User Online: 1 | Timeout: 06:41Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie zwei Autoren für die Freiheit stritten
Zwischenüberschrift:
Erich Maria Remarque und Erich Kästner: Romane gegen die Feinde der Weimarer Republik
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mit Literatur gegen Feinde der Freiheit? Erich Maria Remarque und Erich Kästner haben es versucht. Ihre Romane waren umkämpft. Sie gaben ein Lehrstück, das weiter gilt.

Osnabrück Für Thomas Schneider liegt die Sache klar. Die Demokraten haben die Sache verschlafen. Der Diskurs war schnell von den Gegnern der Demokratie besetzt″: So beschreibt der Leiter des Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrums in Osnabrück die hitzige Debatte, die 1929 um den Antikriegsroman Im Westen nichts Neues″ tobte. Schneider legt noch nach. Für ihn weist die Debatte der Zwanzigerjahre Bezüge zur Gegenwart auf. Rechte besetzen Begriffe und dominieren damit das gesellschaftliche Gespräch dies sieht Schneider auch heute als Gefahr.

Gibt die Endphase der Weimarer Republik das Modell für aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse ab? Diese These wird in den letzten Jahren immer wieder geäußert, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu beschreiben, die ihren inneren Zusammenhalt verliert. Angriffe der extremen Rechten und Linken auf Republik, Pluralität und politische Freiheit waren Ende der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts an der Tagesordnung. Die Debatten um prominente Romane liefern das Modell für einen Kampf um die Deutungshoheit im Gespräch ganzer Gesellschaften. Roman als Streitfall

Erich Maria Remarques 1929 publizierter Roman Im Westen nichts Neues″ und Erich Kästners 1931 zunächst unter dem Titel Fabian″ publiziertes Buch waren seinerzeit mehr als umstrittene Neuerscheinungen. Um beide Bücher tobten Schlachten, die in den Zeitungen ausgetragen wurden. Erich Kästner beschreibt in seinem Roman, wie eine Gesellschaft auseinanderfällt″, sagt Sven Hanuschek, der Kästners Klassiker unter dem originalen Titel Der Gang vor die Hunde″ 2013 neu herausgegeben hat. Dabei hat der Literaturwissenschaftler von der Ludwig-Maximilians-Universität München nicht nur den ursprünglich von Kästner geplanten Titel auf den Buchdeckel gebracht, sondern vor allem den originalen Text rekonstruiert. Damals erfolgte eine politische Zensur. Die ursprüngliche Version ist viel frischer und frecher″, sagt Hanuschek.

Kein Wunder. Die Debatte um die beiden herausfordernden Romane ging schon in den Verlagsbüros los. Remarque beschreibt in Im Westen nichts Neues″ die Kriegserlebnisse des jungen Soldaten Paul Bäumer bis zu seinem Tod an der Westfront, Kästner schickt den jungen Werbefachmann Jakob Fabian durch das Berlin der späten Zwanziger und entwirft damit das Bild einer Gesellschaft am Abgrund. Remarque wie Kästner schreiben als Moralisten und Zeitkritiker. Remarque will mit seinem Buch vor Krieg und Militarismus warnen, Kästner schreibt gegen die Apathie seiner Zeitgenossen an, die im Begriff sind, die Republik aufzugeben und die Freiheit an die heraufziehende Diktatur des Nationalsozialismus zu verlieren. Im Westen nichts Neues″ wie Der Gang vor die Hunde″ gelten heute als Klassiker der politisch engagierten Literatur.

Erich Kästner, dessen Kinderbuchklassiker Emil und die Detektive″ 1929 erschienen war, muss mit ansehen, wie der Text seines Romans von Verlagslektoren zusammengestrichen wird. Vor allem erotisch gewagte Szenen aus Varietés und Clubs fallen der Zensur zum Opfer. Die Bearbeiter setzen auch dort den Rotstift an, wo Kästner bissige Zeitkritik platziert. Der Romancier lässt Fabian und seinen Freund Labude im Omnibus durch Berlin fahren und nationale Heiligtümer wie das Brandenburger Tor verspotten. In der Erstausgabe ist die satirische Szene dieser skurrilen Busfahrt nicht zu lesen. Erst in der von Sven Hanuschek besorgten Neuausgabe finden sich diese und andere Szenen, die seinerzeit zu gewagt erschienen. Kästner schreibt in einer Zeit, in der an beiden Seiten der Gesellschaft die politischen Extreme wachsen″, beschreibt Hanuschek die damalige Zeitstimmung.Kampagne gestartet

In dieser aufgeheizten Lage planen Erich Maria Remarque und der Ullstein-Verlag ein Buch, das für Nationalisten zur Provokation werden wird. Im Westen nichts Neues″ sei bewusst nicht als Roman, sondern als Bericht platziert worden, erläutert Thomas Schneider das Konzept der Kampagne für den Roman, der 1928 zunächst als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung″ erscheint. Remarque und der Ullstein-Verlag wollen das Bild des Krieges in der Gesellschaft ändern. Remarque schreibt den einzigen pazifistischen Bestseller zum Weltkrieg″, sagt Schneider. Die Weimarer Republik hat es nicht geschafft, eine gemeinsame Erinnerungskultur zum Ersten Weltkrieg zu schaffen″, stellt der Remarque-Experte fest. Nach seinen Worten konnte Im Westen nichts Neues″ daran nichts ändern.

Mit Literatur gegen die Stimmungsmache von rechts″? Nach Einschätzung von Sven Hanuschek ist das Erich Kästner mit seinem Fabian″ nicht gelungen. Kästner habe die Kürzungen an seinem Text als professioneller Journalist hingenommen und später seine Urfassung des Romans nicht mehr aus der Schublade geholt. Das Beispiel zeige, wie problematisch es sei, wenn mit Textkürzungen auf vermutete Reaktionen vorab reagiert werde. Die Schere im Kopf ist das Problem″, sagt Sven Hanuschek und ergänzt: Die Provokation muss gut durchdacht sein. Dann ist in der Satire alles erlaubt.″ Das gelte auch heute, sagt der Literaturwissenschaftler und verweist auf ein Thema, das weiter aktuell ist. Die Diskussionen um den Satiriker Jan Böhmermann lieferten dafür nur ein Beispiel.

Bildtexte:
Idealfall des satirischen Romans: Erich Kästner und sein zuerst " Fabian" betiteltes Buch.
Ikone des Antikriegsromans: Erich Marie Remarque und sein Buch " Im Westen nichts neues"
Fotos:
wikimedia/ Gemeinfrei, imago/ Belga/ Remarque-Zentrum
Autor:
Stefan Lüddemann


Anfang der Liste Ende der Liste