User Online: 1 | Timeout: 02:49Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Langjährige Bewohner nicht mehr erwünscht
Zwischenüberschrift:
Für das Bauprojekt Jahnplatz/Herderstraße werden zwei Häuser entmietet
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
20 Eigentumswohnungen plant ein Investor an der Ecke Jahnplatz/ Herder-straße, dafür sollen zwei Häuser mit zehn Wohnungen von der Bildfläche verschwinden. Die meisten Mieter sind inzwischen ausgezogen der Druck auf die letzten wächst.

Osnabrück Als ich hier eingezogen bin, war ich 27″, erzählt Susanne Zobel (Name von der Redaktion geändert) aus der Dachgeschosswohnung des Hauses am Jahnplatz, Bautyp Oldenburger Hundehütte″. Inzwischen sind 35 Jahre vergangen, und der Mieterin ist anzusehen, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hat.

Nach einer Krebserkrankung fühlt sich das Leben nicht mehr so an wie früher. Wegen ihrer Beeinträchtigungen sah sich die Bilanzbuchhalterin schon vor über 20 Jahren gezwungen, ihren Beruf aufzugeben. Dass sie als Frührentnerin mit 1000 Euro im Monat auskommen muss, konnte sie verkraften, weil für ihre 44 Quadratmeter große Wohnung nur 323 Euro Miete zu zahlen sind.

Immer wieder hat Sabine Zobel betont, dass sie an der Herderstraße bleiben will. Ausziehen? Kommt nicht infrage!″, hatte sie vor zwei Jahren trotzig erklärt, als schon klar war, dass der neue Eigentümer die Häuser Herderstraße 54 und 56 entmieten und abreißen würde. Das war auch als Durchhalteappell an die Jungs″ im Haus gemeint. Zwei gar nicht mehr so junge Männer, die es mit ihrer angeschlagenen Gesundheit kaum noch vor die Tür schafften.

Den einen hat ein Hirninfarkt aus der Bahn geworfen, den anderen ein Arbeitsunfall, dem zwei Schlaganfälle folgten. Schwacher Trost für beide: Mit einer Warmmiete um die 300 Euro konnten sie über die Runden kommen. Nicht so schnell aufgeben, sagten sich die drei und beschlossen, für ihre Wohnungen zu kämpfen. Unterstützung bekamen sie von mehreren Nachbarn, die der Gen-trifizierung ihres Viertels nicht tatenlos zusehen wollen. Also einer Verdrängung der angestammten Mieter durch besser Betuchte.

Sabine Zobel und ihre Jungs″ traten dem Mieterverein bei und legten Widerspruch ein, als der Postbote die schon erwarteten Kündigungen brachte. Die Anspannung wuchs, das Vertrauen bekam Risse. Wer würde als Erster aufgeben? Das Trio vom Jahnplatz erlebte, wie sich das Nachbarhaus Her-derstraße 54 langsam leerte. Ende 2018 zogen dort die letzten Mieter aus.

Auch in der Oldenburger Hundehütte bröckelt der Widerstand. Die juristischen Schlachten sind zwar noch nicht endgültig geschlagen, aber die Räumungsklagen zeigen Wirkung. Sabine Zobel hat jetzt nur noch einen Mitstreiter im Haus. Der andere ist in den Schinkel gezogen. Jetzt liest sie sich schon mal Wohnungsanzeigen durch und erschrickt, wenn sie die Preise sieht, die mittlerweile obligatorisch sind.

Im Nebenhaus sollen die Mieter 1000 Euro Abfindung bekommen haben, allerdings nach einer deutlich kürzeren Wohndauer. Damit komme sie nicht aus, sagt die 62-Jährige: Den Umzug kriege ich nicht alleine hin″, da brauche sie Hilfe. Und dann schüttelt sie den Kopf und murmelt: Ich bleib jetzt einfach hier!

Das Eckgrundstück mit den zum Abriss bestimmten Häusern gehört der Bövingloh Immobilien Gruppe aus Münster. Auf ihrer Internetseite kündigt sie den Neubau von 20 Eigentumswohnungen an, für die schon jetzt Käufer gesucht werden. Ein Vorhaben, das von der Stadt Osnabrück befürwortet wird, weil die Schaffung von Wohnraum ganz oben auf der Agenda steht. Dass dafür zehn preiswerte Wohnungen vom Markt verschwinden, wird als Kollateralschaden in Kauf genommen. Stadtbaurat Frank Otte vertritt den Standpunkt, dass soziale Probleme nicht durch das Baurecht gelöst werden können.

Der Stadt liegt ein Bauantrag vor, der gerade die letzten Prüfungen absolviert, wie Franz Schürings, der Leiter des Fachbereichs Städtebau, bestätigt. Eigentlich nur eine Formsache, denn die Grundsatzentscheidung ist vorab gefallen. Bövinglohs Bauvoranfrage hatte die Stadt positiv beschieden, allerdings erst, nachdem die ursprünglichen Dimensionen seines Projekts deutlich zusammengeschmolzen waren.

Auf ihre Baugenehmigung muss die Immobiliengesellschaft aber noch warten. Eine Anliegerin klagt vor dem Verwaltungsgericht gegen den Bescheid zur Bauvoranfrage, genauer gesagt, gegen dessen aufschiebende Wirkung. Dahinter steht die Sorge, dass von dem viergeschossigen Komplex eine erdrückende Wirkung auf das Umfeld ausgehen könnte. Und dass damit zugleich das Startsignal für die Gentrifizierung des Viertels gegeben werde.

Das Verwaltungsgericht hat noch keinen Termin für eine Verhandlung anberaumt. Für Susanne Zobel ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass ihr noch etwas Zeit in ihren vertrauten vier Wänden beschieden sein könnte. Als Einzige im Haus hat sie noch keinen Räumungsbescheid erhalten.

Bildtext:
Ihre Tage sind gezählt: Die Häuser Herderstraße 54 und 56 sollen einem Neubaukomplex weichen. Inzwischen sind die meisten Mieter ausgezogen.
Foto:
Rainer Lahmann-Lammert

Kommentar
Neues vom Baggerzahn

Komfortable Eigentumswohnungen in bester Lage die Stadt kann sich freuen, dass es Investoren gibt, die solche Projekte planen. Wohnungsbau hat schließlich Priorität. Aber als Erfolgsmeldung lässt sich diese Nachricht nicht verkaufen, weil langjährige Mieter auf der Strecke bleiben.

Von Gentrifizierung wird gesprochen, wenn preiswerter Wohnraum luxussaniert oder vernichtet wird. Am Jahnplatz ist das der Fall. Und es zeichnet sich schon ab, dass die nächsten Häuser entmietet werden. Wenn es um die Rendite geht, räumt der Baggerzahn nicht nur marode Gemäuer aus dem Weg, sondern auch gut erhaltenen Wohnraum.

Halb so schlimm, hieß es bislang vonseiten der Stadt, das seien Einzelfälle. Es ist höchste Zeit, die Augen aufzumachen und umzudenken. Neue Wohnungen ja, aber nicht auf Kosten der Schwächsten! rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


Anfang der Liste Ende der Liste