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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Schauspiel unter Sternen
Zwischenüberschrift:
In den 1960ern und 1970ern waren die Osnabrücker Rathausspiele Höhepunkte im Veranstaltungskalender
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Zwischen 1961 und 1977 verwandelte sich der Markt in den Sommermonaten fast regelmäßig in ein Freilufttheater. Die Rathausspiele″ nutzten Rathaus, Stadtwaage und Marienkirche als attraktive Kulisse. Die historischen Gebäude waren mitspielende Elemente″ in den Inszenierungen bewährter Bühnenklassiker, die oftmals vom Intendanten persönlich an die Eigenarten der Spielstätte angepasst worden waren.

Anfänglich war die tausendsitzige Holztribüne stets ausverkauft. Die Osnabrücker und ihre Gäste erlebten große Theatermomente, wie sie sich in geschlossenen Räumen niemals einstellen können. Besonders wenn die Dämmerung einsetzte und mit zunehmender Dunkelheit die von Scheinwerfern angestrahlte historische Kulisse der Spielhandlung eine besondere Authentizität verlieh. Das umso mehr, wenn die Handlungszeit des Stückes zum Baustil der umgebenden Gebäude passte und die Illusion unterstützte.

Bisweilen verstärkte das Wolkenspiel am Himmel die Dramatik allerdings allzu sehr. Wenn der Wetterbericht Dauerregen voraussagte, stand die Spielleitung vor der Frage, ob die Aufführung in die als Ersatzspielstätte bereitstehende Halle Gartlage zu verlegen sei. Osnabrück ist nun einmal nicht Verona, wo man die Arena ohne großes Risiko den ganzen Sommer über bespielen kann. Das unbeständige niedersächsische Wetter war denn auch einer der Gründe, warum die Ära der Rathausspiele im Sommer 1977 mit der 15. Saison zu Ende ging. Andere Gründe waren die Kosten des Tribünenaufbaus und ein gewisser Abnutzungseffekt. Alle theaterbegeisterten Osnabrücker hatten irgendwann einmal ein Rathausspiel gesehen. Das Neue war davon ab″, wie man hier so sagt. Osnabrück ist eben auch nicht Salzburg oder Schwäbisch Hall oder Jagsthausen, wo sich wechselnde Touristenmassen jedes Jahr wieder aufs Neue einfangen lassen.

Bei der Premiere am 21. Juni 1961 aber war alles noch aufregend. Spielleute und Publikum standen unter gespannter Erwartung, als eine Bläsergruppe unter Leitung von Gustl Huuck mit Fanfarenklängen vom Turm der Marienkirche die ersten Rathausspiele eröffnete. Es gab das Salzburger Große Welttheater″ von Hugo von Hofmannsthal nach Calderón. Peter Maßmann war gerade als Intendant neu ans Theater am Domhof gekommen. Bei meiner Vorstellung und Wahl, die im Rathaus erfolgte, ließ der Marktplatz mit der Marienkirche und der Stadtwaage in mir sofort den Gedanken aufkommen, hier Freilichtaufführungen zu veranstalten″, schrieb Maßmann später in einem Rückblick.

Er brachte aus seinen bisherigen Engagements Freilicht-Erfahrungen mit. Keinesfalls sei es ihm darum gegangen, eine Konkurrenz zur Freilichtbühne in Tecklenburg aufzubauen. Dort in der Burgruine lasse sich praktisch alles aufführen, vom Drama bis zu Operette und Musical, während in Osnabrück die einmalige Strenge des Rathauses als Hintergrund mit der Rathaustreppe und der Kanzel stilistisch zu dominant″ sei. Es komme daher auf eine sorgfältige Stückeauswahl an.

Die war Maßmann mit dem Salzburger Welttheater nach Meinung der Kritik offensichtlich gut gelungen. Die Rathaustreppe fungierte als Oberbühne, auf der die symbolischen Gestalten die Welt, die beiden Engel, der Widersacher, der Tod und der Vorwitz eher statisch angeordnet waren. Auf dem Podest darunter entwickelte sich das konkrete Spiel des Lebens. Die Eingänge zu Stadtwaage und Marienkirche fungierten als Tore des Lebens und des Todes. Das breite Dreieck zwischen den Gebäuden bot vielfältige weitere Auftritts- und Abgangsmöglichkeiten.

Marienkantor Traugott Timme saß in der Marienkirche an der Orgel. Durch die geöffnete Tür drangen die gedämpften Klänge seines Spiels, das ebenso wie die Marien-Glocken wirkungsvoll in die Inszenierung einbezogen wurde. Die Zuschauer verharrten am Schluß in ergriffenem Schweigen″, bevor der Applaus einsetzte, schrieb der Zeitungskritiker. Er sprach von einer geradezu idealen Stätte für dieses allegorische Spiel des menschlichen Lebens″ im Stil mittelalterlicher Mysteriendarstellungen. Der NDR hatte bereits während der Hauptprobe Szenen aufgenommen und brachte sie im Hörfunkprogramm Umschau am Abend″. Auch im Regionalprogramm des Fernsehens tauchte das Osnabrücker Große Welttheater auf.

1962 folgte der Jedermann″ und 1963 der Götz von Berlichingen″, jeweils von Maßmann in Szene gesetzt. 1964 sparte Rezensent Hanns-Gerd Rabe zwar nicht an Lob für die herrliche Kulisse, machte aufgrund der Weiträumigkeit aber auch technische Probleme aller Art″ aus. Die Dialoge seien über die zehnte Reihe hinaus kaum zu verstehen. Warum setzt man nicht Mikrofone und Lautsprecher ein?″, fragte er.

1966 in den Räubern″ und 1967 im Prinz von Homburg″ wirkte Jürgen Prochnow mit, der damals am Anfang seiner Karriere stand. Später wurde er insbesondere dank seiner Rolle als Kommandant in der Verfilmung von Das Boot″ zum Weltstar.

1968 folgte Jürgen Brock auf dem Intendantenstuhl. Er hielt zunächst an den Rathausspielen fest, inszenierte Faust I″ 1972/ 73 gar selbst. Noch davor war 1969 die Zähmung der Widerspenstigen″ über alle sieben Aufführungen ein Kassenschlager. Im Planwagen rollte die Komödiantentruppe auf den Markt. Während die Pferde abgeschirrt wurden, zupfte das Osnabrücker Original Willi Schröer als wohlbeleibter Spielmann″ auf seiner Gitarre. Es war die erste Komödie bei den Rathausspielen. Der historische Platz lässt sich auch dies gefallen″, schrieb Manfred Böhmer im Tageblatt″.

Zwei Jahre später folgte mit Hauptmanns Schluck und Jau″ ein weiteres Lustspiel, ein praller Sommernachtsulk″. Was bei öffentlichen Proben so alles passieren kann: Der Darsteller des Biersäufers Jau, noch nicht im Kostüm, übt mehrmals einen tiefen Rülpser, wie ihn das Textbuch fordert. Da wendet sich eine ältere Dame an den Rathausdiener und beschwert sich: Was ist denn das für ein unanständiger Mensch?

1973 wurde für Faust I″ eine neue Tribüne mit bequemeren Sitzen gebucht. Der Faust kam gut an, die Sitze auch, doch das Wetter machte immer wieder Striche durch die nicht gerade niedrige Rechnung. Während sich die Rathausspiele in der Anfangszeit noch selbst trugen, also der Kartenverkauf den Tribünenaufbau und die sonstigen Kosten abdeckte, war das in den 1970ern nicht mehr der Fall. Das Theater litt unter massiven Sparzwängen und musste um den Erhalt seiner drei Sparten bangen. Da war ein Verlustbringer auf dem Spielplan nicht länger zu verantworten. Mit Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti″ fanden die Spiele in der 15. Saison ihr Ende.

Bildtexte:
Festbankett unter den Augen des todes im Mysterienspiel " Jedermann" im Sommer 1962.
Fast immer ausverkauft waren die Vorstellungen in den 1960er-Jahren, hier bei der Aufführung der Jungfrau von Orleans″ im Sommer 1964.
Für Osnabrück etwas völlig Neues: Premiere der Rathausspiele im Juni 1961 mit dem Stück Salzburger Großes Welttheater″.
Fotos:
Archiv Presseamt der Stadt Osnabrück, Kurt Löckmann
Autor:
Joachim Dierks


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