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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Inhalt:
Überschrift:
Immer wieder neue Namen und Domizile
Zwischenüberschrift:
„Förderschule Lernen″ an der Rolandsmauer wird 120 Jahre alt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die Stadt Osnabrück hat schon früh ein differenziertes Schulsystem geschaffen, das lernschwache Schüler nicht einfach aufgab, sondern sie förderte. Die Schule an der Rolandsmauer steht in dieser Tradition. Sie feiert am morgigen Donnerstag ihr 120-jähriges Bestehen.

Bildungspolitische Umwälzungen jüngstes Stichwort: Inklusion hat die Schule bislang unbeschadet überstanden. 2018 wurde ihr als Förderschule Lernen″ ein Bestandsschutz zugesichert. Ihr wuchsen sogar zusätzliche Funktionen zu, indem sie als Förderzentrum″ Schaltzentrale für alle Förderlehrer ist, die an den Regelschulen im Rahmen der Inklusion Kinder mit erhöhtem Förderbedarf unterrichten.

Das Wahlrecht der Eltern ist so auf jeden Fall gewährleistet″, sagt dazu Schulleiter Frank Böttger, für einige Kinder ist der Besuch der Förderschule hier an der Rolandsmauer die passendere Lösung, für andere die Inklusion in Regelschulen mit der Zusatzbetreuung durch unsere ausgebildeten Förderlehrer.″

Dass dennoch nicht alles beim Alten bleibt, dafür sorgt schon das Wesen der Schulpolitik, die gleichbedeutend ist mit einer Aneinanderreihung von Reformen. So wird die Eigenständigkeit der Rolandsmauer-Schule wahrscheinlich bald enden. In diesen Tagen steht im Rat der Stadt die Neugestaltung der Sekundarstufe I auf der Tagesordnung. Bislang sieht es so aus, als ob die Neue Schule Innenstadt″ (NSI) eine Mehrheit bekommen wird. In ihr sollen Möser-Realschule, Hauptschule Innenstadt und Schule an der Rolandsmauer aufgehen.

Doch bei den Feiern in dieser Woche wird Schulleiter Frank Böttger den Blick zunächst in die Vergangenheit richten. Gleich um die Ecke″ vom jetzigen Schulstandort Rolandsmauer 4–6 aus gesehen, schlug 1899 die Geburtsstunde der Einrichtung. In der Hakenstraße 11 im ehemaligen Adelshof von Voigt, bis 1794 Wohnsitz Justus Mösers, brachte Stadtsyndikus Julius Rißmüller eine evangelische Hülfsklasse für schwachbegabte Kinder″ unter. Am 15. August 1899 begann der Unterricht mit 20 Kindern.

Ein erster Umzug stand an, weil der alte Adelshof abgerissen wurde, um der neuen evangelischen Bürgerschule (später Möser-Mittelschule) Platz zu machen. Die auf drei Klassen angewachsene Förderschule muss mehrfach ihren Standort wechseln: in das ehemalige Einquartierungshaus in der Großen Gildewart 6, in die alte Töpferschule An der Katharinenkirche 3 in der Nachbarschaft des Grünen Jägers″ (1901–1907 und ab 1919), in die alte Marienschule in der Sackstraße (1907–1919, heute: Gemeindehaus St. Marien).

1927 wird der Schweizer Reformpädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746– 1827) zum Namensgeber der Schule bestimmt. 1938 verfügen die Nationalsozialisten die Zusammenlegung der evangelisch geprägten Pestalozzi-Schule mit der katholischen Detmarschule in der Pfaffenstraße 13.

Beide Schulgebäude werden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Wieder beginnt eine Zeit intensiver Wanderschaft: in das Gebäude der Taubstummenanstalt Alte Münze 14–16, in die Möser-Mittelschule und ins Jugendheim Eversburg.

Ostern 1949 wird der Pestalozzi-Schule eine Baracke in der Heinrichstraße (heute Parkplatz der Schlosswallhalle) zugewiesen. Die Baracke war zuvor das Notquartier des ebenfalls ausgebombten Hotels Hohenzollern. Hier stehen den 300 Kindern in insgesamt 14 Klassen jetzt sechs Räume zur Verfügung. Unterrichtet wird in zwei Schichten. Die Zustände sind nach heutigen Maßstäben menschenunwürdig: Unter den Dielen hausen Ratten, die Kinder, die an den Fenstern sitzen, frieren erbärmlich, während die Kinder in der Nähe der Öfen es vor Hitze kaum aushalten.

1952 beschließt der Rat den Neubau der Pestalozzischule an der Rolandsmauer. Dafür wird ein Grundstückstausch eingefädelt: Die Schule erhält das frühere Grundstück der Freimaurerloge Zum Goldenen Rade an der Rolandsmauer 6, und die Loge zieht in das heutige Lortzinghaus An der Katharinenkirche 3, weil die dortige kleinere Grundfläche ihren Ansprüchen genügt.

Als die 330 Kinder und ihre Lehrer im Oktober 1954 den Neubau beziehen, kommt es ihnen wie der Eintritt ins Paradies vor. Alle loben die soziale Tat″ der Stadt, die im ersten Bauabschnitt für elf lichte und gesunde Räume″ gesorgt hat, wie es damals heißt. In den Folgejahren kommen Gymnastikhalle und Funktionsräume hinzu. Die Werkräume gelten als die modernsten und am besten eingerichteten in Westdeutschland. Nicht von ungefähr, denn dem Werkunterricht komme in dieser Schulform besondere Bedeutung zu, manuelle Betätigung ist Unterrichtsprinzip: Im Werken verwirklicht sich die höchste Stufe der Anschauung durch das eigene Gestalten.″ Was das Werken für die Jungen ist die Nadelarbeit für die Mädchen und zwar nur für sie, während keine Schülerin etwas im Werkraum verloren hat. So ist das eben damals: Keine( r) fällt aus den gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen, die vorsehen, dass sich verheiratete Frauen um den Haushalt kümmern, während ihre Männer (oftmals körperliche) Erwerbsarbeit leisten und so das Auskommen der Familie sichern.

Rektor Arthur Arndt (Amtszeit 1928–1959) wird von namhaften Wegbereitern der Heilpädagogik in Osnabrück abgelöst: von Heinrich Gerdom (1959– 1967) und Horst Koesling (1967–1984). 1962 ist die Schülerzahl auf 360 gestiegen, sodass eine Teilung der Schule angezeigt ist. Eine größere Anzahl wechselt an die neue Fröbelschule in Haste.

1973 spricht man noch von einer Sonderschule für Lernbehinderte″. Aber es beginnt schon das Bemühen um Durchlässigkeit, es wird eine Sammelklasse eingerichtet, die zum regulären Hauptschulabschluss führt. Die Hausmeisterwohnung wird nicht mehr benötigt, 2002 zieht dort das Osnabrücker Schulmuseum ein.

2010 beantragt die Schule nach langen internen Diskussionen die Umbenennung in Schule an der Rolandsmauer″. Pestalozzi kann nichts dafür, er war ein verdienstvoller Pädagoge, hält Rektorin Rita Feldkamp fest, aber in Osnabrück sei sein Name nun einmal mit einer Stigmatisierung verbunden. Mag die Umbenennung auch nur als Kosmetik empfunden werden es ist eine Grunderfahrung, dass auch Kosmetik das Selbstbewusstsein stärkt″, so Feldkamp zur Begründung. Der Rat folgt dem Wunsch der Schule.

Nach übereinstimmender Meinung ist der Schule inhaltlich und auch nach außen damit ein Neuanfang geglückt. Sie wird heute als Förderzentrum Lernen mit Förderschule″ als offene Ganztagsschule und Hauptschulzweig geführt und betreut rund 100 Kinder in den Schuljahrgängen 5 bis 10. Rund die Hälfte eines Jahrgangs erreicht den uneingeschränkten Hauptschulabschluss. Durch Kooperationen mit Berufsbildenden Schulen, Wirtschaftsbetrieben und Jugendwerkstätten pflegt die Schule ihr besonderes Profil in Richtung einer Berufsorientierung und Berufseinstiegsbegleitung.

Bildtexte:
Hier begann die evangelische Hilfsschule vor 120 Jahren: in der Hakenstraße 11 im ehemaligen Adelshof von Voigt, der bis 1794 Wohnsitz Justus Mösers war.
Die Schule an der Rolandsmauer präsentiert sich heute mit ihrem zweigeschossigen Hauptbau von 1954 und dem eingeschossigen Anbau rechts daneben.
Schüchterne erste Gehversuche unternahmen die Schüler 1954 im neuen Gebäude, das ihnen nach fünf Jahren Barackendasein paradiesisch vorkam.
Fotos:
Rudolf Lichtenberg jr., aus: Spratte, Bildarchiv Alt-Osnabrück, Band I, Verlag Wenner, Joachim Dierks, Kurt Löckmann
Autor:
Joachim Dierks


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