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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Rückkehr der Krieger und erstmals „Damenwahl″
Zwischenüberschrift:
Januar 1919: Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung verlaufen in Osnabrück ruhig
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im zweiten Monat nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs sind auch in Osnabrück die Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung, in der die neue Staatsform des Deutschen Reichs bestimmt werden soll, das beherrschende Thema.

Osnabrück Erstmals dürfen auch Frauen wählen. Frauen! Denkt an Eure Pflicht!″, zitiert das Osnabrücker Tageblatt″ aus einem Aufruf der vereinigten Osnabrücker Frauenvereine, Männer haben bisher allein des Volkes Schicksal bestimmt, jetzt sollt Ihr mitbauen an dem neuen Haus, das das Volk sich zimmert.″ Nach den vielen im Krieg gefallenen Männern haben die Frauen eine deutliche Mehrheit unter allen Wahlberechtigten. Daraus erwachse eine besondere Verantwortung. Ihre Stimmen würden entscheiden, wie das Bauwerk gefügt sein soll″.

Im Haus des Vaterländischen Frauenvereins in der Bierstraße 17 ist eine Auskunftsstelle eingerichtet, in der die Programme aller Parteien zur Einsicht ausliegen und unparteilich Rat und Auskunft erteilt werden. Lasst Euch belehren, geht in die Versammlungen, lest die Tageszeitungen!″, fordern die Frauenvereine ihre Geschlechtsgenossinnen auf wohlwissend, dass auch für viele Frauen die Politik bisher reine Männersache war.

Der Osnabrücker Wahl- Kampf″ ist in keiner Weise mit den Verhältnissen in Berlin zu vergleichen, wo zur selben Zeit Bürgerkrieg herrscht, der Spartakus-Aufstand blutig niedergeschlagen wird und es zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kommt. Die Versammlungen im Osnabrücker Land verlaufen ruhig. Mit einer Ausnahme in Nordhorn: Der spätere Außenminister Gustav Stresemann, der für die Deutsche Volkspartei (DVP) antritt, wird körperlich attackiert. Sicherheitsbeamte erweisen sich als machtlos gegenüber dem ausbrechenden Krawall, können Stresemann aber zu einem versteckten Ausgang führen. Stresemann gelingt die Flucht, die Kundgebung wird abgebrochen. Im Automobil seines Parteianhängers, des Bettfedern-Fabrikanten Adolf Künsemüller, erreicht Stresemann in der Nacht relativ wohlbehalten seine Unterkunft in Osnabrück.

Die Wahlen am 19. Januar sehen auch in der Stadt Osnabrück die SPD mit 42, 4 Prozent als Sieger, und zwar deutlicher als im gesamten Reich (37, 9 Prozent). Die linksradikalen unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) spielen in Osnabrück mit einem Stimmanteil von 1, 1 Prozent (reichsweit: 7, 6 Prozent) keine Rolle. Die stramm rechtsgerichtete Deutschnationale Volkspartei, die an der Monarchie festhalten will, kommt in Osnabrück auf ebenfalls nur klägliche 0, 9 Prozent (reichsweit: 10, 3 Prozent). Die bürgerlichen Parteien DDP, DVP und Zentrum können insgesamt 52, 8 Prozent für sich verbuchen.

Die Osnabrücker Otto Vesper (SPD) und Josef Hagemann (Zentrum) schaffen den Sprung in die verfassungsgebende Nationalversammlung zu Weimar. Die Wahlbeteiligung im Wahlkreis Osnabrück-AurichOldenburg liegt bei knapp über 90 Prozent und ist damit die höchste im gesamten Reich.

Heimkehr: Gleich zu Beginn des Jahres treibt ein Großereignis die Osnabrücker auf die Straßen. Sie feiern am 1. Januar die Heimkehr des Osnabrücker Stammregiments 78. Die Stadt hat nochmals ihr Freudengewand″ angelegt, jubelt das Tageblatt″, schwarz-weiß-rote Fahnen wehen vor den Fenstern und auf den Dächern, Tannenkränze, Blumen und Fackeln säumen die Johannisstraße. Zu den Klängen des Parademarsches treffen die Kolonnen auf dem Neumarkt ein, wo sie von Tausenden Bürgern und den versammelten Spitzen der Behörden, unter ihnen Regierungspräsident, Bischof und Landrat, begrüßt werden. Die Willkommensadresse des Oberbürgermeisters Julius Rißmüller klammert Niederlage und Revolution aus, wenn er von den gewaltigen Taten der 78er auf den Kriegsschauplätzen in Ost und West″ spricht: Unbesiegt kehrt ihr zurück, stolz, aufrecht; und mit Stolz begrüßt die Heimat ihre heimkehrenden Helden.″ Ein dreifaches Hoch auf unser deutsches Vaterland″ erschallt über den Neumarkt, gefolgt von dem Lied Deutschland, Deutschland über alles″. Auch der neue Vorsitzende des Osnabrücker Arbeiter- und Soldatenrates, Heinrich Groos, begrüßt die heimgekehrten 78er. Er thematisiert die vollzogenen Umwälzungen. Er bittet die Soldaten, die ungeheuren Wunden des Krieges heilen zu helfen und an den Aufgaben der Zukunft mitzuarbeiten.

Die Kriegsverluste des IR 78 sind fürchterlich: Von 18 700 Mannschaften und Unteroffizieren sind 4412 Mann gefallen oder gelten als vermisst. Hinzu kommen 7997 Verwundete, sodass die Gesamtverlustrate 66, 3 Prozent beträgt. Bei den Offizieren ist die Rate mit 71, 6 Prozent noch höher.

Verlauste Schule: Mannschaften und Unteroffiziere des Infanterie-Regiments 172 waren zwecks Demobilisierung in der Overbergschule untergebracht. Im Januar ist die Schule wieder geräumt. In einem Leserbrief beschwert sich ein Vater, dass die Schüler wieder einzogen, ohne dass vorher eine gründliche Reinigung stattgefunden habe. So ist es nicht zu verwundern, dass ein großer Teil der Schüler verlaust ist. Wer trägt die Schuld, daß man die Kinder nicht länger in der Johannisschule ließ? Auf diese Fragen können die Eltern eine öffentliche Antwort verlangen.″

Tanzende Frauen: Ein anderer Leserbriefschreiber beklagt sich darüber, dass gewisse Frauenvereinigungen sich über das weiterhin geltende Verbot von Tanzlustbarkeiten″ hinwegsetzen. Er bejaht die Verordnung des Arbeiter- und Soldatenrates, solange wir noch auf den schimpflichen Frieden warten und solange noch Tausende von unseren Volksangehörigen im Sklavenjoch der Feinde schmachten″. Und nun müsse er lesen, dass die von der Eisenbahn entlassenen weiblichen Personen einen großen Abschiedsball feiern. Wo sie doch sowieso nur in vorübergehender Anstellung waren? Hierbei sieht man wieder die Vergnügungssucht eines großen Teils der weiblichen Personen. Während viele Frauen und Witwen kaum wissen, wo sie die notwendigsten Mittel für Nahrung und Kleidung hernehmen sollen, hängen die anderen das viele leichtverdiente Geld an seidenen Plunder.″ Der Einsender bittet den Arbeiter- und Soldatenrat einzuschreiten.

So ein Zufall: Wie auch in diesem Jahr, 2019, gelangt vor 100 Jahren Schillers Wilhelm Tell″ am Stadttheater zur Aufführung. Der Rezensent der Aufführung von 1919 schreibt: Zu keiner besseren Stunde hätte Schillers Meisterwerk auf unsere Bühne kommen können, als in diesen unendlich schicksalsschweren Tagen des Deutschtums. Außerordentlich groß sind die Fäden und inneren Beziehungen, die sich von dem Schauspiel zur jetzigen Zeit und des Vaterlandes schwerer Lage ziehen lassen, zahlreich die ernsten Lehren, die es uns gibt. (Jetzt) tut es doppelt not, Schillers Freiheitsideal klärend, warnend, mahnend hineinleuchten zu lassen in die düstere Wirrnis, doppelt not auch des Attinghäusers Mahnung: Seid einig!

Pferdefleisch: Das Angebot an Pferdefleisch ist sehr groß. Der Militärfiskus gibt viele Pferde ab, die zu alt und schwach für die Arbeit vor dem Fuhrwerk oder dem Pflug sind. Die Stadt weist darauf hin, dass der Bezug von Pferdefleisch nicht auf den Verbrauch anderen Fleisches gemäß Fleischbezugskarte angerechnet wird. Der Preis für Rossfleisch ist erheblich zurückgegangen, von mehr als 2 Mark auf 1 Mark oder gar 80 Pfennig das Pfund. Der Krieg hat das Vorurteil gegenüber Pferdefleisch zurückgedrängt, beobachtet das Osnabrücker Tageblatt″: Wer Zeuge der Polonaisen vor den Roßschlachterläden gewesen ist, weiß auch genau, daß die Käufer heute zum Teil Kreisen angehören, die früher etwas Ähnliches sich nicht zugetraut hätten. Die Änderung bedeutet einen erfreulichen Fortschritt; mit Recht bezeichnet man das Pferd als unser reinlichstes Tier, und der Genuß von Roßfleisch wird bleichsüchtigen und schwächlichen Personen sogar ärztlicherseits angeraten. Für Vorurteile ist in unseren Tagen keine Zeit.″

Bildtexte:
Das Infanterieregiment 78 kehrt endlich heim: Am 1. Januar 1919 bereitet Osnabrück den verbliebenen Kriegern auf dem Neumarkt einen großen Empfang.
Eine berittene Abteilung am Neujahrstag auf dem Neumarkt.
Fotos:
Archiv Sigurd Möllmann/ Museum Industriekultur, Archiv NOZ
Autor:
Joachim Dierks


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