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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Stadt will alte Villa nicht kaufen
 
Wird Haus an Herderstraße abgerissen?
Zwischenüberschrift:
Mehrheit im Stadtrat entscheidet sich gegen den Kauf der alten Villa der Familie Flatauer
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Das heruntergekommene Haus an der Herderstraße 22 steht seit einigen Monaten zum Verkauf. Es gehörte einst der jüdischen Unternehmerfamilie Flatauer. Die Eltern und ihre Söhne wurden verfolgt und mussten fliehen. Die Söhne überlebten, die Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Die Stadt hatte schon seit Längerem Interesse an der Immobilie bekundet. Ideen von Mitgliedern des Stadtrates, dort einen Ort der Erinnerung zu schaffen, standen im Raum. Eine Mehrheit im Rat hat in einer nichtöffentlichen Sitzung in der vergangenen Woche entschieden, die Immobilie nicht zu kaufen. Das Haus steht seit Jahren leer. Nach Informationen unserer Redaktion sind aufwendige Sanierungsarbeiten und damit verbundene Kosten für die Instandsetzung nötig, um die Immobilie vor dem Verfall zu retten.

Es scheint, als seien die Tage des Hauses an der Herderstraße 22 gezählt. In der nicht öffentlichen Sitzung des Rates der Stadt in der vergangenen Woche war die heruntergekommene Villa Thema. Das Ergebnis verspricht wohl nichts Gutes für die Zukunft des Hauses.

Osnabrück Nach Recherchen unserer Redaktion ging es in der Sitzung um zwei konkrete Vorschläge für das Haus. Erstens: mit der Inhaberin Ankaufsverhandlungen aufzunehmen. Zweitens: von einem Ankauf abzusehen.

Aber von vorne: Das Haus an der Herderstraße wurde 1929 von der jüdischen Unternehmerfamilie Flatauer erbaut. Am 3. Dezember 1938 erlegten die Nazis in der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens″ Juden unter anderem auf, ihre Gewerbebetriebe zu verkaufen oder abzuwickeln und ihren Grundbesitz zu veräußern. Die Flatauers waren von der Verordnung nicht ausgenommen.

Im Juni 1939 wurde die Zwangsversteigerung ihres Wohnhauses an der Herderstraße 22 angeordnet, so steht es im Kaufvertrag von damals. Doch der Ablauf des Verfahrens ist nicht abschließend geklärt, denn letztendlich kam es zum Verkauf des Hauses. Die Söhne der Flatauers konnten Nazideutschland noch rechtzeitig verlassen, die Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Zwei Stolpersteine vor dem Haus erinnern an sie.Steht Abriss bevor?

Ein Landwirt aus dem Osnabrücker Landkreis erwarb das Gebäude für einen Spottpreis. Es wurde weiter an die Tochter des Landwirts vererbt. Viele Jahre lebten Mieter in dem Haus. Die ursprünglich von den Flatauers erbaute Villa im Bauhausstil wurde mehrfach von den neuen Besitzern umgebaut. Das Flachdach musste einem spitzen Dach weichen. Durch die vielen baulichen Veränderungen besteht bei dem Gebäude kein Denkmalschutz. Mittlerweile steht es lange leer und verfällt zusehends. Von den vielen Kaufinteressenten wollte die Besitzerin nichts wissen. Sie starb im vergangenen Jahr. Die Besitzverhältnisse änderten sich daraufhin, und nun steht das Haus offenbar zum Verkauf. Denn die Stadt hat nach Informationen unserer Redaktion Kontakt zu der Besitzerin aufgenommen und steht in Verhandlungen mit ihr.

Wird das Haus nun abgerissen? Vieles deutet darauf hin, denn die Stadt will die alte Villa nicht retten. Sie ist anscheinend raus aus dem Rennen um das begehrte Grundstück. Der Verwaltungsausschuss hat beschlossen, dass die Stadt das Haus nicht kaufen solle″, antwortet Pressesprecher Sven Jürgensen auf Anfrage. Eine knappe Mehrheit im Rat soll sich in der Ratssitzung gegen den Kauf der Immobilie ausgesprochen haben. Nach Informationen unserer Redaktion geht der Rat bei einer Grundstücksgröße von 795 Quadratmetern und einem Bodenrichtwert von aktuell 400 Euro pro Quadratmeter von einem Kaufpreis in Höhe von 318 000 Euro aus, zuzüglich anfallender Nebenkosten lägen die Gesamtkosten bei rund 340 000 Euro. Die Verwaltung hat offenbar auch darüber nachgedacht, das Grundstück zu kaufen, das Gebäude abreißen zu lassen und den Standort als Baugrundstück zu nutzen. Die Abrisskosten liegen nach unseren Informationen bei rund 100 000 bis 150 000 Euro. Doch auch diese Variante ist vom Tisch.

Nach Informationen unserer Redaktion hat sich die Verwaltung im Februar selbst ein Bild vom Zustand des Hauses gemacht und eine Begehung durchgeführt. Es sei in einem desolaten Zustand. Seit rund 15 Jahren wurde das Gebäude nicht mehr beheizt, Strom, Gas und Wasser wurden damals abgestellt. Es sei feucht im Inneren, und an vielen Stellen habe sich Schimmel gebildet. Leitungen und Rohre seien veraltet oder amateurhaft repariert worden. Putz blättere von den Wänden und Decken.

Das Haus hat eine Wohnfläche von 250 Quadratmetern, die ehemals weitläufigen Etagen seien kleinteilig in zusätzliche Wohnungen aufgeteilt worden. Das Parkett ist offensichtlich im Laufe der Jahre verändert worden und müsste aufwendig restauriert werden. Nach Informationen unserer Zeitung rät die Verwaltung aufgrund dieser baulichen Mängel aus Kostengründen von einem Kauf des Gebäudes ab. Es wären umfassende Sanierungsarbeiten nötig, um das Gebäude wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, heißt es.

Bildtexte:
Was passiert mit dem leer stehenden Haus mit der Hausnummer 22 an der Herderstraße?
Nachbar Hartmut Böhm (l.) setzt sich mit dem Bürgerverein Katharinenviertel für den Erhalt des Gebäudes ein. Böhm hält das Familienalbum von Guri Palter in der Hand. Palter ist der Enkel von Raphael und Alma Flatauer. Er war im Dezember 2017 das erste Mal zu Besuch in Osnabrück, um sich das Haus seiner Vorfahren anzuschauen.
Foto:
Michael Gründel, Gert Westdörp

Kommentar
Jetzt ist bürgerliches Engagement gefragt

Kein privater Investor wird das Haus instand setzen wollen, denn das wäre alles andere als wirtschaftlich. Die Stadt hat ihre Chance vertan, sich einem Teil ihrer braunen Vergangenheit zu stellen und einen Ort der Erinnerung und Begegnung an der Herderstraße 22 zu schaffen.

Natürlich würde eine Sanierung kostspielig werden. Doch noch bevor genaue Kosten ermittelt wurden, bevor überhaupt versucht wurde, Stiftungen, Vereine oder Initiativen für die Finanzierung mit ins Boot zu holen, hat die Stadt die Flinte ins Korn geworfen. Das ist eine Schande, und man bekommt den Eindruck, als habe die Friedensstadt ein Problem mit ihrer dunklen Geschichte.

Denn schon die Nussbaumvilla wurde in den 1990ern dem Immobilienmarkt überlassen. Jetzt ist bürgerliches Engagement gefragt, das sich in Zeiten von aufkeimendem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit für so eine Begegnungsstätte einsetzt. Diese muss mit Leben erfüllt werden, es müssen Diskussionen, Veranstaltungen und Ausstellungen dort stattfinden. Denn das Haus an der Herderstraße ist nicht irgendeine Immobilie es ist eines der letzten Gebäude in der Stadt mit einer Geschichte, die auch nachfolgende Generationen kennen sollten. Eine Geschichte von Reichtum und Raub, Mord und Moral, Osnabrück und Auschwitz. k.pohlmann@ noz.de

Zur Geschichte
Alles begann mit der Frage: Warum steht mitten im Katharinenviertel ein Haus seit Jahren leer? Die Recherchen unserer Redaktion brachten die Geschichte einer Familie ans Licht, deren dunkles Kapitel erst aufgeschlagen werden musste.

Das jüdische Ehepaar Flatauer kaufte das Grundstück an der Herderstraße 22 im März 1929. Alma und Raphael Flatauer ließen die Villa im Bauhausstil errichten. Die Familie war Inhaberin der Tuchgroßhandlung Flatauer und Co. KG″ in der Möserstraße 26 und der Großgarage Osnabrück-West″ in der Adolfstraße 60/ 62. Darüber hinaus besaßen sie drei Häuser in der Großen Straße, Nummer 27 bis 29. Am 3. Dezember 1938 erließen die Nazis die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens″ . Die Flatauers mussten im Juni 1939 die Häuser an der Großen Straße verkaufen. Die Großhandelsfirma Flatauer und Co.″ wurde am 23. Dezember 1938 abgemeldet. Ein Jahr später war die Abwicklung der Firma beendet. Sie hatten nichts mehr, standen vor dem Ruin. Auch das Haus an der Herderstraße mussten sie verkaufen. Besonders bitter: Nach dem Verkauf waren die Flatauers Mieter in dem Haus, das sie 1929 für sich erbauen ließen. Alma und Raphael verließen Osnabrück und versuchten ihr Glück in Berlin. Vergebens. 1943 wurden sie in Auschwitz ermordet . Die Söhne konnten Deutschland rechtzeitig verlassen Kurt wanderte nach Palästina aus. Sein Bruder Hans emigrierte nach London.

Nach dem Krieg kommt es zum Wiedergutmachungsprozess, der mit einem Vergleich endete. Die Besitzerin des Hauses musste lediglich eine Ausgleichszahlung in Höhe von 9000 DM an Kurt Palter und Hans Flatauer entrichten. Die beiden schwiegen weitgehend über ihre Vergangenheit in Osnabrück. Für die Nachfahren blieb vieles der eigenen Familiengeschichte daher lange im Dunkeln. Erst auf Nachfrage unserer Redaktion erwachte die Neugier. Kurt Palters Sohn Guri lebt in Tel Aviv. Mit seiner Frau Aviva besuchte er im Dezember 2017 Osnabrück und erfuhr Dinge über seinen Vater, die er nicht für möglich gehalten hätte. Seine Osnabrücker Vergangenheit war bis dahin ein gut gehütetes Geheimnis.
Autor:
Kathrin Pohlmann


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