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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Bürger fordern Gnadenfrist für das Herder-Haus
Zwischenüberschrift:
Bis Mittwoch sind Gebote möglich / Gedenkort-Befürworter fürchten, dass schnell Fakten geschaffen werden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Es könnte sein, dass schon in der kommenden Woche eine Entscheidung über die Zukunft des Anwesens Herderstraße 22 fällt. Denn nur noch bis Mittwoch können nach Informationen unserer Redaktion Kaufangebote für das Haus bei der Sparkasse in Melle abgegeben werden. Sie verwaltet die Immobilie. Besichtigungen haben nach Informationen unserer Redaktion bereits stattgefunden.

Nur wenige Tage nach der Berichterstattung unserer Redaktion über die Entwicklungen rund um das Gebäude haben sich viele Bürger gemeldet. Es gibt Interessenten, die das Haus kaufen wollen, für die die Geschichte des Gebäudes aber keine Rolle spielt, wie sie auf Nachfrage offen sagen. Andere wollen es vor dem Verfall retten, wieder andere können sich vorstellen, die Immobilie gemeinschaftlich zu erwerben. Einige bieten auch ihr handwerkliches Können an.

Es gibt auch konkrete Vorschläge für den Erhalt des Hauses. Nach den Diskussionen der vergangenen Jahre wäre ein Abriss des Hauses Herderstraße 22 eine Katastrophe. Abreißen und neu bauen und somit die Geschichte des Hauses und der Familie Flatauer zerstören kann keine Alternative sein″, sagt etwa der Kunsthändler Jan Henneken aus Bad Iburg. Sein Plan wäre eine Rekonstruktion des Gebäudes in den Ursprungszustand des Jahres 1929, entsprechend der Planung des damaligen Architekten Otto Schneider. Als grobe Konzeption schwebt mir eine gemischte Nutzung des Hauses vor, mit Wohnbereich, Kunstgalerie und Gedenkort für die früheren Bewohner.″

Ein Schwerpunkt der Galerie mit Kunst aus den 1920er-Jahren würde laut Henneken thematisch genau in die Zeit der Errichtung des Hauses passen. Der Name der Galerie könnte aus Respekt vor den damaligen Bauherren Galerie Alma und Raphael Flatauer″ heißen und würde den Namen dieser Osnabrücker Bürger lebendig halten.

Henneken kann sich vorstellen, das Haus zu kaufen. Sollte die Stadt Osnabrück das Gebäude nicht erwerben, würde ich gerne in Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Bürgerverein Katharinenviertel, der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und dem Museumsquartier Osnabrück das Haus mit Kunst und Leben füllen″, sagt er.

Reinhart Richter, ehemaliger Kulturamtsleiter der Stadt, hat für den Bürgerverein ein Konzept für ein Kulturdreieck Jüdische Kultur und Geschichte″ entworfen. Dieses verbindet das Nussbaum-Haus mit dem Standort der im Jahr 1938 niedergebrannten Synagoge in der Rolandstraße und dem Haus Herderstraße 22. Richter kommt in dem Plan auf Kosten von rund 800 000 Euro inklusive Kauf, Sanierung und Rückbau.

Doch die Zeit für die Umsetzung wird knapp. Richter appelliert daher an die Inhaber: Ich bitte Sie herzlich, die Frist für die Abgabe von Kaufangeboten für das Haus Herderstraße 22 zu verlängern, damit Zeit gewonnen werden kann, dort eine der Geschichte des Hauses angemessene Nutzung zu finden. Bitte geben Sie uns Zeit und helfen uns.″ Viele Bürger würden sich für das Haus und die Geschichte der Familie Flatauer interessieren. Daher wende ich mich mit freundlicher Bitte an die Eigentümer, einen öffentlichen Besichtigungstermin zu ermöglichen″, sagt er.

Der Bitte, die Frist zu verlängern, um über das Kulturdreieck-Konzept zumindest einmal nachdenken zu können, schließt sich auch die Fraktion der Linkspartei im Osnabrücker Rat an: Es wäre gut, wenn der Verkauf vonseiten der Eigentümerinnen und Eigentümer pausiert würde″, heißt es in einer in dieser Woche von den Ratsmitgliedern Giesela Brandes-Steggewentz und Heidi Reichinnek verbreiteten Pressemitteilung.

Laut Reinhart Richter fehlt in der Darstellung der Stadthistorie die Geschichte der Juden. Zwar werde die Zeit der Verfolgung und Vernichtung während des Nationalsozialismus dargestellt, das wichtige Wirken der Juden für die wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung in den Jahrhunderten vor 1933 werde aber nicht erwähnt. Die Nutzung des Hauses Herderstraße 22 bietet die besondere Möglichkeit, dieses schmerzliche Defizit zu beseitigen″, sagt er.

Auch die Mitglieder des Bürgervereins Katharinenviertel und die Autoren Martina Sellmeyer und Dieter Przygode, die sich mit dem Schicksal von jüdischen Familien aus Osnabrück beschäftigen, haben weitere Ideen für das Haus zusammengetragen. Sie könnten sich vorstellen, dass Bilder, Dokumente und Videointerviews von Zeitzeugen gezeigt werden und eine Dauerausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde etabliert wird. Auch die Verbindung der Osnabrücker Familie van Pels zu Anne Frank könne dort dokumentiert werden. Eine Kooperation mit dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam sei denkbar. Wenn jetzt laut Ratsbeschluss vom vergangenen Dezember in der Villa Schlikker , neben Hans Calmeyer als positivem Vorbild auch die Geschichte der Familie Schlikker und ihre Rolle im Nationalsozialismus sowie die Rolle des Hauses als Parteizentrale′ dargestellt werden soll, so muss dieser wichtigen Darstellung der Verbrechen der Täter und der Person eines Menschen, der gleichzeitig Täter und Retter war, der Darstellung der Geschichte der Opfer ebenfalls ausreichend Gewicht beigemessen und ein öffentlicher Raum gegeben werden″, schreiben sie weiter.

Der Israeli Guri Palter, Enkel von Alma und Raphael Flatauer, und seine Familie bekommen die Diskussion um das Haus seiner Großeltern aus der Ferne mit. Palter wünscht sich, dass es erhalten werden kann. Wir schätzen die Bemühungen der Osnabrücker Bürger zum Erhalt des Hauses wirklich sehr. Das ist ein wichtiges Thema, und wir wünschen ihnen für ihren Einsatz viel Erfolg″, sagt er.

Ein Infoabend des Bürgervereins findet am Freitag, 26. April, um 19 Uhr im Café Herr von Butterkeks″, Augustenburger Straße 2 in Osnabrück, statt zwei Tage, nachdem die Frist zum Kauf des Hauses abgelaufen ist und möglicherweise bereits Fakten geschaffen wurden.

Bildtext:
Ein Haus mit einer wechselhaften Geschichte: Details der alten Flatauer-Villa.
Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Kathrin Pohlmann


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