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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Landrat verspricht Kirschen und Erdbeeren
Zwischenüberschrift:
Juli 1919: Hunger-Demo, Wallfahrt nach Telgte, Spott für „ehrlose Weiber″ in Köln
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Selbst im Hochsommer 1919, während die Erntewagen rollen und zumindest die Selbstversorger genug Gemüse und Obst auf die Teller bekommen, nehmen Versorgungsfragen den breitesten Raum in den Lokalspalten der Zeitungen ein. Die Zwangsbewirtschaftung wichtiger Nahrungsmittel wie Brot, Fleisch und Fett über Lebensmittelmarken hält auch im neunten Monat nach dem Ende der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs an.

Am 7. Juli bewegt sich ein Demonstrationszug von einigen Hundert Personen aus Georgsmarienhütte durch die Straßen der Stadt. Sein Ziel ist das Landratsamt in der Hakenstraße 8. Hier trägt man lautstarke Klagen über die ungenügende Versorgung und die ungerechte Verteilung von Lebensmitteln vor. Es geht um Kartoffeln, Mehl, Fleisch und Milch, aber auch um Nährmittel wie Graupen und Nudeln. Und um die Qualität des Brotes, das kaum genießbar sei. Der Leiter der Kreiswirtschaftsstelle, Kaufmann Wolf, verspricht, sich insbesondere für eine bessere Milchversorgung einzusetzen. So solle die Gemeinde Ohrbeck veranlasst werden, zukünftig wieder Milch nach Georgsmarienhütte zu liefern.

Weiter wird Aufklärung verlangt über den Verbleib von sechs Sack Mehl. Eine sofort vorgenommene Revision der Bücher ergibt, dass alles Mehl bis auf vier Pfund ordnungsgemäß verteilt worden ist. Landrat Freiherr Ostman von der Leye verspricht, die Hüttengemeinde zukünftig auch besser mit Kirschen und Erdbeeren zu angemessenen Preisen versorgen zu lassen. Man verhandelt etwa zwei Stunden, anfangs mit einer Deputation der verbitterten Protestierer im Gebäude, dann vor dem Gebäude in großer Runde von der Außentreppe herab. Obschon die Verhandlungen zum Teil einen sehr erregten Verlauf nahmen, ist es zu irgendwelchen Ausschreitungen nicht gekommen″, schreibt die Osnabrücker Volkszeitung (OVZ)″.

Von den Wochenmarkt-Tagen wird regelmäßig ein Lagebericht abgedruckt. Vom 9. Juli heißt es etwa, dass 50 Zentner Obst und Gemüse angeliefert worden sind, die in Kleinmengen von ein oder zwei Pfund zu festgesetzten Höchstpreisen abgegeben werden. Damit das so bleibt, sind Patrouillen auf den Zufahrtsstraßen zur Stadt eingesetzt. Sie sollen verhindern, dass Schleichhändler und Wucherer″ die Waren schon unterwegs aufkaufen.

Sammelt Lindenblüten!″, ruft die OVZ″ auf. Die Blüten werden für die Krankenhäuser gebraucht. Lindenblütentee sei ein vorzügliches Mittel gegen Husten und Erkältung. Man kann die Blüten schier verwenden oder auch als Zusatz zum deutschen Tee″, der zu dieser Jahreszeit aus Brombeer-, Himbeer- und Erdbeerblättern besteht.

Am 12. Juli findet die Fußwallfahrt nach Telgte statt. Nach Frühmessen in St. Johann und St. Joseph um halb 2 Uhr morgens beginnt der Marsch um 3 Uhr ab Johannisfriedhof. Der Führer des Pilgerzugs weist auf die Bischöflichen Bestimmungen hin. Ihnen zufolge ist es Radfahrern nicht gestattet, die Prozession zu begleiten. Privatfuhrwerke der Pilger dürfen nur hinter den vom Führer zugelassenen Wagen der Prozession folgen.

Die Witterung am Samstag ist günstig. Der Hochwürdigste Herr Bischof hat sich unterwegs den Wallfahrern angeschlossen″, meldet die dem Katholizismus nahestehende OVZ″. Bischof Berning hält auch die Pilgermesse in Telgte am Sonntag um 6 Uhr in der Früh. Der Rückmarsch ist von ein paar gehörigen Regenschauern″ begleitet. Kurz vor 20 Uhr trifft die Pilgerschar vor Oesede ein, wo sie von Schulkindern und der Oeseder Geistlichkeit mit Fahnen in Empfang genommen und zum Abschluss-Segen begleitet wird.

Ein Leserbriefschreiber regt sich über die neuen Briefmarken auf, die die Reichspost am 1. Juli in Würdigung der Weimarer Nationalversammlung herausgebracht hat. Die Marke zu 25 Pfennig zeige einen nackten Jüngling als Steinträger in unmöglicher Haltung Steinträger tragen die Steine auf einem Brett auf der Schulter und nicht auf dem Kopfe –, dem überflüssigerweise eine Maurerkelle vom Brette rutscht, was sonst nicht vorkommt, denn Steinträger mauern nicht″. Und die Zahl 25, die der Anzahl der Steine auf dem Brett wohl entsprechen solle, sei eine Täuschung: Der Jüngling klappt schon unter den 6 Steinen auf dem Brett zusammen.″

Fast ein wenig schadenfroh schreibt die OVZ″ unter der Überschrift Recht so! von 29 ehrlosen Weibern″, die in Cöln″ von der Sittenpolizei aus einer Wirtschaft herausgeholt wurden, wo sie mit englischen Mannschaften kneipten. Im Zuge wurden sie durch die Stadt geführt und von der Bevölkerung mit nicht gerade schmeichelhaften Kosenamen belegt″.

Heute oft Thema Nummer eins, sind Fußball-Wettspiele″ vor hundert Jahren noch etwas Neuartiges. Entsprechend hölzern klingt der Spielbericht von der Begegnung des Osnabrücker Vereins für Rasenspiele 1906 mit F.-C. Lloyd Bremen in der OVZ″: Es entwickelte sich sogleich ein sehr schnelles Spiel. Beide Tore kamen wiederholt in Gefahr. Die Verteidigungen entledigten sich jedoch ihrer schwierigen Aufgabe mit vielem Geschick, sodaß die erste halbe Stunde ergebnislos verlief. Der Druck der Osnabrücker Mannschaft wurde nun aber im weiteren Spiel immer stärker, welches dann durch ein Tor zum Ausdruck kam. […] Nach Halbzeit das gleiche offene und vornehme Spiel. Nachdem jede der Parteien noch ein Tor für sich erringen konnte, hatten die Osnabrücker beim Schlußzeichen einen knappen aber einwandfreien Sieg über ihre Bremer Gäste davon getragen.″

Der Eisenbahnverkehr ist von geordneten Vorkriegsverhältnissen weiterhin entfernt. Die Züge sind regelmäßig überfüllt. Über Hamsterfahrten ins Sauerland″ heißt es in der OVZ″: Wenn 80 Prozent Reisender in der dritten Wagenklasse nur Karten vierter Klasse gelöst hatten, so ist das wohl zu verstehen, denn im Gedränge wurde beim Einsteigen nicht lange nach der Wagenklasse gesehen, sondern man stieg ein, wo eben noch ein Plätzchen frei war. Ja, einzelne Reisende oder besser Hamsterer hatten sich mit ihren sieben Sachen sogar im Bremserhäuschen untergebracht.″ Die Schaffner sind nun gehalten, Strafzettel über sechs Mark auszustellen, wenn sie Reisende antreffen, die höhere Klassen fahren, als sie gelöst haben. Der Sünder″ muss unterschreiben, das Belegblatt behält der Schaffner″. Auf einer bestimmten Strecke seien innerhalb weniger Tage 1200 Mark an Strafgeldern zusammengekommen.

Großer Kassenraub in der Klosterkaserne: Zwischen 2 und 3 Uhr nachts drangen sechs bis acht maskierte Militärpersonen in die Klosterwache ein, überwältigten mit vorgestreckten Revolvern die Wachmannschaften mit den Worten: Hier Spartakus, Hände hoch! Den Mannschaften wurden die Waffen abgenommen und sie eingesperrt. Die Räuber entkamen mit drei Kompagniekassen mit zusammen 40 000 Mark, die für die aktuelle Löhnung bestimmt waren.

Die OVZ″ schreibt mit viel zwischen den Zeilen zu lsender Empörung: Sie müssen indessen mit den örtlichen Verhältnissen genau vertraut gewesen sein, vor allem auch gewußt haben, daß die Löhnungsgelder bereits am Vorabend in der Klosterwache waren, während es sonst üblich ist, die Gelder am Auszahlungstage selbst nach dort zu bringen. Hoffentlich gelingt es bald, die Spitzbuben mit ihrem Raub zu fassen.″

Bildtexte:
Zum Landratsamt in der Hakenstraße 8 zogen am 7. Juli 1919 mehrere Hundert Demonstranten aus Georgsmarienhütte, um auf die ungenügende Versorgung mit Kartoffeln, Mehl, Fleisch und Milch aufmerksam zu machen. Der Landrat hatte ab 1919 seinen Sitz in diesem ehemaligen Adelshof von Nehem zu Sondermühlen. Das Foto eines unbekannten Fotografen entstammt Sprattes Bildarchiv Alt-Osnabrück, Band II, Verlag Wenner 1996.
Das Bildmotiv auf den im Juli 1919 verausgabten Briefmarken zur Würdigung der Weimarer Nationalversammlung gefiel nicht allen Zeitungslesern.
Repro:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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