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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Neubau wäre die schlechtere Lösung″
Zwischenüberschrift:
Ralf Waldschmidt und Andreas Hotz halten das Stadtheater von heute für zukunftsfähig
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Was sich Intendant Ralf Waldschmidt und Generalmusikdirektor Andreas Hotz von der Sanierung des Theaters erhoffen, legen sie im Interview dar. Sie vertrauen ganz auf das Entwicklungspotenzial des Theaters mit seiner Innenstadtlage.

Angenommen Geld würde keine Rolle spielen, und das Theater hier ließe sich unendlich erweitern: Was wären Ihre dringendsten Wünsche an die Sanierung?

Waldschmidt: Dass sich die Arbeitsbedingungen für Kunst verbessern, weil es da an vielen Ecken klemmt. Was täglich zum Problem wird, ist die Situation auf den Probebühnen, weil alle Räume zu klein dimensioniert sind. In den 90ern wurde der Erweiterungsbau falsch oder ohne Weitsicht geplant. Im Musiktheaterbereich ist die sogenannte große Probebühne deutlich kleiner als die Hauptbühne. Wenn 100 Leute versammelt sind in dem kleinen Raum, dann sieht der Regisseur nichts mehr, und die Luft wird nach einer halben Stunde unerträglich. Man kann dort nicht sinnvoll drei Stunden am Stück arbeiten, wie es für eine szenische Probe gedacht ist. Das führt uns permanent an Grenzen. Von dieser Probebühne ist die kleinere Schauspielprobenbühne nebenan akustisch nicht gut getrennt. Wenn der Aida-Triumphmarsch vom Chor intoniert wird, dann können die da drüben gleich einpacken. So hebeln sich die Dinge in der ohnehin schon knappen Zeit ständig aus. Darüber hinaus gibt es keine Möglichkeit für die Künstler, sich umzuziehen, und die Toilettensituation ist eine Katastrophe. In den Räumen, die in den 90er-Jahren mal als Garderobe gedacht waren, proben seit 20 Jahren die Schlagzeuger. Das sind Arbeitsbedingungen, die man im Grunde den Künstlern gar nicht mehr zumuten kann.

Hotz: Wir sitzen auf einer Etage des Erweiterungsbaus, in der wir wie keinerlei Schalldämmung haben. Für mein Musikbüro, in dem Menschen verwalterisch und planerisch arbeiten müssen, ist es eigentlich nicht hinnehmbar, dass neben ihnen Trompeten und andere Instrumente üben. Die Musiker umgekehrt stören sich beim Üben gegenseitig. Das Orchesterstudio etwa ist zwar zur Etage hin gedämmt, aber nicht zum Zuschauerraum und zur Bühne. Schauspieler, die Stille und Konzentration in ihrer Inszenierung benötigen, werden abgelenkt von Orchesterklängen, wenn das Orchester parallel proben würde. Wir verlieren wertvolle Arbeitszeit der Musiker, weil beide Sparten nicht parallel arbeiten können. Ein anderer Faktor ist der Lärmschutz. Wir sind seit vielen Jahren einer Situation im Orchestergraben ausgesetzt, die so nicht mehr akzeptabel ist, keinen Normen entspricht und bei unseren Musikern zu extremen Gesundheitsschädigungen führt. Ein ganz wesentlicher Punkt wird sein, dass wir die Übergänge des Grabens akustisch durchlässig machen.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, welche künstlerischen Visionen hätten Sie für ein Theater der Zukunft?

Waldschmidt: Ich finde, dass dieses Theater grundsätzlich toll aufgestellt ist. Wir haben einen idealen Standort hier, der besser nicht sein könnte: Sie können deutschlandweit lange suchen, um noch mal eine solche Konstellation zu finden wie hier zwischen Theater, Dom, Marienkirche und Rathaus, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Theaterneubau vollendet wurde.

Gibt es Überlegungen darüber, wie sich das Theater in 30, 40 Jahren künstlerisch aufstellen wird? Bräuchte es nicht deutlich mehr kleinere Räume, andere Ausstattungen und Darstellungsformen, um theaterpädagogische Aktivitäten, andere Formate, Laiengruppen oder Migranten integrieren zu können?

Waldschmidt: Das ist eine Diskussion, die schon 100 Jahre alt ist, wenn man an das Bauhaus denkt. Wir haben mit dem Emma-Theater einen Raum, der absolut variabel ist, was die Platzierung der Zuschauer anbelangt. Im Zuge der Sanierung steht die Schaffung neuer Räume und wesentlich verbesserter Bedingungen für die Theaterpädagogik an wichtiger Stelle. Wir sind hier nicht in Hamburg, wo man den dritten großen Theaterbau hinstellen kann. Ich glaube, dass wir in Osnabrück mit der vorhandenen Struktur viel ausprobieren können, wenn etwa das Publikum mit auf der Bühne sitzt und man so den Guckkasten durchlässig macht. Wir haben das vor einigen Jahren noch praktiziert, etwa beim Requiem″ von Nanine Linning oder bei Spieltriebe″, aber die aktuelle Brandschutzsituation erlaubt das nicht mehr. Für das große Repertoire im Musiktheater braucht man allerdings diese Raumstruktur, die wir hier haben.

Ein Mehrspartenhaus ist akustisch immer ein Kompromiss, weil es für Sprechtheater genauso funktionieren muss wie für Musiktheater. Gibt es Lösungen, die annehmbare Lösungen für beide Genres garantieren?

Hotz: Es ist immer eine Gratwanderung. In der Osnabrückhalle wurde das im Zuge der letzten Sanierung völlig unbefriedigend gelöst. Hier im Theater hört man derzeit, wie in den meisten Opernhäusern, auf unterschiedlichen Plätzen unterschiedlich gut, kann aber auf vielen Plätzen gute akustische Erlebnisse mitnehmen. Aber im Orchestergraben müssen wir mit einer unzulänglicher Akustik umgehen. Sorgen wir dort aber für eine gute akustische Situation, haben wir die Chance, auch für das Publikum ein besseres Hörerlebnis zu garantieren. Aber grundsätzlich geht es um eine technische Sanierung des gesamten Hauses. So schön es ist, über Visionen und Wunschgedanken und Modelle zu sprechen irgendwann muss man sagen, worum es eigentlich geht: dass wir das Theater schließen müssen, wenn wir nichts tun.

63 Millionen auf der einen Seite für die Sanierung, auf der anderen wäre man, ohne Risikozuschlag bei 86 Millionen für einen Neubau, der gerade fürs Musiktheater wesentlich mehr bieten könnte. Sollte man nicht wenigstens darüber nachdenken?

Waldschmidt: Es wurde ja darüber nachgedacht. Rein wirtschaftlich gesehen, ist die Sanierung die preiswerteste Lösung.

Zum Preis, Kompromisse eingehen zu müssen, die der Neubau nicht hätte.

Waldschmidt: Theater besteht aus praktischen, aber auch vielen ideellen Überlegungen. Ideell, gesellschaftlich gesehen, finde ich das den idealsten Standort, den ich mir vorstellen kann. Wir haben hier eine wunderbare Innenstadtsituation, mit dem Dom, der Marienkirche, dem Erich-Remarque-Friedenszentrum und dem Rathaus ein ideelles und zutiefst demokratisches Forum der Stadtgesellschaft, das ich niemals aufgeben würde. Man kann im Zuge der Sanierung so viel verbessern an Möglichkeiten, an Arbeitsbedingungen, dass man in diesem Theatergebäude sehr gut weiterarbeiten kann. Einen Neubau auf der grünen Wiese oder am Güterbahnhof was aus tausend Gründen gar nicht geht halte ich für die eklatant schlechtere Lösung.

Wie sehen Sie das, Herr Hotz?

Hotz: Meine ersten Eindrücke in dieser Stadt habe ich gewonnen, als ich hier das Bewerbungsverfahren durchlaufen habe. Dabei habe ich die Einmaligkeit dieser Stadt begriffen, die sich aus diesem ganz besonderen Energiezentrum ergibt, durch die Trias Theater Dom Marienkirche.

Was bedeutet es für Oper und Theater, wenn Menschen unter uns leben, die mit dem westlichen Kulturkanon nichts anfangen können?

Waldschmidt: Das bedeutet sicher, dass sich Oper und Theater mit diesen Menschen weiterentwickeln werden. Deswegen müssen aber doch die Formen nicht grundsätzlich umgestülpt werden. Wir haben ja langjährige Erfahrungen z. B. mit türkischen Mitbürgern, die wir als sogenannte Gastarbeiter hierhergeholt haben, und inzwischen gibt es eine Gruppe keine große, aber immerhin von Opernsängern, die Türken in der dritten Generation sind, die sich also in unser System völlig integriert haben. Wir haben im Schauspielbereich mit geflüchteten syrischen Künstlern mehrfach gearbeitet, und wir werden auch in der nächsten Spielzeit wieder Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund ins Theater und auf die Bühne holen. Ein Theater wie unseres ist ein Gefäß, in dem sich solche Prozesse wunderbar entwickeln können.

Aber Menschen aus Polen war die Oper doch näher als Menschen aus Indien, die künftig zu uns kommen werden.

Waldschmidt: Warten wir es doch mal ab. Mahabharata″ von Peter Brook war in Westeuropa eine der tollsten Theaterproduktionen der letzten Jahrzehnte, ein indischer Mythos mit den Mitteln des westlichen Theaters erzählt.

... und Zubin Mehta ist ein toller Dirigent…

Waldschmidt: und gerade die Oper ist so international; da muss man sich keine Sorgen machen.

Hotz: Wissen Sie, inzwischen verfliegen auch bei mir die Ängste vor dem Generationenumbruch, die ich vor Jahren noch hatte. Seit ein paar Jahrzehnten leisten wir und andere Theater eine sehr gute und erfolgreiche Vermittlungsarbeit, daher glaube ich, dass im Bereich der klassischen Musik der Generationenumbruch absolut zu bewältigen ist.

Bildtext:
Noch keine Baustelle, sondern normaler Produktionsumbau: Ralf Waldschmitz und Andreas Hotz auf der Bühne des Großen Hauses.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Ralf Döring, Christine Adam


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