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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Liebe Anwohner der Rheiner Landstraße...
Zwischenüberschrift:
... das kommt von heute an auf Sie zu
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Originaltext:
Werte Leidensgenossen! An der Knollstraße haben wir hinter uns gebracht, was Ihnen an der Rheiner Landstraße unmittelbar bevorsteht: die Vollsperrung vor der eigenen Haustür. Was rollt mit den Baufahrzeugen auf Sie zu, wollen Sie wissen? Hier kommt die ungeschönte Antwort.

Osnabrück Steigen wir mit der guten Nachricht ein: Acht Monate Vollsperrung haben unsere familieninterne Ökobilanz ordentlich aufpoliert. Wer von der städtischen Baustellenplanung im eigenen Wohngebiet eingekesselt wird, der steigt gezwungenermaßen öfter mal aufs Rad.

Die schlechte Nachricht: Die Luft vor unserer Haustür war trotzdem verschmutzter als sonst, weil Tiefenbohrungen und frischer Asphalt dem befreiten Durchatmen nicht gerade zuträglich sind. Fenster kann man schließen; das hält Gestank und Staub zumindest draußen. Das Nervenkostüm schützen die Glasscheiben allerdings nicht. Es hat gelitten in den vergangenen Monaten, das lässt sich nicht schönschreiben.

Rückblickend kommen uns die acht Monate dennoch kürzer vor. Weil wir zwar oft genervt, aber nie verzweifelt waren. Es gibt Schlimmeres als Baulärm und Umwege. Schlafentzug zum Beispiel. Okay, an manchen Morgen war es doch schlimm.

Los ging es im Oktober 2018: Nach mehreren Bauabschnitten rechts und links von uns sperrten Warnbaken nun das rund 250 Meter lange Stück Knollstraße ab, an dessen Mitte unser Drei-Parteien-Haus steht. Wie alle Autofahrer hatten wir die Straße seit 2016 mit einer kurzen Unterbrechung nicht mehr in Richtung Innenstadt nutzen können. Von Oktober an ging dann nichts mehr. Keine Zufahrt mehr zum Grundstück. Parken bitte in den umliegenden Straßen.

Bagger rissen den alten Asphalt auf und gruben Meter um Meter tiefe Schneisen ins Erd- und Geröllreich, um Platz für dicke Kanalrohre zu schaffen, die ausgetauscht werden sollten. Die Geräuschkulisse darf man sich dementsprechend vorstellen: ein unregelmäßiges Hämmern, Klopfen und Dröhnen, das an den schlimmsten Tagen die Glasscheiben unserer Vitrine vibrieren ließ. Dass sämtliche Baufahrzeuge beim Rückwärtsfahren piepen, können wir aus Sicherheitsgründen nur gutheißen. Für uns fühlte sich der durchdringende Ton aber verdächtig nach Tinnitus an. Piep. Piep. Piiiiieep!

Ihnen an der Rheiner Landstraße wird es als Errungenschaft und Lehre aus den Erfahrungen mit der Knollstraße verkauft, dass künftig mehrere Bautrupps gleichzeitig und in Doppelschichten arbeiten werden, montags bis samstags von 6 bis 22 Uhr. Das mag die Bauzeit insgesamt drastisch verkürzen, aber für uns als Ex-Betroffene klingt es wie ein Horrorszenario.

Schlafzentzug

Womit wir wieder beim Thema Schlaf wären. Für Erwachsene ohne Kinder mit 9-to-5-Jobs sind 16-stündige Bauzeiten vielleicht noch irgendwie erträglich. Es bleiben ja acht Stunden zum Schlafen. Eltern von Mittagsschlaf haltenden Kindern, Erwachsene im Schichtdienst und junge Leute, die auch unter der Woche abends mal länger ausgehen, können sich auf zermürbende Wochen einstellen.

Klar, es ist nicht immer laut. Aber bei uns zumindest fiel der Mittagsschlaf der kleinen Tochter regelmäßig aus. Nach meinen Spätdiensten in der Redaktion war an ein Nickerchen am nächsten Tag ebenfalls regelmäßig nicht zu denken.

Der Tochter brachten wir den Protestslogan Weg mit der Baustelle! bei, den sie regelmäßig im Brustton der Überzeugung skandierte, wenn es ihr mal wieder zu bunt wurde. Leider nie, als wir sie den ganzen Winter über durch den Hindernisparcours auf dem Bürgersteig an den Bauarbeitern vorbeischleppten. Die Gesichter hätten wir gerne gesehen. Wobei die Bauarbeiter für die ganze Misere ja am wenigsten können. Sie führen letztlich nur aus.

Ohnehin, dass sollte vielleicht einmal betont werden: Dass die Bauarbeiten notwendig waren, haben wir nie angezweifelt. Das Bemühen, es den Anwohnern so erträglich wie möglich zu machen, war für uns meist erkennbar mit einigen unrühmlichen Ausnahmen.

Es kam schon mal vor, dass man morgens das Grundstück verlassen wollte und in sämtlichen Richtungen nicht weiterkam, weil Absperrungen den Weg abschnitten. Der Bürgersteig zur einen Seite aufgerissen, auf der anderen Seite lag der Wendekreis des Riesenbaggers. Piep. Piep. Piiiiieep!

Als sich mein Mann mit der Tochter auf dem Arm einmal seinen Weg durch den Bakendschungel bahnte, maulte ihn der Baggerfahrer an. Ständig liefen ihm die Passanten vor den Bagger, und er müsse höllisch aufpassen. Mein Mann antwortete mit einer gepfefferten E-Mail an die Bauleitung. Abends standen zwei Flaschen Wein vor unserer Haustür und wir fühlten uns schlecht. Die Nachbarn befürchteten zudem, man könnte durch unsere Intervention das gesamte Bauteam gegen uns aufgebracht haben.

Der große Graben

Zumindest langfristig schienen die Arbeiter aber nicht vergrämt zu sein. Als sie sich an die Kanalverbindungen vor unserem Grundstück machten, klaffte eines Nachmittags ein unüberwindbarer Graben vor der Hofeinfahrt. Kurzerhand hievten die Männer erst meine Tochter und dann das Rad samt Anhänger über die Kluft. Auch mich hätten sie galant hinüberbegleitet, aber ich wagte lieber den Sprung.

Auch Missgeschicke gab es wie sollte es anders sein, wenn haushohe Baumaschinen acht Monate lang auf engem Raum im Erdreich wühlen? Wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Einmal kappte die Baggerschaufel ein Wasserrohr, ein andermal musste das Telefonkabel dran glauben.

Das war aber alles nichts gegen die Panne, die auffiel, als der Kanalbau an unserem Straßenstück eigentlich schon abgeschlossen war. Der Anschluss eines Eckhauses an der Knollstraße war in alten Plänen nicht eingezeichnet gewesen und deshalb bei den neuen uppsala vergessen worden. Das Haus war plötzlich nicht mehr an die Kanalisation angeschlossen, und alles, was aus Wasserhähnen, Duschen und Toiletten durch Rohre ins Kanalsystem abfließen sollte, hatte sich bis zum Überlaufen angestaut.

Das Beruhigende für Sie, liebe Rheiner-Landstraßen-Bewohner: So etwas kommt äußerst selten vor″, hatten uns die Stadtwerke damals erklärt.

Kommen wir von einem appetitlichen Thema zum nächsten: Müll. Wenn die Müllabfuhr Ihre gefüllten Tonnen und Säcke auch während der Vollsperrung abholen soll, dürfen Sie sie künftig einmal pro Woche an der Baustelle vorbeibugsieren. Im Sommer bereitet das dank Fliegen und Gestank vermutlich noch etwas mehr Freude als im Winter.

Lärmbelästigung, Parkplätze, Müllabholung: Sie als Baustellengeplagte können all Ihre Fragen und Sorgen künftig in einem Baubüro loswerden, das Stadt und Stadtwerke für Sie eingerichtet haben. Diese Möglichkeit hatten wir noch nicht. Bei uns an der Knollstraße kamen die rudimentärsten Infos über neue Einschränkungen per Hauseinwurf in den Briefkasten. Den Rest erledigte die Gerüchteküche. Ein Vorteil: Das geteilte Leid brachte die Nachbarschaft näher zusammen. So viel miteinander gequatscht haben wir vorher nicht. Unser Gesprächsthema Nummer eins war natürlich: Wann ist das Ganze endlich wieder vorbei?!

Und dann auf einmal war es so weit. Der letzte Stein am Bürgersteig zurechtgesägt, die letzte Markierung getrocknet, der letzte Kantstein gesetzt. Dass man sich mal so über 250 Meter neue Straße freuen würde…

Wieder selbstbestimmt

Seit Ende April haben wir wieder freie Fahrt zumindest gen City. Sind wir damit auch freiere Bürger? So platt der alte ADAC Motorwelt″-Slogan sein mag, so zutreffend fühlt er sich überraschenderweise an. Die Baustelle hatte uns beschnitten. Jetzt können wir wieder selbst entscheiden, wann wir aufstehen, wie oft wir lüften und wo wir parken wollen.

Man wird dankbar für die kleinen Dinge: Nach einem Spätdienst wach werden, weil die Tochter ins Bett schlüpft und nicht vom Tinnitus-Bagger, der seine Wendemanöver gefühlt immer direkt vor unserer Haustür vollzog. Den Wocheneinkauf vor die Haustür fahren und nicht im Bollerwagen über die provisorische Buckelpiste ruckeln müssen, die einst ein Bürgersteig war. Den Parkplatz am Grundstück ansteuern können, statt die dichten Nebenstraßen noch weiter zu verstopfen.

Unsere erste Autofahrt über das neue Stück Knollstraße haben wir gefeiert wie ein Marathonläufer die letzten 200-Meter eines Rennens mit Gegenwind. Ausgelaugt, aber glücklich. Endlich geschafft.

Die Baustelle hat uns demütig gemacht. Wir haben sie in Demut ertragen. In dem Wissen, dass sie notwendig war und ihr Zweck größer als unsere kleinen Bedürfnisse. Diese Demut wünsche ich auch Ihnen, liebe Anwohner der Rheiner Landstraße! Es geht ja wieder vorbei.

Bildtexte:
Eine erste Bauphase startet heute auf Höhe der Rückertstraße, die bis Ende der Sommerferien voll gesperrt wird. Die Rheiner Landstraße bleibt in diesem Bereich zunächst befahrbar, allerdings nur halbseitig gesteuert von Ampeln mal in die eine und mal in die andere Richtung. Schritt für Schritt wandert die Großbaustelle in den kommenden Monaten über die Rheiner Landstraße, streckenweise Vollsperrungen inklusive. Das gesamte Projekt soll im Sommer 2021 abgeschlossen sein.
Leben an der Großbaustelle: Wie schlimm ist es wirklich?

Fotos:
Jörn Martens, Michael Gründel
Autor:
Maike Baars


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