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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Dichter als Komponist
Zwischenüberschrift:
Eine frühe Notenhandschrift von Erich Maria Remarque aufgetaucht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Erich Maria Remarque und seine Heimatstadt Osnabrück, das war eine nicht immer einfache Beziehung. Schlaglichter darauf werfen Briefe, die jetzt im Nachlass des Osnabrücker Schriftstellers Ludwig Bäte aufgetaucht sind.

Sechs eigenhändige Briefe Remarques und sogar eine Komposition für Singstimme und Klavier, dazu weitere Schriftstücke mit Bezug auf Remarque, hat jetzt Dr. Klaus Schneider für das RemarqueArchiv am Markt erhalten. Es sind Dokumente aus dem Nachlass des 1977 verstorbenen Osnabrücker Schriftstellers und Kulturhistorikers Ludwig Bäte.
Es sind frühe Zeugnisse für die Suche Remarques nach künstlerischer Orientierung und Zeichen einer lebenslangen freundschaftlichen Beziehung″, wie Schneider sagt. Die Grundlage dieser Beziehung stiftete dabei der Zufall: Denn sowohl Bäte (Jahrgang 1892) wie auch Remarque (Jahrgang 1898) waren am selben Kalendertag 22. Juni geboren. Und es gibt noch eine biografische Parallele: Beide kamen aus kleinen Verhältnissen, und ihre Handwerker-Väter hätten ein Studium nicht bezahlen können. So wählten sie den Bildung und sozialen Aufstieg ermöglichenden Lehrerberuf. Wobei Erich Maria Remarque dann später als Volksschullehrer nur ein kurzes Gastspiel gegeben hat, während Ludwig Bäte als Mittelschullehrer seit 1915 zunächst in Melle und dann (bis 1955) in Osnabrück arbeitete.
Ob die Familien Nachbarn waren, ist nicht sicher. Zumindest scheint Ludwig Bäte aber den Vater Peter Remark als Buchbindermeister der Firma Prelle an der Krahnstraße gekannt zu haben, auch den Sohn hatte ich hin und wieder auf der Straße gesehen″, schreibt Bäte in seiner Autobiografie.
Das früheste Zeugnis für die Beziehung zwischen Remarque und dem sechs Jahre älteren Bäte ist ein dreiseitiges Notenblatt. Remarque hat diese Komposition für Singstimme und Klavier nach einem frühen Gedicht Ludwig Bätes mit dem Titel In der Frühe″, eine Elegie auf dessen 1917 gefallenen Bruder, wohl 1918 im Lazarett in Duisburg geschrieben.
Bäte berichtet dazu später in seinen Erinnerungen, wie Remarque („ ein blasser schmaler Mensch, auf einen Stock gestützt″) auf Heimaturlaub dem verehrten um wenige Jahre älteren Dichter-Kollegen seine Aufwartung machte: So sang er denn leise die Vertonung vor sich hin und liess mich dabei in die drei grossen Notenseiten schauen, die eng mit einer sehr zarten, fast fraulich anmutenden Schrift bedeckt waren.″ Richard Strauss und Max Reger habe er als Vorbilder herausspüren können, schreibt Bäte dazu, die Komposition war jung und aufwendig″, expressiv wohl auch, sie arbeitete mit vielem Taktwechsel und zahlreichen Vortragszeichen″. Der Text endet übrigens nach Todesahnung und Totenklage mit dem Wort Versöhnung!
Am 5. Oktober 1918, nur wenige Wochen vor Ende des Krieges, schreibt Remarque dann immer noch im Duisburger Lazarett, wo er seit seiner Verwundung im Sommer 1917 lebt und mittlerweile eine Liebesbeziehung zu Martha, der Tochter des Lazarettinspektors angeknüpft hat einen langen Brief an den Lieben Herrn Bäte″.
Über zwei Seiten beschwört Remarque zunächst Rosenduft und Sommerglück, während draußen nasskalter Regen rieselt, die Herbstnacht des Lebens tobt″. Dann spricht er von Martha, der Rosenbringerin″, von bunten Träumen und meinem wilden, wilden, ruhelosen Leben″, um schließlich von seiner drohenden erneuten Einberufung an die Front zu berichten: Aber es ist nicht schlimm. Ein Spaziergang! Man geht ihn so oft, bis man einmal nicht wiederkommt. Dann kommt ein Pastor, spricht einen Gesangbuchvers, zu Hause ziehen sie schwarze Kleider an, ein wenig Weinen, ein wenig Bedauern und der ewige, rastlose Lebensstrom rauscht brausend weiter, als ob dieses Herz und diese Sehnsucht nie gewesen wären.″
Der Grundton seiner ersten literarischen Versuche zieht sich auch durch diesen Brief: eine Mischung aus melancholischem Weltschmerz, wilden lebensphilosophischen Betrachtungen und abgeklärtem Veteranentum.
In den 60er-Jahren scheint dann wiederum Ludwig Bäte die Nähe Remarques gesucht zu haben. Ein Anknüpfungspunkt neben der gemeinsamen Osnabrücker Jugend dürfte die Mösermedaille gewesen sein, die beide Autoren zu diesem Zeitpunkt erhalten hatten. Wobei Bäte sich nicht zu fein war, diese Auszeichnung in den Verhandlungen um seine Altersbezüge gegenüber der Stadt Osnabrück als Trumpf und Drohpotenzial einzusetzen und Remarque im fernen Tessin in diese Querelen auch noch hineinzuziehen.
Ansonsten gratulieren die beiden alten Herren einander zu den runden Geburtstagen, die ja immer auf denselben Tag fallen. Remarque klagt über seine angegriffene Gesundheit, die einen Besuch in Osnabrück wieder und wieder unmöglich macht. Dann beschwört er die Linden vom Herrenteichswall und den Pernickelturm″, klagt aber auch über die seltsame Welt, in der man ein Abenteurer wider Willen geworden ist″.

Bildtexte:
In der Frühe, so ist die Notenhandschrift Remarques nach einem Gedicht Ludwig Bätes überschrieben.
Ludwig Bäte, Mittelschullehrer und Heimatdichter, im Jahr 1962.
Erich Maria Remarque, der erfolgreiche Schriftsteller, in den 50er-Jahren.
Repro:
Remarque-Archiv
Fotos:
Archiv
Autor:
Frank Henrichvark


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