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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Einige Frauen schrien, andere beteten″
Zwischenüberschrift:
Udo Goedecke verlebte eine ganz normale Kindheit, so empfand er es zumindest – bis seine Heimatstadt zerbombt wurde
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück 80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort.

Der Zahnarzt Udo Goedecke ist heute 87 Jahre alt. Er erlebte den Krieg als Schüler. Die Familie wohnte neben der Praxis des Vaters, der auch schon Zahnarzt war. Die letzten Kriegsjahre verbrachte seine Familie nachts in der Wohnung einer Tante, weil diese dem Eingang eines ausgedehnten Luftschutzstollens direkt gegenüberlag.

Herr Goedecke, wie stark war der Nationalsozialismus in Ihrem Alltag verankert?
Mein Vater war kein Nazi. Für ihn als Freiberufler war es einfacher, kein Parteimitglied zu sein, als wenn er Beamter gewesen wäre. Er hat allerdings nie ein Geheimnis daraus gemacht, Hitler 1933 gewählt zu haben. Er verband damit die Hoffnung, dass die Zeiten der Depression und der großen Arbeitslosigkeit endlich vorbeigingen. Dazu kam, dass er 1928 als Neuankömmling in Osnabrück einen schweren Start mit seiner Praxis hatte. Aus Köln zugezogen, war er ein Nobody und erhielt keine Kassenzulassung. Hitler versprach, dass jeder Arzt und Zahnarzt, der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, eine Zulassung bekommen werde. Das war also ein weiterer Köder, der meinen Vater dazu bewog, den Mann zu wählen. Kurze Zeit später sah er dann aber, wohin die Richtung ging, und er wurde zum Gegner des NS-Staates. Nicht im offenen Widerstand, sondern mehr versteckt im Privaten.

Das war die Situation in Ihrer Familie. Aber wie sah es denn rings um Sie herum aus, in anderen Familien?
Auch alles Nazi-Gegner? Nein. Die meisten behielten länger die Hoffnung, dass Hitler Deutschland aus der Depression herausführen und zu alter Größe führen würde. Fahnenschmuck, Girlanden, frohe Gesichter, die Menschen waren überwiegend voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Wann schwenkte das um?
1936, Stichwort Olympiade in Berlin, da war noch alles begeistert. Auch den Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes 1938 fanden die Menschen in unserer Umgebung nach meiner Erinnerung gut. Aber 1939, da kippte das. Die Menschen waren nicht glücklich, dass ein Krieg bevorstand. Viele glaubten zwar der offiziellen Propaganda, dass die Polen durch begangene Überfälle die Schuld am Kriegsausbruch trügen, aber von der Hurra-Stimmung des Ersten Weltkriegs war man weit entfernt. Die meisten hatten ja den Ersten Weltkrieg durchlebt und wussten, wie das ausgehen kann.

Waren die industriemäßigen Tötungen in den Vernichtungslagern bekannt?
Soweit ich weiß, nur gerüchteweise. 1943 haben wir eine Reise nach Weimar gemacht. Mein Vater wollte mir noch einmal die Stätten der deutschen Klassik zeigen, bevor sie möglicherweise im Bombenkrieg untergingen das war seine realistische Befürchtung. Im Zug kamen wir am Ettersberg vorbei. Ein Mitreisender raunte uns zu, dass dort oben das KZ Buchenwald sei, wo Juden vergast würden. Mein Vater war entsetzt. Nicht, weil er das für eine Lüge gehalten hätte, sondern weil er Angst vor Mithörern hatte. Ganz schnell setzten wir uns in einen anderen Waggon ab, um nicht mit hineingezogen zu werden, falls es zu einer Denunziation gekommen wäre.

Fiel es auf, dass hier und da Leute verschwanden?
Nein, das habe ich in meinem Umfeld nicht mitbekommen. In meiner Klasse war ein Halbjude. Der blieb auf der Schule, offiziell wurde er nicht verfolgt. Er wurde aber gemobbt. Das merkte man zum Beispiel beim Völkerballspiel im Sportunterricht. Wir mussten uns der Größe nach aufstellen. Dann ging das der Reihe nach: Mannschaft 1, Mannschaft 2, 1, 2, 1, 2 und so weiter. Wenn die Reihe an diesen betreffenden Mitschüler kam, gab es häufig Protest: Den können wir nicht gebrauchen. Der Lehrer unternahm nichts dagegen. Der Schüler musste sich dann auf die Bank setzen und zugucken oder, und das war für uns Jungen eine Demütigung, in einer Mädchenklasse den Unterricht mitmachen.

Hatte denn keiner den Mumm, gegen diese Ungerechtigkeit aufzustehen?
Manchem von uns war nicht wohl bei dieser Diskriminierung, aber keiner wagte es, den Mund dagegen aufzumachen. Man schwamm so mit im Mainstream. Wir bekamen ja auch mit, was sich in der Turnhalle des Realgymnasiums in der Arndtstraße abspielte. Die war vollgestellt mit Möbeln, hochwertigen Möbeln, Sofas, Fauteuils, Betten und so weiter. Die waren gedacht für ausgebombte Osnabrücker und Jungverheiratete, die bekamen dafür Bezugsscheine. Für uns war das ein toller Spielplatz. Wir spielten Verstecken. Und wir hatten uns die Sofas und Stühle in einer Diagonale durch die Halle gestellt, und dann hüpften wir da so trampolinmäßig drüber. Ich war so naiv, ich habe zu Hause erzählt, das ist gar nicht so schlimm, wenn man ausgebombt wird, man kriegt so schöne Möbel wieder! Mein Vater wurde am Abendbrottisch blass und sagte, niemals käme so ein Möbelstück in unser Haus! Eher würden wir auf dem nackten Boden schlafen! Niemals würden wir uns an dem Eigentum dieser gequälten Menschen bereichern! Denn die Möbel stammten aus den Wohnungen deportierter holländischer Juden. Das war spätestens 1942/ 43 allgemein bekannt, das wusste jeder. Eine Bekannte unserer Familie hatte aus diesem Lager einen Pelzmantel erhalten. In dem Mantel fand sie einen Zettel, so halb im Futter versteckt, wohl von der Vorbesitzerin, darauf stand: Wir sind Familie xy, wir kommen in einen Sammeltransport und dann in ein Konzentrationslager, und ob wir da lebend wieder rauskommen, das ist ungewiss.

Was dachten Sie über den Krieg, als er weit weg war?
Wir hatten natürlich Soldaten-Figuren, mit denen wir spielten, und Geschütze und Panzer und Stukas. Das war völlig selbstverständlich. Als Kinder haben wir nicht durchschaut, dass das eine Art Kriegsvorbereitung war. Und dann haben wir den Bau der Flakstellung auf dem Westerberg verfolgt, das war für uns hochinteressant. Als Grundschulkinder wurden wir in mustermäßig vorbereitete Luftschutzkeller geführt. Wir halfen mit, Keller und Dachböden zu entrümpeln, also Brandlasten zu entfernen, wir lernten den Umgang mit Feuerpatschen und Feuerlöschpumpen. Wir hatten das beruhigende Gefühl, es wird alles für unsere Sicherheit getan. Die Konsequenzen des Waffeneinsatzes, die Schrecken des Krieges für unsere Soldaten genau wie für die des Feindes, das konnten wir uns nicht ausmalen. Wir Kinder nicht, und viele Erwachsene auch nicht, obwohl die schrecklichen Entbehrungen während des Ersten Weltkriegs, die Trauer um Tote und Verletzte doch gerade einmal 20 Jahre zurücklagen. Die Befürchtung habe ich ja aktuell auch, dass die Menschheit nichts lernt, dass die katastrophalen Folgen des Kriegs viel zu schnell verdrängt werden oder in Vergessenheit geraten.

Und wie haben Sie den Ausbruch des Krieges in Erinnerung?
Das hat mich nicht in Weltuntergangsstimmung versetzt. Es war etwas Erwartetes, was schon lange im Gespräch der Erwachsenen Thema war, es lag in der Luft. Nun war er also da, der Krieg. Man konnte sich nichts anderes als Siege an allen Fronten vorstellen. Dafür hatte die Propaganda gesorgt. Und dann kamen ja auch tatsächlich die ersten Siegesmeldungen, die den Nationalstolz noch weiter befeuerten. Mein Vater war nicht so optimistisch. Er legte planmäßig Vorräte an, für alle Fälle. Ich weiß noch, wie mein Vater zu einer Patientin sagte, wegen so ein paar Grenzüberschreitungen der Polen, Überfall auf Sender Gleiwitz und so weiter, da macht man doch nicht gleich Krieg! Da muss doch erst mal die Diplomatie ran! Die Patientin war empört, sie ist nicht wieder zu meinem Vater in die Sprechstunde gekommen, aber sie hat ihn wenigstens nicht denunziert. Mein Empfinden damals war, ich will diese skeptischen Töne zu Hause einfach nicht hören. Denn in der Schule wird von dir eine ganz andere Einstellung erwartet. Diese notwendige Schizophrenie im Denken, die belastete mich.

Was empfanden Sie, als der Krieg in Gestalt der Bombenangriffe nach Osnabrück kam?
Die ersten Angriffe 1941/ 42 habe ich als elementar gefährlich empfunden. Sie erschienen mir endlos, weil immer nur in Abständen vereinzelt Bomben fielen. Man hörte jedes Mal das Pfeifen und dann die Detonation. Und das alles in diesem engen Luftschutzraum, wo die Wände wackelten, einige Frauen schrien, andere beteten. Über Stunden wurde keine Entwarnung gegeben. Zwischendurch hatte man viel Zeit zum Nachdenken: Wo geht jetzt wohl die nächste Bombe runter?

Die Großangriffe auf Osnabrück 1944/ 45 mit Hunderten von Bombern und weit größeren Zerstörungen und viel mehr Toten und Obdachlosen waren dann noch einmal schlimmer für Sie?
So paradox es klingen mag: Nein. Da habe ich nicht mehr so viel Angst gehabt. Denn inzwischen war das Bunkersystem im Westerberg fertig ausgebaut. Der Eingang zum Luftschutzstollen Mozartstraße/ Beethovenstraße lag direkt gegenüber der Wohnung meiner Tante. Es ging dort zehn oder zwölf Meter tief in den felsigen Berg hinein. Da war man schnell in Sicherheit. Außerdem fielen ganze Bombenteppiche in kurzen Abständen. Es ging meist schnell vorbei, man kam bald wieder raus aus dem Bunker. In meiner Familie herrschte die biblische Vorstellung, man solle sein Herz nicht an Dinge hängen, die zu Staub werden können oder die der Rost kaputt fressen kann. Das ist alles ersetzbar. Insofern hatten wir auch keine Möbel oder Hausrat auf dem Land bei Verwandten oder Freunden untergestellt, wie Bekannte das in großem Stil gemacht hatten. Die hausten praktisch in leeren Wohnungen. Mein Vater hatte nur Familienarchivalien, alte Briefe und Fotos im Keller in Sicherheit gebracht, weil die unersetzbar waren.

Wie denken Sie heute über die Flächenbombardements deutscher Städte?
Der Krieg war doch längst verloren, als Städte wie Dresden, Potsdam oder auch Osnabrück noch bombardiert wurden. Es war militärisch nicht nötig, es war ein Kriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung, es war eine grausame Vernichtung von kulturellem Erbe der Menschheit. Sicher, die Deutschen haben angefangen und noch viel schlimmere Verbrechen begangen. Das ist richtig. Trotzdem, ich konnte es nicht verstehen, dass man dem Luftmarschall Harris, dem Erfinder der Feuerstürme in Wohngebieten, in London auch noch ein Denkmal setzte.

Was denken Sie über den heutigen Zustand Europas?
Das Zusammenwachsen Europas ist die einzig richtige und vernünftige Antwort auf die katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts gewesen. Adenauer und de Gaulle haben gerade auch durch Jugendbegegnungen den Grundstein dafür gelegt, dass wir nun bald 75 Jahre Frieden in Europa haben. Das vergessen gerade die jungen Leute, die nichts anderes kennen, für die der Frieden scheinbar selbstverständlich ist. Das ist er aber nicht. Das sollte man bei allen Mäkeleien über Fehlentwicklungen in der EU im Hinterkopf behalten. Ich selber habe die Öffnung nach Europa als Student in Göttingen erlebt, da wurde ich für das internationale Studentenheim Fridtjof-Nansen-Haus ausgewählt. Ich lebte mit einem Schotten und einem Türken zusammen auf einem Zimmer. Das war eine großartige Erfahrung. Ich beklage, dass die Diplomatie es nicht verstanden hat, die Briten in Europa zu halten. Ich hoffe, dass der Brexit nicht zu einem Wiederaufleben der Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich führt. Das sind Befürchtungen, die ich für das Leben meiner Enkel habe. Es sind dann nur noch zwei große Player in der EU, wenn die Briten als ausgleichendes drittes Schwergewicht entfallen.

Bildtext:
Am Ende des Zweiten Weltkriegs glichen sich die Trümmerlandschaften deutscher Großstädte. Im Bild oben ist Dresden zu sehen. Knapp drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs legten britische und amerikanischen Bomber die Stadt am 13. und 14. Februar 1945 in Schutt und Asche. Udo Goedecke (links heute, rechts als Kind) erlebte die Luftangriffe in Osnarück als Schüler.
Fotos:
dpa, Jörn Martens, Goedecke

Luftangriffe auf deutsche Städte

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels proklamierte am 18. Februar 1943 den Totalen Krieg″: Die opferbereite Heimatfront″ sollte mit der Mobilisierung der letzten personellen und materiellen Ressourcen noch einmal zu Höchstleistungen angespornt werden. Gleichzeitig schlug der Krieg immer öfter auf Deutschland zurück. Mit systematischen Flächenbombardierungen reiner Wohnviertel fernab von Militär- und Industrieanlagen wollten Briten und Amerikaner die Moral der Deutschen brechen.

Erstes Opfer von massierten Flächenbombardements war am 29. März 1942 Lübeck. Der Bombardierung Hamburgs im Juli 1943 durch über 2200 britische Maschinen fielen über 30 000 Menschen zum Opfer. Berlin war ab November 1943 massiven Luftangriffen ausgesetzt. Insgesamt forderten die Luftangriffe auf Berlin bis zu 30 000 Todesopfer. Kaum weniger Menschenverluste verursachte die militärisch bedeutungslose Bombardierung Dresdens am 13./ 14. Februar 1945. Bei den Bombenangriffen auf deutsche Städte starben insgesamt wohl mehr als 500 000 Menschen.

Aufgrund der Verlagerung von Produktionsstätten in ländliche Gebiete oder unterirdische Anlagen hatten die gezielten Angriffe auf die deutsche Industrie kaum Einbußen für die Rüstungsproduktion zur Folge. Strategisch bedeutsam waren dagegen Bombardements auf das Verkehrsnetz und die Treibstoffversorgung.

Für die deutsche und britische Bevölkerung bedeuteten die todbringenden Luftangriffe endlose Nächte in Luftschutzbunkern oder Hauskellern. In deutschen Städten reichten bombensichere Luftschutzbunker bei weitem nicht für alle aus. Die meisten Menschen überdauerten die Angriffe in Kellern und Katakomben. Zehntausende erstickten in Hauskellern.

Quelle:
Deutsches Historisches Museum
Autor:
Joachim Dierks


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