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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Proteste der Kulturszene verhallten ungehört
Zwischenüberschrift:
Vor 25 Jahren begann nach dem umstrittenen Weymann-Abriss der Bau der Salzmarkt-Tiefgarage
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Als Auftakt zur Sanierung der südlichen Innenstadt gilt der erste Rammschlag, mit dem im Juni 1994 der Bau der Salzmarkt-Tiefgarage begann. Osnabrücks sechste Großraum-Parkgarage mit 440 Stellplätzen ging planmäßig zum Westfalentag″ an Allerheiligen 1995 in Betrieb. Da haben wir 30 Jahre lang drauf gewartet″, sagte Buchhändler Georg Leiber als Sprecher der Kaufmannschaft in der südlichen Johannisstraße.

Der ehemalige Salzmarkt war zuvor zu einem unansehnlichen Hinterhofgelände verkommen. Der Stadt gelang es, das Areal als Sanierungsgebiet IV Neustadt/ Salzmarkt″ ins Städtebauförderprogramm zu bekommen. Die Ausgaben von 20 Millionen DM trugen überwiegend Bund und Land. Davon wurden Grunderwerb, Abbruch, Altlastensanierung, Erschließung und Planungskosten bezahlt.

Diesen öffentlichen Ausgaben folgten 115 Millionen an privaten. Sie sehen, jede Mark aus der Städtebauförderung zieht Investitionen der freien Wirtschaft von sechs Mark nach sich″, freute sich Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip.

Dabei hatte es viele Jahre gedauert, bis diese Lösung zustande kam. Mehrfach waren zuvor interessierte Bauherren abgesprungen. Erst mit heimischen Investoren gelang die Osnabrücker Lösung″, wie Fip sie bezeichnete. Darunter waren OWG, Awo, Caritas, Osmo-Anlagenbau und Architekt Hülsmeier, die für eine Altenwohnanlage, Gewerbeflächen, 400 Wohnungen und ein Kulturzentrum in der ehemaligen Weymann-Halle sorgten.

Und natürlich die Osnabrücker Parkstätten-Betriebsgesellschaft (OPG) als Bauherr der Salzmarkt-Tiefgarage. Sie ließ es sich 17 Millionen DM kosten, auf 12 000 Quadratmeter Grundfläche 440 Einstellplätze zu schaffen. Man sprach von Osnabrücks größtem Loch″, das die Bagger im Herbst 1994 buddelten. Es ging zwar nur sechs Meter in die Tiefe, weil die Garage nur ein Geschoss hat, aber über die große Grundfläche kamen 80 000 Kubikmeter Boden zusammen, die in 6000 Lkw-Ladungen abgefahren werden mussten.

Die Bauzeiten wurden exakt eingehalten, aber ansonsten lief nicht alles programmgemäß. Kurz nach der Eröffnung zeigten sich Risse in der Decke, durch die Regenwasser eintrat. Die Baufirmen hatten vorher Bedenken geäußert und eine zusätzliche Verklebung der Decke empfohlen, weil geringe Schwundrisse im Beton normal seien. Doch die Fachingenieure setzten sich darüber hinweg, zumal die Garage ja überbaut werden würde. Dummerweise kam die Bebauung aber nicht sofort. OPG-Geschäftsführer Siegfried Hoffmann vertrat den Standpunkt: Wir haben eine trockene Garage bestellt″ und keine mit Fußbad. So musste für mehr als eine halbe Million DM nachträglich verklebt werden. Die üblichen Auseinandersetzungen um die Kostentragung folgten.

Friktionen entstanden auch bei einem anderen Element der Salzmarkt-Sanierung: beim Umgang mit den alten Weymann-Werksanlagen. Das Gebäude der Mechanischen Werkstatt längs des Petersburger Walls engte den Straßenraum so ein, dass hier der letzte Engpass des ansonsten durchgehend vierspurigen inneren Rings verblieb.

Die Stadt hatte das Weymann-Gelände schon in den 1970er-Jahren mit einer Veränderungssperre belegt, damit nicht durch Neubauten ein späterer Abriss verteuert würde. Für die Firmenleitung stand damit fest, dass keinerlei Modernisierungen oder Umbauten möglich oder sinnvoll waren und der Standort keine Zukunft hatte.

1986 verlagerte Weymann seinen Gießereibetrieb in die Räume der stillgelegten Gießerei von Brück, Schlösser & Co in der Klosterstraße. 1989 verließen auch Maschinenbau und Aufzugsfertigung den Petersburger Wall und zogen ins Industriegebiet Sutthausen. Noch im selben Jahr erwarb die Stadt über den Sanierungsträger Neue Heimat Niedersachsen das alte Weymann-Areal, voller Vorfreude darauf, nun endlich die Ringstraße vierspurig vollenden zu können.

Doch dann entdeckte die Kunstszene die von Ruß und Öl geschwärzte Halle. Das Ambiente von Kränen und Arbeitsbühnen bot sich für Ausstellungen, Tanz- und Musikveranstaltungen an. Allerlei buntes Treiben bereicherte daraufhin den Kulturkalender im Herbst 1990. Die Akteure gründeten die Weymann-Initiative″ mit dem Ziel, den Abriss der Mechanischen Werkstatt von 1899 mit ihrer eindrucksvollen Jugendstilfassade und den markanten Rundbogenfenstern zu verhindern. Zu den Aktivisten, die in Diskussionsveranstaltungen vehement die Stimme gegen den Abriss erhoben, gehörte auch der Architekt und heutige Stadtbaurat Frank Otte.

Bei Planern und Politikern biss die Initiative auf Granit. Die Halle musste weg, sonst wären das von dem Stuttgarter Städteplaner Hans-Joachim Aminde entwickelte Nutzungskonzept für das Salzmarktviertel und das städtebauliche Ziel der Engpassbeseitigung nicht zu erreichen gewesen. Am 7. Februar 1991 stimmte der Rat mit 29 zu 17 Stimmen für den sofortigen Abriss. CDU und Teile der SPD waren dafür, FDP, Grüne und der andere Teil der SPD dagegen.

Mitte März holte sich das noch im Aufbau befindliche Museum Industriekultur heraus, was es gebrauchen konnte: gusseiserne Säulen, Sprossenfenster, Lampen, eine ganze Meisterbude. Abrissgegner befestigten in einem letzten Verzweiflungsakt am Schornstein ein Transparent mit der Aufschrift Kultur statt Verkehr″. Am 8. April fiel der Schlot nach gezielten Sprengungen in sich zusammen und begrub das Transparent unter seinen Trümmern.

Nicht vom Abriss betroffen waren die beiden Gießereihallen von 1850, die weiter nördlich auf dem Grundstück liegen. Etwa gleichzeitig mit dem Bau der Tiefgarage entstand in dem mit Millionenaufwand renovierten alten Gemäuer die Markthalle Salzmarkt″. Leider ging das Konzept nicht auf. Auch einige Nachfolgenutzungen wie etwa ein Möbelgeschäft waren nicht von langer Dauer bis ein Fitness-Center einzog und mit dem Industrie-Ambiente offensichtlich den Geschmack des Publikums traf.

Bildtexte:
Das Baufeld für die Tiefgarage und das Sanierungsgebiet Salzmarkt ist im August 1994 vorbereitet. Der Blick vom Baukran geht nach Nordwesten mit den Türmen von St. Katharinen und St. Johann im Hintergrund.
Bau der Salzmarktgarage: Im Oktober 1994 sind die Spundwände sichtbar, die das Areal der Tiefgarage umgrenzen.
Für die einen eine abbruchreife Schrottimmobilie, für die anderen ein erhaltenswertes Industriekultur-Ensemble: die Hofeinfahrt zur bereits verlassenen Gießerei Weymann im März 1991.
Heute: Die Wassermannstraße durchzieht das Sanierungsgebiet. Unter dem Komplex rechts liegt die Tiefgarage.
Die Mechanische Werkstatt der Firma Carl Weymann im März 1991 kurz vor dem Abriss. Das Denkmalschutz-Symbol rechts ist kein offizielles, sondern ein von Aktivisten aufgemaltes.
Fotos:
K. Lindemann, Joachim Behrens, Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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