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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Ein Haus des Friedens für alle Völker″
Zwischenüberschrift:
Die Synagoge in der Weststadt gibt es seit 50 Jahren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 50 Jahren wurde die Synagoge in der Weststadt eingeweiht. Sie besteht somit heute bereits 18 Jahre länger als die von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge in der Rolandstraße (1906–1938). Warum der Neubeginn des jüdischen Gemeindelebens weit außerhalb des Stadtzentrums stattfand, ist eine eigene Geschichte mit vielen Akteuren.

Jüdische Bürger sind in Osnabrück seit dem 13. Jahrhundert bezeugt. Versammlungs- und Beträume wechselten häufig, Standorte waren unter anderem in der Schweinestraße (heute Marienstraße), Redlingerstraße, Hakenstraße und Bierstraße.

Einen großen Fortschritt bedeutete 1872 zeitgleich mit der rechtlichen Gleichstellung aller Juden der Erwerb des Hauses Barfüßerkloster 6/ 7 im Schatten der Katharinenkirche, in dem Synagoge und Schule Platz fanden.

1905 lebten 474 Juden in Osnabrück, was den bisherigen zahlenmäßigen Höhepunkt darstellte. Auch die Finanzkraft war mitgewachsen. Die Gemeinde beschloss den Bau einer repräsentativen Synagoge in der Rolandstraße (heute: Alte Synagogenstraße) im Stil der Neuromanik. Mit seinem 34 Meter hohen Mittelbau und der mächtigen Kuppel darüber verkörperte das Gotteshaus den selbstbewussten Anspruch der jüdischen Gemeinde, in der deutschen Gesellschaft angekommen zu sein. Nicht ohne Grund hatte man einen Bauplatz neben der Königlich Preußischen Regierung gewählt.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 setzten SA-Männer die Synagoge in Brand. Durch die zuvor eingeworfenen Scheiben drangen die Männer in den Innenraum ein, zerstörten liturgisches Gerät, warfen Talmud und Talar des Kantors auf die Straße, zerhackten das Mobiliar und zündeten es an. Die Feuerwehr durfte nicht löschen.

Oberbürgermeister Erich Gaertner kam die Zerstörung der Synagoge durchaus gelegen, wie Forschungen des Historikers Michael Gander beweisen. Gaertner hatte schon ein halbes Jahr zuvor versucht, der jüdischen Gemeinde das Grundstück Rolandstraße 3 abzukaufen und die Synagoge entfernen zu lassen. Er wollte den staatlichen Stellen einen Anbau an die Regierung ermöglichen, damit sie von ihren Plänen abließen, Schloss und Schlossgarten zu verunstalten. Die Gestapo als Hausherr des westlichen Schlossflügels hatte nämlich zusätzlichen Platzbedarf angemeldet, der durch einen Schuppen-Anbau am Schloss verwirklicht werden sollte.

Nun sank die Synagoge in Schutt und Asche, ohne dass Gaertner etwas dafür hätte tun müssen. Um die geschaffenen Fakten zu zementieren, verfügte er gleich am nächsten Tag den Abbruch der Brandruine. Offiziell aus baupolizeilichen Gründen, weil die Standsicherheit der Umfassungsmauern nicht mehr gegeben sei. In Wahrheit sollte die Erinnerung an die jüdische Gemeinde schnell und gründlich ausgelöscht werden mit dem von Gaertner gewünschten Nebeneffekt, der Staatspolizei den Weg für einen Anbau frei zu machen.

Im Wege einer fragwürdigen Zwangsversteigerung und eines Grundstückstauschs kamen erst die Stadtsparkasse und danach die Regierung 1939 in den Besitz des Synagogengrundstücks Rolandstraße 3 und des Schulgebäudes und - grundstücks Rolandstraße 5. Das geräumte Grundstück blieb dann aber während des Krieges doch unbebaut, weil der Platzbedarf der Gestapo auf andere Weise gelöst worden war. Sie hatte das in Konkurs gefallene Hotel Schaumburg am Schillerplatz beschlagnahmt.

Im August 1945 wurde mit Unterstützung der britischen Besatzungsmacht ein ehemaliger Klassenraum in dem stehen gebliebenen Schulgebäude Rolandstraße 5 als provisorische Synagoge eingeweiht für die wenigen jüdischen Holocaust-Überlebenden, die nach Osnabrück zurückgekehrt waren.

1949 stellte die Synagogengemeinde einen Rückerstattungsantrag für die gesamte Liegenschaft, der nach komplizierten Verhandlungen 1952 auch Erfolg hatte. Sie plante, zwischen Regierung und ehemaliger Schule ein neues Zentrum jüdischen Lebens mit 23 Wohnungen zu errichten.

Fundamente und Kellergeschoss waren schon fertiggestellt, als Regierung und Stadt mit städtebaulichen Argumenten den Bau ausbremsten.

Nach Ansicht Ganders hatten sie dabei im Hinterkopf, einen Anbau an die Regierung auf dem Synagogengrundstück doch noch durchzusetzen. Sie nutzten Differenzen zwischen der Jüdischen Treuhandgesellschaft und der jüdischen Gemeinde Osnabrück geschickt aus, um einen Teil des Synagogengrundstücks 1953 zum zweiten Mal zu erwerben dieses Mal rechtssicher und 1956 darauf den schon lange beabsichtigten Erweiterungsbau zu verwirklichen.

Die jüdische Gemeinde beerdigte ihre Wohnbaupläne im wahrsten Sinn des Wortes: Sie ließ die begonnenen Kellergeschosse wieder zuschütten. Ihr war ein Ersatzgrundstück angeboten worden. Sie übertrug auch das restliche wiedererlangte Eigentum an der Rolandstraße per Ringtausch an das Land Niedersachsen, um in der Weststadt zwischen Ernst-Sievers-Straße und In der Barlage auf dem Gelände der früheren Sandkuhle der Firma Peters eine neue Synagoge errichten zu können.

Am 1. Juni 1969 wurde diese mit dem Entzünden des Ewigen Lichts und der Aufnahme der Thorarollen feierlich eingeweiht. Der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Niedersachsens, Siegmund Fischel, stellte sie unter das Motto, ein Haus des Betens und ein Haus des Friedens für alle Völker″ zu werden.

Der für 1, 4 Millionen D-Mark errichtete Komplex, zu dem auch Gemeindezentrum und Wohnhaus gehörten, war der zweite Synagogenneubau in Niedersachsen nach dem Krieg. Die eigentliche Synagoge unter der Kuppel im Grundriss eines Davidsterns bot 50 Gläubigen Platz, wobei die Emporen den Frauen vorbehalten waren.

Albert Rose, Vorsteher einer aus 69 Seelen bestehenden jüdischen Gemeinde im Regierungsbezirk, davon 25 aus der Stadt, hatte sich maßgebend für den Bau eingesetzt. Sein Vorgänger war Philipp Münz, sein Nachfolger Ewald Aul. Heute ist es Michael Grünberg.

Nach 1991 nahm Osnabrück zahlreiche Juden aus der ehemaligen Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge auf. Die kleine Gemeinde verfünfzehnfachte ihre Mitgliederzahl in wenigen Jahren auf heute mehr als 1000. Die längst viel zu klein gewordene Synagoge wurde 2010 umfassend umgestaltet. Um den Kern der alten Synagoge legte man hufeisenförmig einen Erweiterungsbau.

Bildtexte:
Die Synagoge In der Barlage bei der Einweihung vor 50 Jahren.
Seit dem Umbau 2010 ist die Synagoge von einer hufeisenförmigen Erweiterung umringt.
Die Thora-Rolle präsentieren bei der Weihe 1969 (von links): Gemeindevorsteher Albert Rose, Siegmund Fischel (Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden ) und Landesrabbiner Zvi Assaria.
Fotos:
Archiv/ Emil Harms, Joachim Dierks, Archiv/ Paul Petschkuhn
Autor:
Joachim Dierks


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