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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Namensstreit um das Calmeyer-Haus
Zwischenüberschrift:
Diskussion in der Volkshochschule über eine „ambivalente Persönlichkeit″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Darf der Lernort in der Schlikkerschen Villa Hans-Calmeyer-Haus″ heißen? Für die meisten der etwa 50 Besucher einer Podiumsdiskussion in der Volkshochschule war das wohl eine klare Sache, für die Herren im Podium nicht unbedingt. In dieser Woche war bekannt geworden, dass die Stadt die neue Einrichtung Friedenslabor″ nennen will. Damit war der Streit programmiert.

Unstrittig ist, dass der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903–1972) während des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Niederlanden etwa 3000 Juden vor der Ermordung gerettet hat. Gleichwohl sieht ihn der Geschichtsprofessor Christoph Rass als eine ambivalente Persönlichkeit″, weil er ein Funktionär des NS-Systems war und nur einen kleinen Teil der niederländischen Juden vor der Deportation bewahren konnte.

Rass gehört dem wissenschaftlichen Beirat an, den die Stadt einberufen hat, um die neue Einrichtung in der Schlikker′schen Villa auf den Weg zu bringen. Bei der Veranstaltung in der Volkshochschule war er zwar nicht anwesend, aber sein Einwand bestimmte die Diskussion maßgeblich. Mit scharfen Worten reagierte Joachim Castan auf die Relativierung, die er im Begriff Ambivalenz″ sieht. Auch er gehört als Historiker dem Beirat an, vertritt aber den Standpunkt, dass Calmeyer Namenspatron für das vom Bund mit 1, 7 Millionen Euro geförderte Projekt sein sollte.

Für ihn sei es emotional berührend gewesen, mit Menschen zu sprechen, die Calmeyer ihr Leben verdanken. Es ärgert mich schon, wenn es Diskussionen gibt, man müsse Calmeyer ambivalent sehen″, erklärte Castan und fügte hinzu: Ich denke, es stände der Stadt Osnabrück gut an, wenn es ein Calmeyer-Haus gäbe! Er habe aus einer inneren Haltung heraus gehandelt und sich dabei ständig der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden.Angst vor Provinzposse

Kontra bekam Castan von Kulturdezernent Wolfgang Beckermannm, der die Kritik am wissenschaftlichen Beirat zurückwies: Wir brauchen einen Beirat, damit so etwas nicht zu einer Provinzposse wird!″, meinte er. Die Stadt sei auf ausgezeichnetem Weg″ und werde den Lernort in der Schlikker′schen Villa voraussichtlich bis 2023 eröffnen können. Im Beirat gebe es einen weitgehenden Konsens über die Vorgehensweise, aber der von Castan vom Zaun gebrochene Streit über den Namen sei kontraproduktiv.

Christoph Spieker, der als Historiker den Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster leitet, äußerte Verständnis für Menschen, die Calmeyer Vorbehalte entgegenbringen. In den Niederlanden sei diese Haltung weit verbreitet, weil der Osnabrücker Anwalt noch heute als Mitglied des Besatzungsregimes wahrgenommen werde. Lange Zeit sei nur zwischen Gut und Böse unterschieden worden.

Dass die Stadt Osnabrück Rücksicht auf niederländische Befindlichkeiten nehmen sollte, findet auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg. In seiner Dissertation hat er sich mit Calmeyers Wirken als Jurist auseinandergesetzt. Ausführlich legte er dar, wie trickreich der Osnabrücker Rechtsanwalt im besetzten Den Haag die Bestimmungen interpretierte, um Menschenleben zu retten. Zum Beispiel, dass er beim Herkunftsnachweis die Beweislast umdrehte und damit vielen Juden eine Chance gab, den Gaskammern zu entrinnen, womit er im Deutschen Reich nicht durchgekommen wäre. Oder der Clou mit der Seitensprung-Arisierung″, bei der er es akzeptierte, wenn Antragsteller geltend machten, der jüdische Familienvater sei nicht ihr wahrer Erzeuger, sondern ein arischer″ Mann, mit dem ihre Mutter eine Affäre gehabt habe.

Middelberg machte deutlich, dass Calmeyer sich mit außerordentlichem Geschick und großem Aufwand für eine größere Gruppe sephardischer Juden eingesetzt habe, die von portugiesischen oder spanischen Migranten abstammten. Manche seiner Formulierungen aus den Akten könnten zwar als rassistisch oder judenfeindlich eingestuft werden, aus dem Zusammenhang ergebe sich jedoch ein anderes Bild. Calmeyer habe sich formal an den Jargon der Nazis gehalten, wenn er damit Menschenleben habe retten können.

Sein Engagement lasse sich nur mit einer Haltung erklären, die sich gegen die Nazi-Ideologie gerichtet habe. Dafür habe er es riskiert, als Saboteur des Holocaust enttarnt zu werden und selbst ins Konzentrationslager zu kommen. Mehrfach habe ihn die SS kontrollieren wollen. Nur durch glückliche Fügungen sei er dem Zugriff der Schergen entkommen.

Middelberg gab sich überzeugt, dass Calmeyer nicht alle Juden retten konnte, um den Holocaust erfolgreich sabotieren zu können. Festzuhalten bleibe aber, dass er nur Fälle, die schon auf der Todesliste standen, davon runtersortiert″, aber keine in die Todesliste einsortiert habe. Das Dilemma, in dem er gesteckt habe, sei aber offensichtlich. Und deshalb, so der CDU-Politiker, sei es für ihn akzeptabel, Calmeyer als ambivalente Persönlichkeit zu bezeichnen.Chance nicht verspielen

In der vom scheidenden VHS-Leiter Carl-Heinrich Bösling geleiteten Diskussion wurde die Stadt aufgefordert, sich klar zu Calmeyer zu bekennen. Teilnehmer aus sehr unterschiedlichen Lagern waren sich einig, dass der Lernort in der Villa Schlikker seinen Namen bekommen sollte. Die Stadt ist dabei, eine große Chance zu verspielen″, meinte ein Geschichtslehrer. Andere Redner erinnerten daran, dass der Osnabrücker Anwalt von der israelischen Gedenkstätte posthum als Gerechter der Völker″ geehrt wurde.

Der emeritierte Literaturwissenschaftler Tilman Westphalen erinnerte daran, dass auch der Schriftsteller Erich Maria Remarque noch 1974 als ambivalent gegolten habe. Calmeyer habe selbst gesagt, dass er kein Held sei. Aufgabe des Lernorts sei es auch nicht, ihn zum Helden zu stilisieren, sondern das Ambivalente in seinem Handeln aufzuarbeiten. Fritz Brickwedde, Chef der CDU-Fraktion im Rathaus und Initiator eines Hans-Calmeyer-Hauses in der Villa Schlikker, ging mit dem abwesenden Prof. Rass hart ins Gericht: Der Rat habe die Einrichtung eines Calmeyer-Hauses beschlossen. Wenn der Historiker als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats eine Benennung nach Calmeyer inakzeptabel finde, dann sei Rass für den Beirat inakzeptabel.

Bildtext:
Ambivalente Figur: der Rechtsanwalt Hans Calmeyer, hier auf einem Foto aus der Nachkriegszeit.
Foto:
Sammlung Niebaum

Kommentar
Tragischer Held

Natürlich war Hans Calmeyer eine ambivalente Figur. Aber warum sollte das ein Grund sein, den Lernort in der Villa Schlikker nicht nach ihm zu benennen? Gerade weil er sich im ständigen Zwiespalt bewegen musste, macht sein Beispiel auf bedrückende Weise deutlich, dass es nicht nur Gut und Böse gibt.

Kein anderer Deutscher hat so viele Menschen vor dem Holocaust gerettet wie Hans Calmeyer. Deshalb ist es nicht vermessen, den Osnabrücker Anwalt einen Helden zu nennen. Aber die Umstände, in denen er sich bewegte, machen ihn zu einem tragischen Helden. Um den Holocaust zu sabotieren, konnte er nicht alle Juden retten, denn sonst wäre er selbst ins KZ gekommen.

Aufgabe des Hans-Calmeyer-Hauses ist es aber gar nicht, den Namenspatron zu heroisieren, sondern seine Rolle im besetzten Den Haag aufzuarbeiten. Dazu gehört es, jugendlichen und erwachsenen Besuchern die innere Zerrissenheit dieses Menschenretters vor Augen zu führen. Niemand kann heute glaubwürdig sagen, wie er sich in der Nazi-Diktatur verhalten hätte. Aber die Auseinandersetzung mit Calmeyer kann dazu beitragen, Zivilcourage im Hier und Jetzt zu entwickeln. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Ertrinkende im Mittelmeer zu retten. rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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