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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Calmeyer-Haus ohne Calmeyer?
Zwischenüberschrift:
Judenretter-Museum in Osnabrück / Planer über Kreuz
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Kein Deutscher bewahrte mehr Juden vor dem KZ als der Osnabrücker Rechtsanwalt und Holocaust-Saboteur Hans Calmeyer. Deshalb will ihm seine Heimatstadt nun ein Museum bauen. Aber wie soll es aussehen? Darüber liefern sich die Verantwortlichen hinter den Kulissen einen heftigen Streit.Am Ratsbeschluss vorbei?

Unserer Redaktion liegt ein Brandbrief des Osnabrücker Historikers und Calmeyer-Experten Joachim Castan vom 12. Februar 2019 vor. Gerichtet unter anderem an Oberbürgermeister, Kulturdezernent und Fraktionsvorsitzende im Rat, beklagt dieser die Arbeit des wissenschaftlichen Beirats zur Schaffung eines Calmeyer-Hauses, den die Stadt vor gut vier Monaten gegründet hat. Castan selbst gehört diesem elfköpfigen Gremium aufgrund seiner Erfahrungen an, die er als Macher von bislang drei Calmeyer-Wanderausstellungen mit insgesamt 420 000 Besuchern in Deutschland und den Niederlanden gesammelt hat. Dagegen besitze die große Mehrheit im Beirat keinerlei oder nur geringe Kenntnisse über die komplexe Calmeyer-Thematik″.

Vielmehr herrsche kollektive Unkenntnis und Inkompetenz″, schreibt Castan. Folge: Schon beim ersten Treffen habe sich die Gruppe umbenannt in Beirat zur Neugestaltung der Villa Schlikker″, und es sei inhaltlich weitgehend Abstand″ genommen worden von einem Calmeyer-Haus, wie es der Rat gefordert habe. Stattdessen werde jetzt ein soziokulturelles Begegnungszentrum mit Café im Erdgeschoss und allenfalls zeithistorischen Reminiszenzen an die NS-Zeit und an Calmeyer in den Stockwerken″ bevorzugt. Ganze 270 Quadratmeter″ würden so für eine Dauerausstellung über den größten deutschen Judenretter im Zweiten Weltkrieg übrig bleiben – „ recht überschaubar″, findet Castan.

Was ihn außerdem ärgert: dass die Stadt öffentliche Gelder verschwendet″, indem sie schon jetzt für einen angeblich fünfstelligen Betrag von sieben externen Gestaltern Vorschläge einholen wolle. Denn grundlegende Dinge″ wie Form und Inhalt der Ausstellung sowie Art und Umfang der Exponate seien ungeklärt.

Das geplante Calmeyer-Haus könnte ein Schmuckstück für Osnabrück werden von nationaler wie internationaler Bedeutung und Ausstrahlung″, sagt Castan auf Anfrage unserer Redaktion. Leider gewinne ich den Eindruck, dass man in Calmeyers Heimatstadt eher damit beschäftigt ist, ein Calmeyer-Haus systematisch zu verschleppen, zu verwässern und letztendlich zu verhindern.″

Auch die Osnabrücker Hans-Calmeyer-Initiative (HCI), stets eine der großen Triebfedern des Judenretter-Museums, sorgt sich um eine würdige Aufbereitung des Themas durch die Stadt. Es sei nicht erkennbar, dass der einstimmige Ratsbeschluss vom Dezember 2017 zur Einrichtung eines Calmeyer-Hauses in der erforderlichen Weise von den beauftragten Stellen behandelt wird″, teilt HCI-Vorsitzender Ralf Steiner mit. Vielmehr drohe das Projekt schon im Ansatz zu scheitern″.

Wiederholt habe die Initiative der Stadt ihre Mitarbeit angeboten. Doch weder die umfangreichen Kompetenzen″ der HCI noch ihr großer Schatz an multimedialem Ausstellungsmaterial seien bislang gefragt, bedauert Steiner. Auch im Beirat ist die HCI nicht direkt vertreten, sondern nur über ihren Vize-Vorsitzenden Castan und das Ehrenmitglied Petra van den Boomgaard, die beide persönlich eingeladen wurden.

Und was sagt die Verwaltung zur Entwicklung in Sachen Calmeyer-Haus? Wir stehen vor einer komplexen Aufgabe″, erklärt Nils-Arne Kässens, Direktor des Osnabrücker Museumsquartiers, aber ich sehe uns auf einem guten Weg″. Der derzeitige Verlauf entspreche den Ratsaufträgen durchaus.

Bei der Planung des Calmeyer-Hauses sei insbesondere die direkte Nachbarschaft zum Felix-Nussbaum-Haus″ zu berücksichtigen. Als ehemalige Parteizentrale der Osnabrücker NSDAP stehe die Villa Schlikker vis-à-vis zu einem Museum, welches einem Opfer der Naziherrschaft gewidmet ist″. Eine weitere Herausforderung sei es, das Wirken von Calmeyer ansprechend aufzubereiten. Sein Wirken bestand in Verwaltungsabläufen, und die sind erst mal nicht sinnlich″, sagt Kässens. Für eine Ausstellung brauchen wir also ein gutes Konzept.″

Letztendlich stelle das Gebäude selbst ein Problem dar: Die bald 120 Jahre alte Villa Schlikker ursprünglich ein Wohnhaus sei nicht für museale Präsentationen gebaut″ und müsse darüber hinaus saniert werden.Rundum-Blick auf Projekt

Vor diesem Hintergrund hält der Direktor es für wichtig, möglichst viele Perspektiven auf das Thema Calmeyer-Haus an einem runden Tisch zusammenzubringen″. Deshalb habe sich am 10. Dezember 2018 der neu gegründete Beirat mit Vertretern aus der Kulturpolitik Osnabrücks und der Stadtverwaltung im Akzisehaus zu einem Workshop getroffen. Ziel sei es gewesen, die Erwartungen an eine Neuausrichtung und Neugestaltung der Villa Schlikker abzustecken und grundsätzliche Leitideen für die gemeinsame Arbeit festzulegen″. Die Ergebnisse des Workshops sollen dann als Grundlage für eine Machbarkeitsstudie dienen, die ein Grobkonzept sowie einen Kosten- und Zeitplan beinhalte. Aufgrund der überregionalen und sogar internationalen Bedeutung des Vorhabens ist ein sorgfältiges Vorgehen notwendig″, betont der Musemsquartier-Direktor. Allzu viel Zeit wolle die Stadt sich aber nicht mehr lassen. Anfang 2020 wollen wir substanzielle Ergebnisse vorlegen.″

Der Bund fördert den Umbau der Villa Schlikker in ein Friedenslabor″ mit 1, 7 Millionen Euro. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat vor der Osterpause eine 90-prozentige Bezuschussung des Vorhabens bewilligt. Weitere 200 000 Euro will die Stadt Osnabrück selbst aufbringen. Das Hans-Calmeyer-Haus ist damit gesetzt″, sagte der Osnabrücker Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Mathias Middelberg (CDU), der sich für die Förderung des Calmeyer-Hauses eingesetzt hatte.

Bildtexte:
Die Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall, ehemaliges NSDAP-Hauptquartier, kann mit finanzieller Hilfe des Bundes in ein Museum für den Osnabrücker Judenretter und Holocaust-Saboteur Hans Calmeyer umgebaut werden.
Eigentlich als Wohnhaus gebaut, ist die 120 Jahre alte Villa Schlikker nach Angaben der Verwaltung erst nach umfangreicher Sanierung als Museum nutzbar.
Foto:
Gert Westdörp, David Ebener, Filmkontor Castan

Kommentar
Unwürdiges Hauen und Stechen

Offensichtlich herrschen im Kreis der Verantwortlichen völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie groß die Ausstellung über einen Holocaust-Saboteur werden darf, der im Zweiten Weltkrieg nachweislich mehr Juden vor dem Vernichtungslager bewahrt hat als jeder andere Deutsche mindestens 2659, um genau zu sein. Wahrscheinlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende mehr.

Uneins sind die Beteiligten auch in der Frage, wie ein solches Museumsprojekt, von dem die Stadt sich internationale Aufmerksamkeit verspricht, am besten angepackt wird. Das Vertrauen in erfahrene, zudem heimische Calmeyer-Ausstellungsmacher und - Gralshüter scheint jedenfalls weniger ausgeprägt als das in externe Kräfte. Allemal ist es unklug, die Hans-Calmeyer-Initiative als Mutter aller Museumspläne und mutmaßlich unverzichtbare Dauerleihgeberin nicht ausdrücklich in die konkreten Überlegungen einzubeziehen.

Sollten bei dem Hauen und Stechen hinter den Kulissen persönliche Animositäten und Eitelkeiten eine Rolle spielen, sei empfohlen, diese schleunigst zu überwinden und sich ausschließlich der Sache zu widmen. Alles andere wäre insbesondere bei diesem Projekt einer selbst ernannten Friedensstadt wie Osnabrück doch ziemlich unwürdig. s.stricker@ noz.de

Der wissenschaftliche Beirat
Dem wissenschaftlichen Beirat zur Schaffung des Hans-Calmeyer-Hauses gehören nach Angaben der Stadt Osnabrück elf Personen an. Die Zusammensetzung sei auf Beschluss der politischen Gremien erfolgt.

Zielsetzung war demnach ein breit aufgestellter Beirat, der den Entwicklungsprozess mit Expertise aus mehreren für die Neukonzeption relevanten Bereichen vereint″. Neben profilierten Calmeyer-Forschern wurden Historiker mit Schwerpunkt auf der NS-Zeit, Experten für Vermittlung/ Geschichtsdidaktik und Museumspraktiker ausgewählt. Einbezogen wurde aufgrund von Calmeyers Wirken in Den Haag auch die NS-Forschung in den Niederlanden. Darüber hinaus ist sowohl die jüdische Perspektive im Beirat vertreten als auch Vertreter der jungen Generation als Kernzielgruppe des Calmeyer-Hauses.

Hans Calmeyer (Bild, 1903–1972), Rechtsanwalt aus Osnabrück, war im Zweiten Weltkrieg als sogenannter Rassereferent an die deutschen Besatzungsbehörden in den Niederlanden abkommandiert und sollte die Abstammung von Juden prüfen. Durch Anerkennung falscher Abstammungsgeschichten rettete er nachweislich knapp 2700 Juden höchstwahrscheinlich sogar wesentlich mehr vor der Deportation in Vernichtungslager.
Autor:
Sebastian Stricker


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