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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Landesarchiv zeigt zum 150-Jährigen seine Schätze
Zwischenüberschrift:
An diesem Freitag Tag der offenen Tür / Wie sich Erich Maria Remarque mit einem Dorfpfarrer stritt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 150 Jahren schlug die Geburtsstunde des Königlich Preußischen Staatsarchivs am Standort Osnabrück. Namen und Dienstherren wechselten, aber im Kern hat das heutige Niedersächsische Landesarchiv (NLA) die gleichen Aufgaben wie zur Gründungszeit. Sie auch in der breiteren Öffentlichkeit bekannter zu machen ist das Ziel des Jubiläumsprogramms.

An diesem Freitag laden das Archiv und der Historische Verein zu einem Kolloquium ein: Vormittags geht es im Schloss mit Vorträgen zur Archivtheorie und - geschichte eher theoretisch zu (siehe hvos.hypotheses.org/ 3015). Aber am Nachmittag öffnet das Archiv in der Schlossstraße 29 von 14 bis 17 Uhr seine Türen. Standortleiterin Birgit Kehne und ihr Team warten einerseits mit praxisbezogenen Vorträgen auf, andererseits dürfen die Besucher sich einen Eindruck davon verschaffen, was so alles in den 10, 5 Regal-Kilometern und den Tausenden von Schubfächern verborgen ist.

Was gehört dazu? Thomas Brakmann als stellvertretender Standortleiter weiß es: Generell kann man sagen: Unterlagen, die einmalig sind und Fragen zur Vergangenheit beantworten können. Also Akten, Amtsbücher, Karten, Pläne, Fotografien, Filme, Tonträger, Urkunden, Siegel.″ In erster Linie handelt es sich um ausgesuchtes Schriftgut der Landesbehörden, die in der Stadt Osnabrück sowie in den Landkreisen Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim ihren Sitz haben. Neben dem Behördenschriftgut übernimmt das NLA auch Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten, Familien-, Guts- und Adelsarchive sowie Schriftgut aus dem Bereich der Wirtschaft. Eine Besonderheit des Standortes Osnabrück ist, dass hier über Kooperationsverträge auch Archivalien der Stadt und des Landkreises Osnabrück sowie der Osnabrücker Hochschulen verwahrt werden.

Nicht jedes Landgerichtsurteil und nicht jede Personalakte eines Lehrers wird für die Ewigkeit aufbewahrt. Aber wenn es um später prominent gewordene Persönlichkeiten geht wie etwa Erich Maria Remarque, dann schon. Dem Prüfungszeugnis des Katholischen Lehrerseminars darf man entnehmen, dass Seminarist Erich Remark so schrieb er sich 1919 noch im Fach Deutsch nicht über ein Genügend″ hinauskam, dafür sich im folgenden Jahr umso heftiger mit dem Pfarrer Brand aus Klein Berßen kabbelte, der als Schulvorstand ihm die Gehaltszahlung verweigern wollte. Eine Gerichtsverhandlung würde mir Gelegenheit geben, Ihre lügnerischen Angaben aufzudecken″, schrieb Remark im November 1920 an den Pfarrer, und: Nur auf zum Kampf! Ich fürchte mich nicht! Bis jetzt ist mir jeder Gegner unterlegen! Ich habe Recht und führe deshalb den Kampf öffentlich! Ich erwarte lächelnd Ihren ersten Hieb.″

Von einem anderen Osnabrücker Prominenten ist die Entnazifizierungsakte erhalten, von Rechtsanwalt Hans Calmeyer. Darin finden sich Schreiben mehrerer Angehöriger des niederländischen Widerstands, die Calmeyers untadelige Haltung hervorheben und bedauern, dass das Verfahren gegen ihn sich so lange hinziehe. Das liege nicht nur an der hohen Stellung, die Calmeyer im Deutschen Generalkommissariat für die besetzten Niederlande innegehabt habe, sondern auch an seiner seltenen Charakterfestigkeit″, mit der er jede Erleichterung oder Vergünstigung ablehnte mit der Begründung, dass er lediglich seine Pflicht getan habe″ .

Am Beispiel einer Familie Reffelt aus Ankum lässt sich die Not der Landbevölkerung im 19. Jahrhundert ablesen. Der Briefwechsel mit in die USA ausgewanderten Familienmitgliedern enthält Fotos aus dem Jahr 1869, also aus der Gründungszeit des Archivs. In den Auswanderungsakten finden sich Verträge der Auswanderer mit der Reederei oder deren Agenten. Ein Agent Fortmann aus Engter war 1853 in den Ruf geraten, er habe daran mitgewirkt, Militärpflichtige gegen Bezahlung außer Landes zu bringen.

Schmunzeln darf man beim Studium einer Verwaltungsgerichtsakte aus dem Jahr 1951, in der ein Filmverleih aus Hamburg gegen den Kreistag des Kreises Lingen klagt wegen Aufführungsverbots des Tonfilms Die Sünderin″. In Lingen hatte der Film mit der kurzzeitig unbekleideten Hildegard Knef in der Hauptrolle nicht gezeigt werden dürfen wegen Verstoßes gegen Sitte und Moral″ und Bedrohung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit″. Als Gutachter äußert sich unter anderen Dr. Josef Schwetje, damals Leiter des Carolinums. Er sieht darin eine verlogene Romantisierung der Prostitution″ und urteilt: Ich muss die Gesamtwirkung des Films als destruktiv bezeichnen und ihn aus künstlerischen und vor allem aus ethischen Gründen ablehnen.″ Der Fall wurde schließlich vom Bundesverwaltungsgericht zugunsten des Filmverleihs entschieden und ging als Sünderin-Fall″ in die Rechtsgeschichte ein.

In den Archivalien der Fachhochschule stößt man auf eine weitere Verfügung, die aus heutiger Sicht eher amüsiert: 1976 spricht der Rektor ein allgemeines Rauchverbot in den Räumen der FH aus. Er begründet dies auf zwei Seiten mit medizinischen Argumenten. Ausgenommen sind Kantinenräume und Flure. Jeder Dozent hatte eine Quittung zu unterschreiben, mit der er seine persönliche Verantwortung dafür anerkennt, dass in seinen Lehrveranstaltungen nicht geraucht wird.

Diese wenigen Beispiele sollen einen Eindruck davon vermitteln, welch unterschiedliche Archivalien-Gattungen und welch enorme Bandbreite an Themen in den Regalen schlummern. Aber Vorsicht! Wer einmal eintaucht, beißt sich fest.

Bildtext:

Das Niedersächsische Staatsarchiv hieß zunächst Königlich Preußisches Staatsarchiv.
10, 5 Regal-Kilometer stehen im Staatsarchiv zur Verfügung.
Aufgehoben wird alles, was für Forscher vielleicht noch einmal eine Bedeutung hat.
Fotos:
David Ebener
Autor:
Joachim Dierks


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