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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als die „Eierfrage″ die Gemüter erhitzt
Zwischenüberschrift:
April 1919: Reservelazarett wird geschlossen, Kaiser-Bilder bleiben abgehängt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Im April 1919 gibt es in Osnabrück wie auch in anderen deutschen Städten kaum noch Eier. Über die Zwangsbewirtschaftung von Nahrungsmitteln ist zuvor zwar viel geschimpft worden. Doch die jetzt erfolgte Handelsfreigabe für Hühnereier zeigt die Kehrseite: Eier sind für Normalverdiener nicht mehr erschwinglich.

40 Pfennig werden 1919 für ein Ei verlangt, und das bei einem Arbeiterstundenlohn von deutlich unter einer Mark. Zum Vergleich: Heute kann sich ein Facharbeiter für seinen Stundenlohn locker 50 Eier leisten, sogar aus Freilandhaltung. Von rücksichtslosen Händlern und Hamsterern werden den Erzeugern für die beliebte Ware Phantasiepreise geboten, die beim Weiterverkauf ins Ungemessene gesteigert werden″, führt man im Osnabrücker Tageblatt″ Klage. Das sei umso dramatischer, als die Hauptnährmittel für die städtische Bevölkerung auch immer knapper würden. Vollmilch kennen die meisten Städter nur dem Namen nach Magermilch kann alle 14 Tage nur ½ Liter pro Kopf geliefert werden.″ Fleisch wird laufend knapper. Der Fettmangel zwingt die Hausfrauen, Wassersuppen und magere, mit Brühwürfeln hergestellte Gemüsespeisen auf den Tisch zu bringen.

Der Hausfrauenbund wendet sich daher mit einem Appell an die Landfrauen: Habt ein Einsehen! Helfet den Hunger bekämpfen, indem Ihr gewissenlose Aufkäufer und Großhamsterer abweist, indem Ihr Eure Erzeugnisse der notleidenden städtischen Bevölkerung über die bisherigen Sammelstellen zuführt, indem Ihr für Euch ausreichende, für die Städter aber erträgliche Preise fordert! Hunger gehöre bekanntlich wie die Arbeitsscheu und die Arbeitslosigkeit zu den tieferen Ursachen des aufkeimenden Bolschewismus.

Zugverkehr eingeschränkt: Im besetzten Ruhrgebiet streiken die Bergarbeiter. Das hat ausbleibende Kohlenzufuhr für die Bahn zur Folge. Die Bahn muss den Zugverkehr stark einschränken, auch den Güterverkehr. Private Bahnreisen dürfen nur angetreten werden, wenn man eine amtliche Dringlichkeitsbescheinigung vorlegt über Anlass und Unaufschiebbarkeit der Reise. Die Bescheinigung wird auf der Fahrkartenausgabe abgestempelt und muss am Zielbahnhof zugleich mit der Fahrkarte abgegeben werden. Die Einschränkungen auf der Schiene wiederum führen zu Beeinträchtigungen der städtischen Lebensmittelversorgung. Die Verteilung der Butterrationen und der Marmelade wird in der Karwoche auf Karsamstagnachmittag verschoben.

Entlastung verspricht die Nachricht, dass bald mit dem Eintreffen von amerikanischen Lebensmitteln zu rechnen ist. Für Osnabrück wird die Ausgabe von 125 Gramm amerikanischem Speck, 50 Gramm amerikanischem Schmalz und einem halben Pfund Weizen-Auszugsmehl pro Kopf und Woche angekündigt. Mit Freude ist der Beginn der fremden Zufuhr zu begrüßen, handelt es sich doch dabei nicht allein um die Bekämpfung der Lebensmittelnot, sondern auch um die Wiederanknüpfung der Handelsbeziehungen zwischen den Völkern″, schreibt die Zeitung.

Haus Leffers: Das Reserve-Lazarett des Vaterländischen Frauenvereins im Kaufhaus Leffers in der Johannisstraße wird geschlossen. Die Vorbereitungen zur Eröffnung in seiner eigentlichen Zweckbestimmung als Textilkaufhaus können beginnen. Das vom Bremer Architekten Georg Rehberg im Stil des Neuen Bauens″ entworfene Kaufhaus war schon 1914 fertig und bereits mit Ware bestückt, konnte dann aber wegen des Kriegsausbruchs nicht eröffnet werden. Die männlichen Beschäftigten mussten an die Front. Schon bald zeichnete sich ab, dass die Kapazitäten in den etatmäßig vorgehaltenen Militärlazaretten angesichts der Masse der Kriegsverwundeten nicht ausreichen würden. Der Vaterländische Frauenverein richtete ein Reservelazarett im Haus Leffers ein.

Nun wird Abschied gefeiert. Die letzten Patienten, Schwestern, Ärzte und die Damen vom Frauenverein nehmen an einer blumengeschmückten Tafel im großen Saal, der sonst so viel Leid und Not gesehen hat″, Platz. Mehr als 3000 Soldaten haben hier Aufnahme, Pflege und Heilung oder wenigstens Linderung gefunden. Der Rotkreuz-Vorstand spricht an erster Stelle der Vorsitzenden des Frauenvereins, Agnes Schoeller, den Dank für die geleisteten Liebesdienste″ aus. Man trennt sich dann mit dem schönen, aber auch wehmütigen Gefühl, daß eine große reiche Aufgabe des Vereins hiermit ihr Ende gefunden hat″.

Ehrung für Afrikaner″: Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck übernimmt Anfang April im Rahmen der in Gründung befindlichen Reichswehr die Marine-Division, in die auch die Überlebenden seiner Ostafrika- Schutztruppe″ eingegliedert sind. Später beim Kapp-Putsch wird diese Division noch eine unrühmliche Rolle spielen. Noch im März ist Lettow-Vorbeck mit den heimgekehrten Helden Deutsch-Ostafrikas″ in Osnabrück begeistert empfangen worden. Die Feier hat sich nicht auf dem Hauptbahnhof abgespielt, sondern in der Verband- und Erfrischungsstelle im alten Bremer Bahnhof, die unter reichster Verwendung von Girlanden und Tannengrün in eine freundliche Festhalle umgewandelt″ wurde. Die Spitzen der Stadt, des Militärs, Landräte und auch Bischof Berning danken unseren Afrikanern″ für ihr Heldentum im fernen, von der Heimat abgeschnittenen afrikanischen Erdteil″. Mehrere Redner unterstreichen die Notwendigkeit deutscher Kolonien. Lettow-Vorbeck, wie all seine Soldaten in Tropen-Uniform mit Tropenhelm, trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Leserbrief: Ein Leser aus Sutthausen beschwert sich im Tageblatt″: Es wäre endlich mal an der Zeit, daß die Sutthauserstraße abends besser beleuchtet und daß vor allem der Bürgersteig gepflastert wird, denn so kann man sich Arme und Beine brechen. Aber in all diesen Sachen werden wir zum Landkreis gerechnet, nur im Steuerzahlen nicht.″

Verbotener Kaiserkult: Der preußische Kultusminister Haenisch weist in einem Erlass darauf hin, dass es verboten ist und bleibt, in den Schulräumen Bilder oder Büsten des Kaisers oder des früheren Kronprinzen anzubringen. Die Bilder sind nach der Novemberumwälzung″ aus den Schulen entfernt worden. In letzter Zeit soll es vorgekommen sein, dass Kreisschulinspektoren auf die Lehrer eingewirkt haben, diese Bilder wieder hervorzuholen und aufzuhängen. Die neue Regierung müsse streng darauf halten, dass die Schulen nicht zu Kundgebungen missbraucht würden, die sich gegen die neue Staatsordnung richteten.

Wie spät ist es? Noch gibt es keine Rundfunkprogramme und damit auch keine Zeitansagen. Besonders die Seefahrer brauchen für die Navigation aber eine exakte Zeitübermittlung. Sie wird über drahtlose Telegrafie von großen Stationen wie Nauen oder Eiffelturm besorgt. Aber auch das breite Publikum, das häufig mit Uhren von geringer Ganggenauigkeit auskommen muss, wünscht sich Derartiges. Dazu schlägt ein Dr. von Gutfeld in der Umschau″ vor: Die Elektrizitätszentralen sollten zu bestimmten Zeiten, etwa abends 8 Uhr, etwa dreimal hintereinander den Strom kurz unterbrechen. Die beiden ersten Unterbrechungen würden zur Aufmerksamkeit auffordern, die dritte gibt genau 8 Uhr an.″ Der Vorschlag verdiene ernsthafte Empfehlung, meint die Zeitung.

Bildtext:
Das Kaufhaus Leffers in der Johannisstraße diente im Ersten Weltkrieg als Reservelazarett. Im Frühjahr 1919 zog das Lazarett aus.
Foto (um 1921):
Archiv Museum Industriekultur/ Rudolf Lichenberg jr.
Autor:
Joachim Dierks


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