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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Aus Möbelfabrik wurde Kreativquartier
Zwischenüberschrift:
Wo Friedrich August Hagedorn Wohnungsausstattungen baute, wird heute im „Kesselhaus″ für Gourmets gekocht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Das hätte sich Tischlermeister Friedrich August Hagedorn 1934 sicherlich nicht träumen lassen: dass aus dem Kesselhaus an der Neulandstraße 12, in dem er die Energie zum Antrieb seiner Sägen, Fräsen und Hobelbänke erzeugte, einmal ein Gourmettempel werden würde.

Konversion″ ist in Osnabrück nicht auf die Nachnutzung der ehemaligen Briten-Kasernen beschränkt. Immer wieder geschieht es, dass alte Industriegebäude ein neues Leben eingehaucht bekommen für Dienstleistungen jeglicher Art, meist in pfiffigem, unverwechselbarem Design. Ein schönes Beispiel dafür ist die Möbelfabrik Hagedorn, die im Fledder zwischen 1929 und etwa 1965 existierte.

Danach wurden die Räume aufgeteilt und wechselnden Mietern für diverse kleingewerbliche Nutzungen überlassen. Zwei von ihnen haben dort ein besonders spektakuläres Start-up-Unternehmen etabliert: Thayarni Garthoff und Sven Schipp riefen 2018 im unscheinbaren Industrieambiente das Feinschmecker-Restaurant Kesselhaus″ ins Leben. Garthoff, vielen Feinschmeckern noch unter ihrem Geburtsnamen Kanagaratnam bekannt, leitete zuvor an der Seite Thomas Bühners als Servicechefin den Restaurantbetrieb im Drei-Sterne-Laden la vie″. Schipp kennt die Neulandstraße 12 schon länger. 2005 zog er hier mit seiner Tischlerei Con3″ ein.

Der 41-jährige Multitasking-Spezialist ist nicht nur Tischlermeister, sondern auch studierter Schlagzeugmusiker und leitete bis vor Kurzem zusammen mit einem Partner die Schlagzeugschule Ecole de Batterie″. Nun ist er auch Gastro-Unternehmer. An den Kochtöpfen steht er aber natürlich nicht selbst. Dafür haben Garthoff und er die früheren la vie″-Köche Jeffrey Thomer und Randy De Jong sowie Frederic Rumpenhorst engagiert. Sie sorgen für eine junge Küche″, modern und international inspiriert. Die monatlich wechselnden Menüs kosten zwischen 69 und 99 Euro. Das Platzangebot ist überschaubar: 32 Personen passen in den Gastraum, der tatsächlich einst das Kesselhaus der Möbelfabrik Hagedorn war.

Das erkennt man unter anderem an den hohen Fensterwänden und den dünnen Metallsprossen″, erklärt Sven Schipp, denn wenn ein Kessel wirklich mal explodiert, dann soll die Druckwelle die Fensterwände herausdrücken und nicht die massiven Mauern zum Einsturz bringen.″

Im Gegensatz zu Schipp hat Helga Hagedorn-Voss den leibhaftigen Kessel noch erlebt. Die heute in Meerbusch wohnende Urenkelin des Firmengründers verbrachte Kindheit und Jugend in Osnabrück. Als Kinder durften wir gaaaanz vorsichtig mal auf die Dampfmaschine hochsteigen. Die Wärme, die Geräusche das war sehr eindrucksvoll″, erinnert sie sich. Und dann zeigte der Heizer ihnen das Feuerloch. Er sagte uns: Wenn ihr nicht artig seid, kommt ihr da rein. Das war pädagogisch natürlich nicht so ganz in Ordnung″, merkt die 86-Jährige schmunzelnd an, die in ihrem Berufsleben Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche war.

Befeuert wurde der Kessel mit Holzabfällen und Spänen. Der erzeugte Dampf trieb die Maschinen nicht direkt an, sondern erzeugte Strom über einen Generator. Wo heute die Küche ist, wurden früher die Späne eingeblasen. In den ehemaligen Spänebunker wurde eine Zwischendecke eingezogen. Oben ist das Schlagzeugstudio eingerichtet. Draußen vor dem Kesselhaus steht nach wie vor der Schornstein. Er hat heute die Funktion eines Mobilfunkmasts.

Helga Hagedorn-Voss verwaltet das alte Firmenarchiv. Urgroßvater, Großvater und Vater hießen alle Friedrich August mit Vornamen. Das hatte den Vorteil, dass über Generationen hinweg der Firmenname zugleich der Name des Inhabers war und der etablierte Markenname F-A-H-Möbel″ einfach immer passte.

Gründungsstandort war in der Turmstraße 24. Am 28. März 1870 meldete Friedrich August I. dort sein Gewerbe als Tischler ohne Gehülfe″, sprich als Einmannbetrieb, an. Friedrich August II. war nicht nur Firmenchef, sondern auch Zeichenlehrer an der Gewerbeschule, vereidigter Sachverständiger und Aufsichtsrat in der Osnabrücker Holzindustrie (OHI). Er ging mit den Trends der Zeit. In den Notjahren des Ersten Weltkriegs ließ er massenhaft Holzsandalen fertigen. Als die Zwanzigerjahre goldener wurden, verlegte er den Schwerpunkt auf hochwertigen Innenausbau und die Komplettausstattung von Herrenzimmern und Speisezimmern. Im Kunstgewerbehaus Carl Schäffer unterhielt man eine eigene Ausstellung. Er vollzog den Umzug zur Luisenstraße 31–33 und, kurz vor seinem Tod 1929, die Etablierung des Neubaus Neulandstraße 12.

In die Zeit Friedrich Augusts III. fiel dann der Bau des Kesselhauses mit der Dampfmaschine im Jahr 1934 und zehn Jahre später die totale Zerstörung im Bombenkrieg. Der Neubeginn stand im Zeichen platzsparender Anbaumöbel die Zeiten verschnörkelten Kunsthandwerks waren passé, die Wohnverhältnisse beengt.

Im Katalog der Kollektion Hagos″ (für Hagedorn Osnabrück) heißt es: Neue Zeit schafft neue Möbel. Unsere Lösung , 1 Form für 2 x Wohnen′ bietet die Möglichkeit, Wohnzimmer- und Schlafzimmer-Möbel zu kombinieren. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Wohnraum und Schlafraum.″

Um 1965 stellte Hagedorn den Betrieb ein, nachdem die Konkurrenz großer Möbelfabriken mit ihren Kostenvorteilen bei Großserien übermächtig geworden war. In der Folgezeit vermietete die Hagedorn-Voß GmbH die Immobilie an verschiedenste Gewerbetreibende, darunter Tischler, Ergotherapeuten, Händler für Berufsbekleidung, eine Autowerkstatt, eine Malschule, Restauratoren und Designer. Die Hinterhof-Atmosphäre scheint ein kreatives und gutes Miteinander zu fördern. Seit Ende 2018 sorgt das kulinarisch hoch ambitionierte Gourmet-Restaurant Kesselhaus″ dort für zusätzliche Anziehungskraft.

Bildtexte:
Möbel für Amerika: In Überseekisten verpackt, verlässt ein Exportauftrag in den 1930er Jahren die Neulandstraße 12.
Wohnungsausstattungen in gediegener Ausführung″ waren eine Spezialität der Firma Hagedorn.
Industrieambiente für Feinschmecker: das Kesselhaus″ in der Neulandstraße 12.
Auch im Inneren des Gourmet-Restaurants spiegelt sich die industrielle Vornutzung.
Foto:
Archiv Hagedorn-Voß, Jörn Martens
Autor:
Joachim Dierks


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