User Online: 1 | Timeout: 21:07Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Bildung als Bürgerrecht
 
Wie Michael Haverkamp mit Hauptschulabschluss studieren konnte
Zwischenüberschrift:
Der VHS-Gründer Heinz Hungerland starb einsam und verarmt
 
Im „Nichtabiturienten-Kurs″ der VHS auf dem zweiten Bildungsweg eine Eintrittskarte für die Uni gelöst
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Heinz Hungerland war vor 100 Jahren eine treibende Kraft zur Gründung einer Volkshochschule in Osnabrück. Die VHS blühte auf, er selbst scheiterte und starb einsam und verarmt in Schinkel.

1919 litt Osnabrück unter den Folgen des Ersten Weltkrieges. Im Februar kam es zu einem ersten Hungeraufstand in der Stadt, Tausende Arbeiter und entlassene Soldaten zogen mit roten Fahnen und Plakaten wie Raus mit dem Speck! zum Rathaus.

Ein politischer Umsturz aber blieb aus. Der in der Revolution geborene Arbeiter- und Soldatenrat ließ keine Köpfe rollen, sondern rief zu Ruhe und Ordnung auf und kooperierte schon bald mit der alten Zivilverwaltung aus Kaisers Zeiten. Oberbürgermeister Julius Rißmüller blieb genauso im Amt wie der gesamte Magistrat und die Bezirksregierung.

Am 11. August 1919 trat die Weimarer Verfassung mit den Stimmen von SPD, Zentrum und DDP in Kraft. In Artikel 148 heißt es: Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.″

Der öffentliche Auftrag war, die Abkehr von der Monarchie zu begleiten und das republikanische Bewusstsein zu stärken. Besonders die Sozialdemokraten standen hinter diesen bildungspolitischen Forderungen, in denen sie eine Fortschreibung der Ziele der Arbeiterbildungsvereine sahen.

Wichtige Impulse verdankt das Osnabrücker Volksbildungswesen dem Dichter, Volkskundler und Pädagogen Dr. Heinz Hungerland (1873–1946). Er formulierte in einer am 25. Februar 1919 veröffentlichten Denkschrift, dass die freiheitlichen Formen des modernen Staates den maßlosesten Individualismus entfesselten und die Verquickung der Volksgenossen zu einem Ganzen hinderten, weil ein allen gemeinsames völkisches Bildungsideal″ fehle. Daher solle eine Volkshochschule mehr Klarheit, Weitblick und Folgerichtigkeit″ geben, damit die Gefahr vermindert werde, der Wucht suggestiver Schlagwörter haltlos zu erliegen″.

Hungerland war beeinflusst von der Volksbildungsbewegung in Skandinavien. Bedingt durch den Beruf des Vaters, eines höheren Bahnbeamten, war er in seiner Jugend nie lange an einem Ort geblieben. Der gebürtige Bremer bestand das Abitur in Meppen und studierte danach in Greifswald, Münster, Göttingen, Kiel, London und Kopenhagen. 1903 promovierte er über ein Thema zur nordischen Sagenwelt.

Von 1902 bis 1908 war Hungerland Dozent für deutsche Sprache und Literatur an der Universität im schwedischen Lund, unterrichtete nebenher am Handelsgymnasium Malmö und assistierte in Lund am Kulturhistorischen Museum. Er heiratete eine Irin und hatte mit ihr fünf Kinder.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs weilte Hungerland mit seiner Familie gerade in Norddeutschland. Die Rückkehr nach Schweden war ihm verbaut. Er ließ sich in Osnabrück nieder, unterrichtete am Ratsgymnasium und verdingte sich als Dolmetscher.Bürgerinitiative

Bei Kriegsende spürte Hungerland die Zeit für volksaufklärerische Ideen, mit denen er in Skandinavien in Berührung gekommen war, auch in Deutschland für gekommen. Er fand Verbündete in den Gewerkschaften und in einem neu gegründeten Verein für Freunde der Osnabrücker Volkshochschule″. Hungerland initiierte und wurde Teil einer Bürgerinitiative, die Bildung als Bürgerrecht forderte und sich für eine Osnabrücker Volkshochschule starkmachte.

Der Zufall wollte es, dass sich 1919 das Todesjahr Justus Mösers zum 125. Mal jährte. Der Ahnherr der Aufklärung im Osnabrücker Land war den Betreibern der Volkshochschulgründung als Namenspatron gerade recht, weshalb der zunächst gehandelte Name für die neu zu gründende Bildungseinrichtung Möserakademie″ lautete.

Hungerland nannte seine Denkschrift Die Volkshochschule Deutschlands Rettung″. Er begründete die Notwendigkeit dieser Institution unter anderem damit, dass die Nöte der Arbeiterschaft zum weitaus geringsten Teile wirtschaftlicher, sondern vorwiegend geistiger Art sind, daß die maßlose Genußsucht der breiten Schichten des Volkes […] ihren Grund lediglich in der völligen Unfähigkeit, sich geistig zu beschäftigen, hat″. Die Kitschkultur″ müsse dringend durch gediegene geistige Nahrung ersetzt werden. Die im Magistrat stark vertretenen Sozialdemokraten sorgten für eine zustimmende Haltung in der Stadtspitze. Soldatenhochschule″

Ein erster Schritt in diese Richtung war am 11. Juni 1919 die Gründung einer Soldatenhochschule″ unter Beteiligung des Magistrats und der Gewerkschaften. Dahinter stand eine Initiative des Arbeiter- und Soldatenrates mit dem Bemühen, den vielen arbeitslos gewordenen Soldaten Halt zu geben. Dr. Hungerland gehörte zu den ersten Referenten. Sein Thema: Die Kunst der freien Rede″.

Am 21. Juli 1919 wurde im Friedenssaal des Rathauses ein Volksbildungsausschuss gegründet mit dem Ziel, eine Volkshochschule ins Leben zu rufen. Zu dem Zweck hatten verschiedene Vereine, Angestellten-, Arbeiter- und Frauenverbände sowie die Stadtverwaltung Vertreter entsandt. Die bis heute bestehende Angliederung an die Stadtverwaltung, verbunden mit einer finanziellen Nabelschnur, gehörte zu den ersten Festlegungen. Das Büro der Volkshochschule fand seinen Platz zunächst im Rathaus. Hier hatten die rund 1400 Hörer″ des Starttrimesters ihr Hörgeld″ zu entrichten. Über die inhaltlichen Ziele wurde ausgesagt, dass der Gegensatz von handarbeitender und kopfarbeitender Bevölkerung überbrückt werden solle.

Zum ersten Leiter der Volkshochschule von einer Möserakademie″ war keine Rede mehr bestimmte man den Regierungs- und Schulrat Dr. Linnartz. Mitte Oktober 1919 erschien das erste Vorlesungsverzeichnis″. 20 Dozenten unterrichteten in den Gebieten Sprachen und Literatur, Geschichte, Staatsphilosophie, praktische Volkswirtschaft, Naturwissenschaften und Gesundheitslehre.

Im Einzelnen referierte etwa Pastor Dr. Pfannkuche über Staat und Demokratie, Domprediger Voss über die Wandlungen im deutschen Wirtschaftsleben, Mittelschullehrer Bensiek über die Bodenreform, Pastor Bodensiek über bildende Kunst. Heinz Hungerland selbst gab einen Kursus mit dem Titel Ein Gang durch die Geschichte der deutschen Sprache″ und über Goethes Hermann und Dorothea″.

Unterrichtet wurde im Ratsgymnasium und im Realgymnasium jeweils von 18.30 bis 20 Uhr und von 20.30 bis 22 Uhr. Tagsüber fand nichts statt: Lehrende und Lernende gingen ihrer Hauptbeschäftigung nach, mit der sie ihr täglich Brot verdienten.

Die Osnabrücker VHS gehörte mit zu den ersten im Reich. Es folgte eine Welle ähnlicher Gründungen. Einer Umfrage von 1927 bei den zu diesem Zeitpunkt vorhandenen 215 Volkshochschulen zufolge waren 135 davon im Jahr 1919 gegründet worden, 1920 weitere 26 und von 1921 bis 1927 noch einmal 50.

Für Hungerland indessen wurde sein Nachname fast zum Symbol: Da er keine Festanstellung hatte, reichten die spärlichen Dozenten- und Autorenhonorare kaum zum Leben für sich und seine große Familie.

Sein weiterer Werdegang wurde von tragischen Fehleinschätzungen der eigenen Lage überschattet. Er hatte keinen rechten Erfolg in dem Bemühen, sich einen Stand in der tonangebenden Osnabrücker Gesellschaft zu erobern. Bei vielen stieß er mit seiner hochfahrenden und selbstgewissen Art auf Ablehnung. Zeitschriften, die er ins Leben rief, überstanden nicht viel mehr als die Startnummern. Stolz, wie er war, stiftete er dennoch bei der Ankündigung neuer Publikationen den Reinertrag im Voraus für sein Archiv für Volkskunde″, zu dessen Leiter er sich selbst ernannt hatte.Nicht finanzierbar

Gute Ideen hatte er zu Genüge, nur ließen sie sich in den Nöten der Zeit nicht praktisch umsetzen. So strebte Hungerland an, dass jedes Dorf eine Heimatstube mit Volksbücherei, Archiv und Museum einrichten sollte. Er wollte dem Volk die Augen öffnen für das Hochziel″ einer volklichen Einheitskultur″, die sich auf altes kulturelles Erbe und die liebevolle Versenkung in deren Überlieferungen″ einlässt.

Manche seiner Formulierungen klingen aus heutiger Sicht verdächtig nationalsozialistisch. Tatsächlich war Hungerland aber nach 1933 völlig kaltgestellt und lebte von der Fürsorge. In der Rückschau erscheint er als wichtiger Ideengeber und Motor der Osnabrücker VHS-Gründung, hat es aber danach nicht verstanden, seine volksaufklärerischen Theorien und seine literarischen Ambitionen in Einklang zu bringen und vor allen Dingen seine wirtschaftliche Existenz damit zu sichern.

Hungerland fühlte sich unverstanden und machte sich oft unnötig Feinde, wie etwa 1928 im Honorarstreit mit einem Hotelbesitzer. Dabei agierte er so ungeschickt, dass er am Ende rechtskräftig wegen Erpressung verurteilt wurde. Schade um einen brillanten Geist, der einen wichtigen Beitrag zur Entstehung der Osnabrücker Volkshochschule leistete, sich danach aber zunehmend selbst im Wege stand.

Einsam und verarmt starb Heinz Hungerland 1946 in einer Sozialwohnung in Schinkel.

Bildtexte:
Ein brillanter Geist, der sich aber oft selbst im Weg stand: Dr. Heinz Hungerland (1873–1946).
Das Stüve-Haus, einst Stadtkrankenhaus, heute Sitz der Volkshochschule.
Fotos:
Archiv I. Lindemann, NOZ-Archiv

Osnabrück Michael Haverkamp ist ein echtes Arbeiterkind. 1960 geboren, im Schinkel aufgewachsen da war die Schulkarriere vorgezeichnet. Ich bin 1966 als letzter Jahrgang in die Volksschule Heiligenweg eingeschult worden″, sagt er, danach kam die Umstellung auf Grund- und Hauptschule.″ Heute hat Haverkamp einen Doktortitel in Geschichte und leitet das Emsland-Moormuseum in Geeste. Dass er so weit gekommen ist, hat viel mit der Volkshochschule zu tun.

Die Volksschule hatte damals nur neun Pflichtschuljahre, und so war für Michael Haverkamp 1975 die Schule aus. Meine Oma war bei der Bundesbahn, und ich wollte eigentlich auch dorthin″, sagt er. Die Eignungsprüfung hat er als Bester bestanden. Aber ich bin farbenblind, da haben sie mich nicht genommen.″ Sicher hatte er dagegen eine Stelle als Kfz-Lehrling, und da habe ich das halt gemacht″. Mit Erfolg, aber ohne große Begeisterung. Zwischen der Abschlussprüfung und der Bundeswehr habe ich noch zwei Monate als Mechaniker gearbeitet und danach keinen Schlüssel mehr angefasst.″

Beim Bund fiel die Entscheidung, noch etwas Neues anzufangen aber auf dem vorhandenen Bildungsniveau. Ich habe im Albertinenkrankenhaus in Dissen eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht″, sagt Haverkamp. Das war schon eher sein Ding.

Der Gedanke an den zweiten Bildungsweg ließ ihn nicht los, aber Umstände machten es nicht leichter. Ich war damals schon verheiratet und hatte zwei Kinder″, sagt er. Da steht man in der Verantwortung.″ Drei Jahre Abendschule, um das Abitur nachzumachen mit dem Schichtdienst eines Krankenpflegers? Das wäre nicht gegangen, unmöglich!

Und hier kommt die VHS Osnabrück ins Spiel. Es gab damals den sogenannten Nichtabiturienten-Kurs″, sagt er. Darin konnte man sich in zwei Jahren auf eine Sonderbegabtenprüfung an der Uni Osnabrück vorbereiten.″ Diese Prüfung ermöglichte Leuten ohne Abitur, ihre besondere Begabung und Studierfähigkeit nachzuweisen. Dieser Kurs der VHS war für mich die einzige Möglichkeit zu studieren″, sagt Michael Haverkamp. Er fand abends und am Wochenende statt, man konnte aber auch mal fehlen und stattdessen eigenverantwortlich lernen.″ Haverkamp kam das entgegen.

Das Medizinstudium war ein Traum. Deshalb habe ich auch Biologie als Schwerpunkt gewählt″, sagt er. Englisch war Pflichtfach, obwohl er das in der Volksschule kaum hatte. Der Kurs war schon eine große Herausforderung″, gibt er zu. Aber ans Aufgeben habe er nie gedacht, auch weil er gute Lehrer hatte. Der langjährige Leiter der VHS, Carl-Heinrich Bösling, war einer davon. Wir sind seitdem immer in Kontakt geblieben.″

Michael Haverkamp war erfolgreich. Er bestand 1987 die Sonderprüfung an der Uni Osnabrück, die aus mehreren Klausuren und mündlichen Prüfungen bestand. Nur das mit der Medizin klappte nicht. Die Mediziner haben sich damals geweigert, die Sonderprüfungen anzuerkennen. Einige Jahre später mussten sie.″

Doch da studierte er schon Geschichte und Sozialwissenschaften. Meine Abschlussarbeit an der Hauptschule habe ich zu Burgen und Schlössern im Osnabrücker Land geschrieben.″ Gegen Ende des Studium musste er sich entscheiden: Er bekam ein höchst lukratives Angebot, im Bereich der Digitalisierung in der Krankenpflege zu arbeiten und ein Stipendium für eine Promotion. Ich habe mich für die Doktorarbeit entschieden danach gab es kein Zurück mehr.″

1995 wurde die Doktorarbeit übrigens über ein medizinisches Thema angenommen, und eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum für Industriekultur gab es auch bald. Das Museum wurde gerade neu aufgebaut. Das Thema meiner Promotion, die Cholera im 19. Jahrhundert in Osnabrück, war meine erste Ausstellung dort.″ Bis 2003 blieb Haverkamp dem Museum treu und der VHS Osnabrück. Es gab immer wieder gemeinsame Projekte″, sagt er. Vorträge habe er gehalten, Kurse.

Aber dann ging es weiter zum Emsland-Moormuseum. Es war die Chance, ein Museum zu leiten″, sagt er. Und gleichzeitig völlig neu aufzubauen, denn gerade war es von der Trägerschaft des Heimatvereins in eine gemeinsame mit dem Landkreis Emsland und der Gemeinde Geeste übergegangen. Jahre des Umbaus und Aufbaus folgten. Inzwischen ist das Emsland-Moormuseum das größte seiner Art in Europa und auf gutem Weg in die Zukunft″, sagt Haverkamp.

Ein bisschen stolz auf das Erreichte ist er schon. Und er weiß, dass der Nichtabiturienten-Kurs der VHS Osnabrück daran einen nicht geringen Anteil hat.

Bildtext:
Als Leiter des Emsland-Moormuseums führt Michael Haverkamp auch Schulklassen durch Moor.
Foto:
Emsland-Moormuseum
Autor:
Joachim Dierks, Susanne Haverkamp


Anfang der Liste Ende der Liste