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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das „Kap der guten Hoffnung″
Zwischenüberschrift:
Ehemalige Frauenklinik am Westerberg dient heute der Musikerziehung
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Kap der guten Hoffnung″ wurde die Osnabrücker Frauenklinik früher im Volksmund genannt. Dieser Spitzname passte gleich in doppelter Hinsicht: Die Hoffnungen Zehntausender werdender Mütter gingen hier in Erfüllung. Und gleichzeitig nahm der hufeisenförmige Baukörper nicht unähnlich der Südspitze Afrikas das spitzwinklig zulaufende Grundstück zwischen Lieneschweg und Caprivistraße ein.

Osnabrück Seit 20 Jahren erklingt statt Babygeschrei mehr oder weniger exzellent vorgetragene Musik auf den Fluren. Im Oktober 1999 nahmen das Hochschulinstitut für Musikpädagogik und die Kunst- und Musikschule des Städtischen Konservatoriums den größten Teil des dreiflügeligen Komplexes in Nutzung.

Doch zuvor war er 66 Jahre lang allerdings mit Unterbrechung im und nach dem Krieg Heimstatt einer stark frequentierten Geburtsklinik. Allein unter der Leitung von Professor Gerhard Ohlenroth (1972–1995) kamen 21 300 Säuglinge zur Welt. Hochgerechnet auf den Gesamtzeitraum seit 1925, dürfte die Zahl von 50 000 kleinen Osnabrückern, die hier zuerst das Licht der Welt erblickten, nicht zu hoch gegriffen sein.

Die Kombination von Hebammenausbildung und Geburtsklinik hat in Osnabrück eine lange Tradition. Bereits 1824 wurde die erste Hebammenschule im westlichen Teil des Königreichs Hannover in der Campeschen Kurie in der Johannisstraße 41 eingerichtet. Hebammen wurden damals sogar noch mehr gebraucht als heute, weil Hausgeburten der Regelfall waren. Theorie und Praxis gingen in der Hebammenschule eine nützliche Verbindung ein. Denn Zweck war auch, in misslichen Umständen befindlichen Schwangeren die Gelegenheit zu verschaffen, ihre Entbindung und Wochenbetten kostenfrei abzuwarten und bei schweren Geburten Hilfe zu finden″. 1867, Osnabrück ist Teil der preußischen Provinz Hannover geworden, wird die Provinzial-Entbindungsanstalt″ zur Knollstraße 7 verlegt. Das Haus fällt 1902 einem Feuer zum Opfer.

Heimliche Abtreibungen

Doch der Provinzial-Landtag zögert nicht lange und bewilligt einen Neubau gleich in der Nachbarschaft. 1904 wird die neue Hebammenlehranstalt an der Knollstraße 16 (heute KME-Schulungszentrum) in Betrieb genommen. Das Bestreben, heimliche Schwangerschaftsabbrüche zumeist lediger Frauen in kritischen Lebensumständen möglichst zu unterbinden, scheint aufzugehen. Jedenfalls heißt es im Verwaltungsbericht 1901/ 02, dass die hohe Zahl der unehelichen Geburten in der Stadt sich aus hiesiger Provinzial-Entbindungsanstalt″ erkläre. 1915 geht das Anstaltsgebäude an das kriegswichtige Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk (OKD) über, das Erweiterungsmöglichkeiten braucht.

Kriegsausgang und Revolution verzögern einen Ersatzbau. 1923 sind die Verhältnisse so weit geklärt, dass die Provinzialbauverwaltung einen Neubau auf dem von der Stadt gestellten Grundstück an der Caprivistraße in Angriff nimmt. Landesoberbaurat Scheele hat eine symmetrische Dreiflügelanlage entworfen, die barocken Grundriss mit neoklassizistischen Elementen in der Fassade verbindet. In der Symmetrieachse liegt außen ein repräsentatives Rondell und im Innenhof das Wäschereigebäude in der Gestalt eines kleinen, eleganten Landhauses.

Bei der Einweihung 1925 gilt die Provinzial-Hebammenlehranstalt als eine der modernsten und aufs beste ausgestatteten Institute in Preußen″. In 342 Räumen finden 120 Wöchnerinnen und Patientinnen der Gynäkologie Platz. 20 Hebammenschülerinnen und 20 Wochenbettpflegerinnen können ausgebildet werden.

Ein kombinierter Hör- und Taufsaal″, zwei Laboratorien für bakteriologische Untersuchungen und ein Stall für Versuchstiere gehören zur Ausstattung.

Die Nationalsozialisten drängen als neue Machthaber darauf, dass die Stadt Osnabrück die 1933 in Landesfrauenklinik″ umbenannte Anstalt übernimmt. Das Land will sie abstoßen, weil die NS-Ideologie nicht Klinik-, sondern Hausgeburten favorisiert. Die Stadt hat aus Kostengründen zwar kein Interesse an der Übernahme, die Parteileitung duldet aber keinen Widerspruch. 1937 geht die Klinik in städtische Trägerschaft über. Die Stadt gewinnt die evangelische Diakonie für die Krankenpflege.

Pflicht zur Mitarbeit

Als sogenannte Hausschwangere″ werden mittellose Frauen ab vier Wochen vor der Entbindung aufgenommen. Sie sind verpflichtet, als Gegenleistung leichte Arbeiten in Küche oder Wäscherei zu erledigen und müssen die bei der Entlassung notwendige Kinderkleidung und Geld für die Rückreise vorweisen.

Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg stürzen die Osnabrücker Krankenversorgung ins Chaos. Die meisten Abteilungen werden ins Umland ausgelagert. Auch die Frauenklinik wird getroffen und brennt teilweise aus. Die Entbindungsstation kommt ins Waldhotel Rögge nach Bad Essen. Nur kleinere Spezialabteilungen der Städtischen Krankenanstalten und eine Milchversorgungsküche für Säuglinge bleiben an der Caprivistraße.

Im Herbst 1947 sind die gröbsten Schäden so weit beseitigt, dass die Frauenklinik wieder aus Bad Essen nach Osnabrück zurückverlegt werden kann. Aber die Mittel des Wiederaufbauprogramms werden überwiegend für den Hauptstandort am Natruper-Tor-Wall eingesetzt, sodass es noch bis 1960 dauert, bis die Frauenklinik wieder in allen Abteilungen funktionsfähig ist.

Erster Chefarzt nach dem Krieg ist Professor Dr. Karl Hellmuth. Ihm folgt 1954 Dr. Emil Steinkamm, der schließlich zu Beginn des Jahres 1973 die Leitung an Professor Dr. Gerhard Ohlenroth weitergibt. 1979 wird das Rooming-in″ für Mütter und Neugeborene eingeführt, also die gemeinsame Unterbringung in einem Zimmer statt der zuvor üblichen Trennung. 1982 wird die Hebammenausbildung wieder aufgenommen.

Die Musik zieht ein

1989 steht fest, dass die Frauenklinik 1991 in den Krankenhausneubau auf dem Finkenhügel ziehen wird. Verschiedenste Nachnutzungen werden erwogen, bis die Lösung zustande kommt, dass das Land die Immobilie als weiteren Standort der Fachhochschule übernimmt. Anfang 1995 wird der Kaufvertrag über 5, 3 Millionen DM beurkundet.

Im Oktober 1999 ist es schließlich so weit: Das Hochschulinstitut für Musikpädagogik (IfM) und die städtische Musikschule als Mieter gehen in dem Gebäude offiziell an den Start. Der räumliche Verbund von Musiklehrerausbildung und praktischem Instrumentalunterricht unter demselben Dach wird als ideal angesehen. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis, wie sie bereits zwischen Hebammenausbildung und Gebärklinik bestand, wird seitdem in gewisser Weise auf dem Gebiet der Musik fortgeführt.

Bildtexte:
Die Frauenklinik in der Gabelung zwischen Lieneschweg (links) und Caprivistraße (rechts) im November 1950. Die aufgemalten Rotkreuzsymbole beiderseits des Haupteingangs hatten ihre Funktion in Kriegs- und Besatzungszeiten.
In denkmalgerechtem Weiß präsentiert sich das hufeisenförmige Gebäude im Stadtteil Westerberg heute, nachdem es einige Jahrzehnte lang einen lindgrünen Anstrich besessen hatte.
Der parkartig gestaltete Innenhof diente der Erholung der Frauen. Das Foto entstammt einer 1935 erschienenen Postkartenserie (1935) der Kunstanstalt Kettling & Krüger, Schalksmühle (Sammlung Helmut Riecken).
Hoffentlich wird da nichts vertauscht... Ein Kinderzimmer (links) und der Hör- und Taufsaal der Landfrauenklinik (rechts) auf weiteren Fotos der oben genannten Postkartenserie der Kunstanstalt Kettling & Krüger.
Fotos:
NOZ-Archiv, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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