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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Karmann würde heute gut dastehen″
Zwischenüberschrift:
Der frühere Vorstandsvorsitzende Peter Harbig blickt zurück
Originaltext:
Osnabrück Es war für ihn eine echte Lebenserfahrung″: Am 8. April 2008 betrat Karmann-Chef Peter Harbig über einen Nebeneingang das Gebäude des Amtsgerichts Osnabrück und besiegelte das Ende von Osnabrücks bis dahin größten Arbeitgeber. Ein Gang, der auch sein Leben veränderte.

Der 57-Jährige ehemalige Vorstandssprecher der Wilhelm Karmann GmbH nimmt sich Zeit für ein Gespräch in unserer Redaktion. Er lebt in Bad Essen, verdient heute sein Geld als selbstständiger Unternehmensberater und ist Herr seines Terminkalenders. Am Nachmittag hebt sein Flieger ab zu einem Termin bei einem Kunden in Süddeutschland. Ich genieße es, nicht mehr sieben Tage die Woche gefordert zu sein″, sagt der frühere Manager.

In den drei Jahren bei Karmann muss es genauso gewesen sein, sieben Tage die Woche: Wir strampelten in einem Hamsterrad bis zur letzten Stunde″, sagt Harbig. Die letzte Stunde die schlug für Karmann am Morgen des 8. April vor zehn Jahren, als Harbig in seiner Funktion als Vorsitzender der Geschäftsführung dem Amtsgericht die drohende Zahlungsunfähigkeit des Autobauers anzeigte. Es gab keine Alternative. Ich wüsste nicht, was wir hätten anders machen können.″

Karmann hatte Harbig im Sommer 2006 vom österreichischen Konkurrenten Magna Steyr abgeworben. Der damals 47-Jährige kam als Hoffnungsträger, denn Magna Steyr machte es offensichtlich besser als Karmann. Die Österreicher zogen neue Aufträge für Komplettfahrzeuge an Land, während beim Autobauer im Fledder die Not immer größer wurde. Die Nachfrage nach dem Chrysler Crossfire brach ein, ein Folgeauftrag war nicht in Sicht. 1000 Arbeitsplätze waren gerade abgebaut worden. Harbig, der in Osnabrück studiert hatte und in Borgholzhausen wohnte, sollte mit seiner Magna-Erfahrung das Blatt wenden.

Ich wusste, es wird schwierig. Aber ich war überzeugt, das kriegen wir gewuppt.″ Bei Magna sei stets sehr respektvoll″ über Karmann gesprochen worden. Man wusste in Österreich, was die Osnabrücker können.″ Karmann konnte vor allem: Entwicklung, Dach und Flexibilität. Doch das reichte nicht mehr, 6700 Menschen mit Arbeit auszulasten. Denn das Geschäftsmodell, komplette Fahrzeuge von der Entwicklung bis zur Schlusskontrolle zu liefern, funktionierte nicht mehr. Die Autokonzerne in der Branchensprache die OEMs (Original Equipment Manufacturer) hatten genug damit zu tun, ihre eigenen Werke auszulasten. Außerdem erlaubten moderne Fertigungsprozesse es ihnen inzwischen, auch Kleinserien wirtschaftlich am eigenen Band zu produzieren.

Harbig sagt, der Fahrzeugbau sollte als Herzstück von Karmann″ unbedingt erhalten bleiben. Mit VW-Chef Winterkorn habe er damals ständig in Kontakt gestanden. Die Überlegungen, den Polo und Golf als Cabrios auf den Markt zu bringen, zerschlugen sich. Karmann habe mit allen potenziellen Auftraggebern gesprochen – „ mit den Franzosen, Koreanern, Japanern″, sagt Harbig. Und natürlich mit Daimler, Opel, BMW. Mit BMW waren wir so dicht davor″, versichert Harbig und führt Zeigefinger und Daumen millimeternah zusammen. Harbig hält sich zugute, der Belegschaft immer die Wahrheit″ gesagt zu haben. Schon früh habe er in einer Betriebsversammlung die akuten Gefahren für Karmann dargelegt.

Es gab aber auch den anderen Plan: Karmanns Fahrzeugbau einzufrieren, bis die Flaute überstanden ist. Wäre das gelungen, würde Karmann heute sehr gut dastehen″, ist Harbig überzeugt. Man müsse doch nur auf die einstigen Mitbewerber Magna und Valmet (Finnland) schauen, die derzeit bestens ausgelastet seien. Dieses sogenannte Zwei-Säulen-Modell hätte für Karmann bedeutet, die Dach-Sparte und die Entwicklungsabteilung mit einem überschaubaren Prototypenbau zu erhalten. Damit wären nur wenige Hundert Arbeitsplätze geblieben.

Die Karmann-Insolvenz bedeutete auch für Harbig einen tiefen Einschnitt: Das war prägend.″ Er sehe heute vieles gelassener. Für viele Dinge gibt es einen Ausweg, man muss nur weiter daran arbeiten und Geduld haben.″

Drei Monate nach der Insolvenzanmeldung schied Harbig ebenso wie Finanzchef und Mitgesellschafter Wilhelm Dietrich Karmann (Spitzname: WD″) im Dissens mit dem Insolvenzverwalter bei Karmann aus. Harbig heuerte später beim börsennotierten Metallzulieferer Honsel in Meschede an, wo er nur ein Jahr blieb.

Bei einem Manfred-Mann-Konzert in Bad Essen traf er zufällig einen früheren Kollegen aus der Autobranche, der zu der Zeit ebenfalls ohne Job war. Die beiden gründeten 2012 die Beratungsgesellschaft Trinus notum″ mit Hauptsitz im Torhaus von Gut Krietestein in Bad Essen-Linne. Das heute sechsköpfige Team berät vor allem mittelständische Automotive-Unternehmen. Der Beratungsbedarf scheint hoch: Viele Mittelständler haben eine panische Angst vor dem, was die E-Mobilität bringt.″

Was bewegt ihn, wenn er heute durch den Fledder fährt und das VW-Logo sieht? Das ist zweischneidig″, antwortet Harbig, für die Region ist das eine gute Sache, als ehemals Verantwortlicher spüre ich eine Menge Wehmut.″

Bildtexte:
Im Dezember 2007 rollte im Karmann-Werk der letzte Crossfire vom Band. 850 Beschäftigte verloren anschließend ihren Arbeitsplatz.
Peter Harbig, ehemaliger Vorstandschef der Wilhelm Karmann GmbH.
Fotos:
Gert Westdörp, tn
Autor:
Wilfried Hinrichs


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