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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Sitz der Verwaltung statt Hotel oder Einkaufszentrum
Zwischenüberschrift:
Vor 25 Jahren wurde das Ex-Klinik-Hochhaus zum „Stadthaus I″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Andere Städte nennen so etwas technisches Rathaus″. Osnabrück ist bescheidener und sagt Stadthaus I″ dazu. Auch damit es nicht zu Verwechslungen mit dem historischen Rathaus am Markt kommt. Vor 25 Jahren zogen große Teile der Stadtverwaltung ins ehemalige Bettenhaus der Städtischen Krankenanstalten am Natruper-Tor-Wall ein.

Das siebengeschossige Hochhaus mit der schlichten Klinkerfassade gehört zu den wenigen erhaltenen Vertretern des Bauhaus-Stils in Osnabrück. Die äußere Gestalt des 1928/ 29 nach dem Entwurf des Stadtbaurats Friedrich Lehmann errichteten Zweckbaus steht für das Neue Bauen″ der Weimarer Republik und genießt folglich Denkmalschutz.

1991 zogen die Städtischen Krankenanstalten in den Neubau auf dem Finkenhügel, das vier Hektar große Altgelände am Fuße des Westerbergs und am Rande der Altstadt wurde frei. Die Stadt hielt damit eine Perle in der Hand, die zu den schönsten städtebaulichen Fantasien anregte.

Allerdings erlaubte der Denkmalschutz für das Hochhaus wie auch für die Alte Apotheke keine Tabula rasa. Bereits 1987, als die kommende Auslagerung feststand, meldete Projektentwickler ECE Interesse an, hier unter Einbeziehung des Hochhauses ein Einkaufszentrum entstehen zu lassen. Rat und Verwaltung gaben dieser Idee aber keine Chance. 1988 preschte die Hotelkette Holiday Inn vor. Sie wollte aus dem Hochhaus ein 180-Betten-Haus machen, stieß aber ebenfalls nicht auf Gegenliebe.

Dabei mag eine wichtige Rolle gespielt haben, dass die Stadtverwaltung selbst schon seit 1986 Pläne verfolgte, viele ihrer über die Stadt verstreuten Dienststellen in dem Gebäude zusammenzufassen. Das würde Mietzahlungen in der Größenordnung von 800 000 DM jährlich vermeiden, wurde argumentiert, zudem die Verwaltung durch kürzere Wege effizienter machen und vor allen Dingen auch den Bürgern Stadtrundfahrten″ ersparen, wenn sie verschiedene Ämter aufsuchen müssten. So war das Sozialamt etwa im Nikolaizentrum untergebracht, das Einwohnermeldeamt am Markt, das Amt für öffentliche Ordnung in der Lohstraße und die Bauverwaltung gleich an drei verschiedenen Orten. Man konnte auf das Vorbild der Kreisverwaltung verweisen, die vor dem Umzug zum Kreiszentrum am Schölerberg auf 14 verschiedene Dienststellen an 14 Orten verteilt gewesen war und nun großes Lob für ihre Bürgernähe bekam.

Oberstadtdirektor Dierk Meyer-Pries sprach von einer einmaligen und der wohl letzten Chance für ein derartiges städtisches Vorhaben. Denn für einen Neubau gebe es kein geeignetes zentrumsnahes Grundstück mehr, ganz abgesehen von den fehlenden Finanzmitteln. Ein Neubau wurde grob mit 100 Millionen DM veranschlagt, während der Umbau des Bettenhauses für rund 35 Millionen zu haben sei.

Die CDU- und mehrheitlich auch die SPD-Fraktion im Rat stellten sich hinter den Verwaltungsvorschlag. Anders die FDP: Sie wollte kein neues Mammut-Rathaus″, Investitionsmittel sollten lieber für die Schaffung neuer Arbeitsplätze aufgewendet werden und nicht für mehr Komfort für die Bürokratie″. Die Grünen waren zunächst ebenfalls gegen einen Verwaltungspalast″. Ihnen schwebte eine Nutzung des Hochhauses durch Initiativen, Bürgervereinigungen und Kulturverbände vor, später auch für studentisches Wohnen.

Nähere Untersuchungen führten außerdem zu dem Ergebnis, dass sich das Hochhaus nicht für die Umwandlung in ein Hotel eignete. Der dafür notwendige nachträgliche Einbau von Bädern etwa war praktisch unmöglich. Die bis zu 60 Zentimeter dicken Innenwände sind tragend, die Raumaufteilung nicht veränderbar.

1990 beschloss der Rat den Umbau des Hochhauses zum Verwaltungszentrum und die weitere Verwertung des Geländes durch den Neubau eines Hotels, einer Tiefgarage, eines Dienstleistungszentrums und einer Wohnbebauung zur Lürmannstraße hin.

Allerdings fehlten der Stadt die finanziellen Möglichkeiten, selbst als Bauherr aufzutreten. Die Heidelberger Unternehmensgruppe Roland Ernst wurde als Generalübernehmer″ zwischengeschaltet. Sie richtete ab 1992 das ehemalige Bettenhaus als Stadthaus I″ her und vermietete es anschließend an die Stadt.

Die 400 Verwaltungsmitarbeiter, die das Hochhaus und die beiden viergeschossigen Anbauten bezogen hatten, waren überwiegend sehr zufrieden mit ihren neuen, größeren und helleren Arbeitsbereichen und genossen die Panorama-Ausblicke″ auf die Stadt. Ebenso Tausende von Osnabrückern, die am 16. Juli 1994 die feierliche Übergabe im Rahmen eines Tages der offenen Tür erlebten. Im Bürgeramt liefen Testprogramme, die Bürger konnten sich selbst oder ihren Hund zum Spaß einmal an- und dann wieder abmelden.

Für Kinderbelustigung war ebenso gesorgt wie für öffentlich-rechtliche Prominenz: ARD- Tagesschau″-Sprecher Werner Veigel verlas zu jeder vollen Stunde mit amtlichem Ernst in der Stimme Nachrichten″ etwa über die erweiterten Öffnungszeiten des Bürgeramtes oder die 280 Stellplätze in der Tiefgarage, aber auch über das Bratwurstangebot an den Imbissständen.

In der Folgezeit gab es nicht immer so viel zu lachen. Es zeigte sich, dass die Stadt mit der Wahl des Projektträgers Roland Ernst keine glückliche Hand bewiesen hatte. Das wurde spätestens deutlich, als er mit dem Bau von Hotel, Dienstleistungszentrum (das spätere Stadthaus II″) und Wohnhäusern nicht weiterkam und diese Teilbereiche an die Stadt zurückgab. 2002 rutschte der Baulöwe auch mit seiner Osnabrücker Projektgesellschaft in die Pleite. Die Stadt stoppte die Mietzahlungen und kaufte das Stadthaus I zurück.

Weil bei Ernst nichts mehr zu holen war, blieb die Stadt auch auf gravierenden Baumängeln sitzen. Schimmel an den Wänden und hohe Luftschadstoffbelastungen, die auf ungeeigneten Dämmmaßnahmen und Ausdampfungen aus der alten Teerpappen-Abdeckung des Flachdachs beruhten, machten das Gebäude vorübergehend unbenutzbar. Von 2012 bis 2015 mussten alle Bediensteten in Ausweichquartiere umziehen, während das Stadthaus I einer millionenschweren Komplettsanierung unterzogen wurde.

Bildtexte:
Das Bettenhaus der Städtischen Krankenanstalten wurde 1928/ 1929 im Stil der " Veuen Sachlichkeit" errichtet und blieb im Krieg unzerstört. In den 1950ern entspannt auf diesem Foro aus unserem Archiv ein unbekannter Patient auf dem frisch angelegten Pergola-Wandelgang.
Seit 1994 beherbergt das umgebaute Betten-Hochhaus als Stadthaus I″ große Teile der Stadtverwaltung. Zu beiden Seiten ergänzen viergeschossige Flügelbauten das Raumangebot.
Bis 1991 waren die Städtischen Kliniken auch Notfall-Krankenhaus. Vor dem Bettenhaus landeten Hubschrauber. Bevor es die ADAC-Luftrettung gab, sprang häufig die britische Luftwaffe ein.
Die Rückseite des Hochhauses, gesehen von der Lürmannstraße, auf einem ebenfalls etwa 1931 entstandenen Foto von Rudolf Lichtenberg. Es entstammt der fotografischen Sammlung des Museumsquartiers Osnabrück.
Eine Liegeterrasse war auf dem Dach des Hochhauses eingerichtet, bevor in den 1950ern ein Staffelgeschoss für Schwesternwohnungen aufgesetzt wurde. Das Foto von Rudolf Lichtenberg (um 1931) entstammt dem NOZ-Archiv.
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv Rolf Fricke/ Walter Fricke
Autor:
Joachim Dierks


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