haben Sie Stettin verlassen?
Sobald es meinem Opa besser ging, sind wir zusammen mit dem Zug nach Westen geflohen. Meine Tante wollte zunächst auf ihren Mann in Stettin warten. Wir konnten sie dann aber doch überreden, mit uns zu kommen. Auf der Zugfahrt hatten wir zwar genug zu essen, aber nicht zu trinken. Als der Zug mal gehalten hat, ist Mutter ausgestiegen, um an einem zugefrorenen Brunnen Wasser zu holen. Ich hatte solche Sorge, dass der Zug anfährt und meine Mutter es nicht schafft, wieder einzusteigen. Sie kam dann aber mit einer Tasse Wasser zurück, und jeder bekam einen Schluck. Der Zug musste auch immer wieder halten, weil Bomben fielen.

Wo endete schließlich die Zugfahrt für Sie?
Irgendwann hielt der Zug. Alle schoben die Gardinen zurück und guckten nach draußen. Jemand fragte: Wo sind wir hier eigentlich? Darauf sagte eine Stimme von draußen: Mit einem Fuß im Leben und mit einem Fuß im Grab.″ Da war erst mal Stille. Dann sagte einer: Wir sind hier in der Nähe der holländischen Grenze.″ Ein Beamte forderte uns auf, im Zug zu bleiben. Wir waren zu dem Zeitpunkt in Bad Bentheim. Der Zug fuhr dann noch bis Emlichheim.

Wo kamen Sie unter?
Am Bahnhof warteten Bauern mit ihren Wagen und brachten uns nach Wilsum. Dort mussten wir uns aufteilen. Meine beiden Schwestern und meine Mutter kamen bei einem Bauern unter, meine Großeltern und ich bei einem weiteren und meine Tante mit ihren beiden Kindern bei einem dritten. Die Gehöfte lagen aber nicht weit auseinander.

Wie wurden Sie aufgenommen?
Die Familie war zunächst nett. Allerdings blieben wir nicht lange dort. Denn es verschwanden einige unserer Sachen, die wir mitgebracht hatten. Meine Oma hat das Ehepaar zur Rede gestellt und gedroht, zum Gendarmen im Dorf zu gehen. Der Bauer wurde schließlich kleinlaut und hat meine Oma gebeten, das nicht zu tun. Die Familie hat uns dann alle möglichen Sachen gegeben. Meine Oma entschied trotzdem: Wir bleiben hier nicht.″ Danach kamen wir zu der Familie Hinkenhuis, die fünf Kinder hatten. Das war ein fantastischer Bauer. Da haben wir es sehr gut gehabt.

Wie lange hat Ihre Familie so getrennt voneinander gelebt?
Etwa ein Jahr. Meine Mutter wollte gerne, dass sie wenigstens mit uns drei Kindern wieder zusammenwohnen kann. Sie hat den Postboten gefragt, ob er einen Platz kennt, wo wir hinziehen könnten. Der schlug dieses Gebäude vor, wo damals eine Motorrad-Werkstatt drin war. Sie stand leer, weil der Eigentümer im Krieg war. Den ehemaligen Laden haben wir als Schlafzimmer benutzt, wo wir alle in einem Bett schliefen.

Kehrte der Besitzer der Werkstatt denn zurück?
Er kam 1948 wieder. Meine Mutti sagte später, als sie ihn das erste Mal gesehen hätte, war es für sie, als wenn ihr eigener Mann aus dem Krieg zurückkehrte. Unsere Mutter war ja gerade mal 30 Jahre alt und schon Witwe. Als unsere Mutti mit uns ausziehen wollte, sagte er: Ihr bleibt hier.″ Sie haben später geheiratet. Zusammen haben sie die Werkstatt wiederaufgebaut, zunächst als Fahrradwerkstatt. Meine Mutter hatte in Osterode die Handelsschule besucht und eine Lehre als Verkäuferin gemacht. So konnte sie die Buchführung übernehmen. Das Geschäft wurde größer, sie haben schließlich eine Tankstelle und eine neue Werkstatt gebaut.

Haben Sie je über eine Rückkehr nach Ostpreußen gesprochen?
Meine Oma hat immer gesagt: Wir kommen ja bald zurück.″ Als wir dann aber in der Grafschaft waren, war klar, dass wir nie wieder zurückkehren konnten.

Sind Sie noch mal in Ihrer alten Heimat Masuren gewesen?
Nein, ich bin nie wieder da gewesen. Als die Grenze nach Polen offen war, hat meine Schwester Marianne meine Mutter gefragt, ob wir nach Ostpreußen reisen wollen. Aber meine Mutter wollte nicht. Wir hatten auch Angst, dass meine Mutti das nervlich nicht durchsteht. Ich weiß, dass es nicht mehr so aussieht, wie ich es in Erinnerung habe. Das Haus, wo wir gelebt haben, steht nicht mehr. Ich möchte die Erinnerung an die schöne Kindheit dort behalten.

Empfinden Sie die Flucht als Unrecht?
Ja, aber ich empfinde keinen Hass. Die Polen trugen keine Schuld an der Situation, und Ostpreußen ist jetzt ihre Heimat. Ich kann damit leben. Wichtig ist, dass es ein gutes Verhältnis zwischen den Ländern gibt.

Wie hat die Fluchterfahrung Ihr Leben geprägt?
Ich bin froh und dankbar, dass Gott uns auf der Flucht bewahrt hat. Dass wir nicht die Wilhelm Gustloff bestiegen haben. Wir haben hier ein neues Zuhause gefunden und sind damals so gut von der Familie Hinkenhuis aufgenommen worden. Da muss man dankbar sein, dass man solche Leute getroffen hat.

Ist die Niedergrafschaft für Sie zur Heimat geworden?
Hier ist mein Zuhause. Meine Heimat ist in Ostpreußen.

Bildtexte:
Fast alles zurückgelassen müssen Millionen Menschen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Rote Armee immer mehr Gebiet erobert. Rund 14 Millionen Deutsche waren auf der Flucht, schätzen Historiker. Hannelore Adebar (unten) floh aus Thierberg in Ostpreußen, wohin sie nie mehr zurückkehrte.
Fotos:
dpa, Hülsmeyer
Autor:
Almut Hülsmeyer


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