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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Gassperrstunden sorgen für Aufregung
Zwischenüberschrift:
Juni 1919: Kohlemangel, Viehdiebstähle und ein Lob der Kochkiste
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der Juni 1919 ist ein Monat schwerster politischer Entscheidungen und epochaler Ereignisse: Deutschland wird zum Unterzeichnen des Versailler Friedensvertrages genötigt, das Kabinett Scheidemann tritt zurück, Separatisten rufen die Rheinische Republik″ aus, die in Scapa Flow internierte deutsche Hochseeflotte versenkt sich selbst.

Im Politikteil des Osnabrücker Tageblattes″ findet das selbstverständlich seinen Niederschlag. Im Lokalen ist das Echo auf die große Politik zunächst aber erstaunlich gering. Lediglich eine Zweigstelle Osnabrück des Bundes deutscher Männer und Frauen zum Schutze der persönlichen Freiheit und des Lebens Wilhelms II.″ lässt von sich hören. Sie schickt ein Telegramm an das niederländische Außenministerium, in dem sie auf das Schärfste gegen die von den Feinden Deutschlands beabsichtigte Forderung auf Auslieferung des ehemaligen deutschen Kaisers″ protestiert. Sie bittet die niederländische Regierung, diese Forderung mit aller Entschiedenheit zurückweisen zu wollen, weil sie in schreiendem Widerspruch zum geltenden Völkerrecht steht″. Man hofft, dass die gastfreien Niederlande das Asylrecht auch dem unglücklichen ehemaligen Kaiser nicht verweigern werden″.

Gas ist Mangelware: Für deutlich mehr Aufregung in Osnabrück sorgen indessen verschärfte Gassperrstunden: Zusätzlich zu der Nachmittags- und Abend-Sperrzeit muss nun auch morgens von 8 bis 10 Uhr der Schieber geschlossen werden. Ausbleibende Kohlenlieferungen lähmen die städtische Gasanstalt, die seit 1857 aus Steinkohle in eigener Kokerei den begehrten Energieträger produziert. Nach ausgedehnten Streiks fördern die Zechen des Ruhrgebiets zwar wieder, aber infolge der Arbeitsunlust″ sei die Fördermenge um die Hälfte geringer als in den Kriegsmonaten, berichtet das Tageblatt″. Dazu komme, dass bedeutende Mengen an die Siegermächte abzuliefern seien und das Saarland gänzlich ausfalle. Für die kleineren regionalen Kohlenreviere Barsinghausen, Obernkirchen und Ibbenbüren meldet der Kohlenbericht, dass sich die Arbeitsleistung infolge der Einführung der siebenstündigen Arbeitszeit noch mehr verschlechtert habe.

Die Kohlenlage ist noch niemals so hundsmiserabel gewesen″, erklärt Betriebsdirektor Schwers vor dem Bürgervorsteherkollegium. Zeitweise reichten die Vorräte nur für drei Tage. Er anerkenne durchaus die Unbequemlichkeiten, die die Gassperren mit sich brächten, aber durch Pflicht und Gewissen sei er zu den getroffenen Maßnahmen gezwungen.

Die Bürgervorsteher lassen in ihren Redebeiträgen Verständnis für die Lage erkennen, diskutieren aber ausführlich, ob sich nicht durch eine Vorverlegung der Polizeistunde ein ähnlicher Einspareffekt erzielen lasse. Schwers erwähnt noch, dass auf Anordnung des Reichskommissars bei Neubauten zurzeit nur Leuchtgasanschlüsse, jedoch keine Kochgasanschlüsse hergestellt werden dürften.

Die Kochkiste: Für das Tageblatt″ ist die Notlage Anlass, wieder einmal ein Loblied auf die Kochkiste″ anzustimmen. Das ist ein wärmedämmend ausgekleidetes Behältnis, in das Töpfe mit erhitzten Speisen eingestellt werden können, damit diese dann ohne weitere Energiezufuhr über Stunden langsam fertig garen. Sie erspare Kohlen und Zeit″. Die Hausfrau, die die Kochkiste benutzt, genießt eine verhältnismäßig große Freiheit, während sie sonst sozusagen die Sklavin des Kochtopfes ist″, lobt die Zeitung. Die Hausfrau könne etwa Besorgungen machen und werde beim Heimkommen alles in bester Ordnung und die Speisen ohne weiteres Zutun fertig finden. Auch eine Kochlehrerin kommt zu Wort: Ich bereite z. B. den Nachmittagskaffee gleich nach dem Mittagessen und stelle ihn in die Kochkiste. Gibt es abends eine Suppe, so wird auch diese gleich nach dem Mittagstisch vorbereitet und in der Kochkiste untergebracht.″ Ähnlich verfahre man mit dem Spülwasser für den Abendabwasch, um abends nicht extra wieder anheizen zu müssen.

Pferdedieb: Einem Pferdehändler ist von seiner Weide in Hellern ein wertvolles Pferd gestohlen worden. Die Kripo ermittelt als Dieb einen hiesigen Koppelknecht″, der sich durch beträchtliche Geldausgaben in den letzten Tagen bemerkbar gemacht″ hat. Das Pferd, welches zwischenzeitlich schon zweifach weiterverkauft worden war, kann aus Ibbenbüren wieder herbeigeschafft und seinem rechtmäßigen Eigentümer übergeben werden.

Mehlpanscher: Kaum ist das angekündigte amerikanische Weizenmehl eingetroffen, ist es schon verfälscht worden. Die Gewerbepolizei hat zwei Kolonialwarenhändler überführt, die das Weizenmehl mit 10 beziehungsweise 20 Prozent Kriegsmehl gestreckt und dann als reine Ware verkauft haben. Die Zeitung nennt die betrügerischen Geschäfte mit vollem Namen und Adresse und gibt weiterhin bekannt, welchen Geschäften nun ersatzweise der Verkauf des US-Mehls übertragen wurde.

Kunstgenuss: Die Osnabrücker haben eine Freilichtbühne auf dem romantisch schönen Ziegenbrink″ angelegt bekommen. Eine Hütte, die für Innenszenen benutzt wird, ist aus rohem Tannenholz und Schwartenbrettern gezimmert worden. Die Germanenhalle″, welche für die Inszenierung von Ibsens Nordischer Heerfahrt″ benötigt wird, ist durch einen von vier dicken Säulen getragenen Bau angedeutet. Holzbänke mit Rückenlehnen sind aufgestellt und ergeben 770 nummerierte Plätze. Die Intendanz weist darauf hin, dass die Straßenbahn Sonderfahrten zu Beginn und Ende der Aufführungen zum Schölerberg durchführt. Die Wagen tragen weiße Wimpel. Wenn das Publikum sie fahren sieht, hat es gleichzeitig die Gewissheit, dass die Aufführung wetterbedingt auch stattfindet. Der Rezensent des Tageblattes″ wertet die Premiere als vollen Erfolg, sowohl was den Publikumsandrang angeht als auch die Qualität des Dargebotenen. Er schreibt: Ich bin überzeugt, dass mancher anfänglich wohl etwas enttäuscht gewesen ist über die Einfachheit dieses Naturtheaters und seiner prunklosen Bühne. Als dann aber Ibsens Gestalten vor dem natürlichen Hintergrunde im Schatten lebender Bäume am Auge vorüberzogen, diese nordischen Reckengestalten so mächtig und naturecht verkörpert [...], da hat tiefster Kunstgenuss die Herzen erfüllt. Es ist ein gar anheimelndes, idyllisches Plätzchen auf der Schützenburg, den die Freilichtbühne für sich in Anspruch nimmt. Ein prächtiger Blick bietet sich dem Auge von dort oben auf unsere alte Stadt.″

Eine Chance für die Liebe: An Verlobungen und Eheschließungen scheint man jetzt nachholen zu wollen, was während des Krieges versäumt worden ist. Die Zahl der Pfingstverlobungen ging wohl in die Hunderte, und im Kasten am Rathaus sind gegenwärtig nicht weniger als 51 Aufgebote für Eheschließungen ausgehängt″, schreibt der Zeitungsreporter und vermutet weiter: Es scheint, als ob in absehbarer Zeit auch der Storch seine auf Mutterglück und Kinderfreuden gerichtete Tätigkeit wieder in lebhafterem Tempo aufnehmen wollte.″

Bildterxt:
Die städtische Gasanstalt an der Luisenstraße hat mit stockenden Kohlelieferungen zu kämpfen. Dieses in den 1930er-Jahren entstandene Foto aus dem Archiv der Stadtwerke Osnabrück zeigt einen Blick in den Gaswerkshof.
Autor:
Joachim Dierks


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