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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
In „Kamerun″ wurde schwer malocht
Zwischenüberschrift:
Reste des Bahnbetriebswerks an der Bremer Straße haben die Zeiten überdauert
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
An der Bremer Straße im Stadtteil Schinkel lag das Bahnbetriebswerk (Bw) Osnabrück Hauptbahnhof″, landläufig Kamerun″ genannt. Es zählte einst zu den größten Bws der Reichsbahn und später der Bundesbahn. Die legendären Schnellzug-Dampfloks der Baureihe 01 waren hier in großen Stückzahlen beheimatet.

Osnabrück Baureihe 01 das waren die schwarzen Ungetüme mit dem Wahnsinns-Treibrad-Durchmesser von zwei Metern, die bis Ende der 1960er-Jahre im schweren Schnellzugdienst eingesetzt waren. Wohl jedem Eisenbahnfan läuft ein heiliger Schauer der Ergriffenheit über den Rücken, wenn er eines der wenigen noch erhaltenen Exemplare bei einer Museums-Sonderfahrt mit gewaltigen Auspuffschlägen beim Anfahren erlebt. In Osnabrück gehörten sie vor 60 Jahren zum Alltag. Im Jahr 1960 etwa waren an der Bremer Straße 31 Loks der Baureihe 01 zu Hause und 64 Dampfloks anderer Baureihen.

Dampfloks haben nur eine begrenzte Reichweite von kaum mehr als 300 Kilometern. Danach müssen sie neu bekohlt, bewässert und ausgeschlackt werden. Dafür eigneten sich Orte in sogenannter Mittellage. Zwischen Hamburg und Köln wie auch zwischen Emden und Hannover nahm Osnabrück so eine Mittellage ein. Dadurch kam es hier zu dieser Dampflokdichte.

Das Bw Hbf″ wurde bald nach Eröffnung der Nord-Süd-Strecke Hamburg–Venlo zwischen 1876 und 1884 gebaut. Als Bauplatz hatte man die Wiesen nördlich der Bremer Brücke, zwischen Bremer Straße und dem Bahndamm, ausgewählt, weil hier kaum höherwertige Bebauung abzuräumen war. Erster Bauabschnitt waren zwei rechteckige Lokschuppen, A″ und B″. Um die einzelnen Lok-Abstellplätze erreichen zu können, fuhren Schiebebühnen vor den Hallentoren hin und her. Eine solche Schiebebühne lässt sich heute noch besichtigen, wenn man vom Parkplatz des Penny-Markts in Richtung Bahngleise schaut.

Diese Art des Lok-Parkens war allerdings nicht dazu geeignet, die Drehrichtung des Lok-Tender-Gespanns zu ändern. Das war aber nötig, wenn die Lok einen Zug in der entgegengesetzten Richtung zurückbringen sollte. Zum Drehen braucht man eine Drehscheibe. Ab 1907 errichtete die Königlich Preußische Bahnverwaltung die Drehscheibe und den Ringlokschuppen C″.

Übrigens: Zwei Drehscheiben und einen Ringlokschuppen hatte auch der untere Bw Rangierbahnhof″ an der Hamburger Straße aufzuweisen, wo ebenfalls zahlreiche Dampfloks für den Rangier-, Personenzug- und Güterverkehr stationiert waren. Der Schuppen ist bis heute erhalten, steht unter Denkmalschutz, und die Stadt als Eigentümer weiß nicht so recht, was sie damit anfangen soll.

Aber zurück zur Bremer Straße: Mit dem Ringlokschuppen C″ entstanden ein 42 Meter hoher Schornstein, der die Qualmbelästigung für die Anwohner an Bremer und Borsigstraße erträglicher machen sollte, und der Wasserturm. Der galt lange Zeit als Wahrzeichen nicht nur des Werkes, sondern des ganzen Stadtteils Schinkel. 1983 wurde er gesprengt.

Beim Osnabrücker Eisenbahnhistoriker Lothar Hülsmann kann man die weiteren Ausbauschritte nachverfolgen: Noch vor dem Ersten Weltkrieg kamen eine Bekohlungsanlage mit vier Kohlebunkern hinzu, die je 1650 Tonnen fassten, und ein neuer Ausschlackungskanal″.

Die anfallende Schlacke aus den Loks wurde zeitweise von Strafgefangenen mit Schaufeln aus den Reinigungskanälen zum Abtransport auf Güterwagen geladen. Später übernahm ein Kran diese Arbeit. Das Entschlacken der Lokomotiven selbst blieb stets Bahnmitarbeitern vorbehalten.

Beim Reinigen der Rauchkammern sowie bei Reparaturen in den Werkstätten blieb es nicht aus, dass Gesicht und Hände der Arbeiter schwarz wurden. In den meisten Stadtführern wird so der Beiname Kamerun″ erklärt.

Belms Gemeindearchivar Ulrich Brinkmann war früher Wagenmeister bei der Bahn, sein Vater war Lokschlosser in Kamerun″. Er wartet mit einer anderen Erklärung auf: 1884 wurde das Bw″ eröffnet. Es war das Jahr, in dem das Kaiserreich seine Kolonien in Afrika offiziell in Besitz nahm. Die Deutschen waren mächtig stolz darauf, mit Togo, Kamerun und Deutsch-Südwest-Afrika nun endlich auch einen Platz an der Sonne″ ergattert zu haben. Die Bahndirektion nahm das laut Brinkmann zum Anlass, ausgesuchten Vorzeigebetrieben den Namen einer der neuen Kolonien beizulegen als Ehrentitel.

Nach 1918 wurden die Anlagen abermals erweitert. Ringlokschuppen D″ plus Drehscheibe entstanden am Hunteburger Weg nördlich von C″. Damit erreichte das Bw″ seinen baulichen Maximalzustand. Mit der nochmals vergrößerten Bekohlungsanlage gehörte das Bw Hbf″ zu den größten Betriebswerken der Reichsbahn. Nach den schweren Zerstörungen im letzten Krieg dauerte der Wiederaufbau bis etwa zu alter Größe bis 1949. 1200 Menschen waren wieder im Bw″ beschäftigt.

Ende 1966 begann der Epochenwechsel. Die ersten E-Loks, die auf der gerade elektrifizierten Strecke nach Münster Dienst taten, hielten Einzug. Gleichzeitig ging der Bestand an stationierten Dampfloks immer weiter zurück. Im September 1968 wurden die letzten 22 Exemplare der Baureihe 01, inzwischen auf Ölfeuerung umgestellt, nach Rheine und Altona abgegeben.

Mit dem Verschwinden der Dampfloks wurden die Ringlokschuppen C″ und D″ entbehrlich. Schließlich waren Elektro- und Diesel-Loks weniger empfindlich und konnten unter freiem Himmel abgestellt werden. Lokschuppen D″ wurde komplett mit allen Gleisanlagen abgerissen. Dem Lokschuppen C″ erging es nicht anders, hier blieben aber Drehscheibe und Strahlengleise erhalten. Sie werden bis auf den heutigen Tag genutzt.

Übergangsweise waren auch die roten Bahnbusse an der Bremer Straße beheimatet. Nach mehreren internen Umstrukturierungen ist seit Anfang 1998 die Bahnfracht-Tochter DB Cargo AG Hausherr im stark geschrumpften Bw″. Ein Großteil der Flächen wird heute von Verbrauchermärkten eingenommen oder liegt brach.

Bildtexte:
Zum Kamerun″ gehörten Ringlokschuppen und Drehscheibe C″. Blick vom Wasserturm über die Gleise des Vorbahnhofs zur Halle Gartlage und zum OKD.
Die Drehscheibe ist noch in Betrieb, vom Ringlokschuppen ist nur noch ein kleines Tortenstück″ erhalten.
Fotos:
Joachim Behrens, Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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