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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wo Nachbarschaft kein Selbstläufer ist
Zwischenüberschrift:
Iduna-Hochhaus: Viele wollen anonym bleiben
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Man trifft sich im Fahrstuhl oder vor den Briefkästen, aber man lebt doch ziemlich anonym im Iduna-Hochhaus. Und das ist den meisten Bewohnern auch ganz recht. Dass einzelne von ihnen eine intensivere Nachbarschaft pflegen, ist da kein Widerspruch.

Osnabrück 140 Menschen haben im Wohnturm am Erich-Maria-Remarque-Ring ihr Zuhause. Bernd Brinker, der seit 1977 in der zehnten Etage lebt, ist einer von ihnen. Wenn er im Aufzug ein neues Gesicht entdeckt, dann schaut er schon genauer hin. Und kombiniert.

Welches Knöpfchen hat der gedrückt? Wendet der sich beim Aussteigen nach links oder rechts? Ach ja, da ist ja kürzlich eine Wohnung frei geworden. So sortiert sich der Mikrokosmos im Koordinatensystem des 69-Jährigen wieder neu. Und wenn mal laute Musik durch die Flure dringt, dann könnte dort möglicherweise die Immissionsquelle sein.

Nestwärme hinter Beton

20 Stockwerke, 128 Wohnungen: Es lebt sich zwar anonym in Osnabrücks höchstem Wohnhaus, aber jede Veränderung wird sofort registriert. Höchste Aufmerksamkeit gilt den Studenten-WGs, in denen schon die Nacht zum Tag gemacht wurde. Mit der Folge, dass irgendwann um 3 oder 4 Uhr die Polizei im 16. Stock klingelte und zur Mäßigung aufforderte. Wer angerufen hatte, blieb natürlich ihr Geheimnis.

Das Iduna-Hochhaus ist nicht gerade der Ort, an dem gute Nachbarschaft ein Selbstläufer ist. Was an Gemeinsamkeit stattfindet, steht und fällt mit einzelnen Personen. Da gab es mal eine ältere Dame, so wird erzählt, die lud andere Senioren aus dem Turm regelmäßig zu Kaffeekränzchen ein. Ein beherztes Zeichen gegen die Anonymität. Über Gott und die Welt wurde gesprochen, und es gab Momente, da schien sich der triste Betonbunker in einen Ort der Nestwärme zu verwandeln. Aber inzwischen lebt die alte Dame nicht mehr.

Es gibt Individualisten aus den verschiedensten Ebenen, die im Meer der Anonymität ganz selektiv ihre Nachbarschaft pflegen. Zum Beispiel Theodor Koulen. Der 80-Jährige gehört zu einer Clique älterer Herrschaften, die sich schon seit Langem gegenseitig einen Geburtstagsbesuch abstatten. Man erinnert sich an die wilden Zeiten, die das Iduna-Hochhaus schon erlebt hat, und redet über aktuelle Beschwernisse, die das Miteinander erheitern oder belasten können. Und immer wieder gibt es ein Thema: Das Haus ist sehr hellhörig″, bedauert Theodor Koulen, und er fügt hinzu, so werde heute ganz sicher nicht mehr gebaut.

Einmal drang ein schrilles Bohrgeräusch durch sämtliche Etagen, abends um 22 Uhr. Bernd Brinker fuhr mit dem Fahrstuhl auf und ab, um den Unruheherd zu lokalisieren. Sein ebenfalls genervter Nachbar Ulrich Bierbaum hatte sich auch schon auf die Suche begeben. Im 6. Stock wurden die beiden schließlich fündig.

Dann kam es zu einer Begegnung, die zumindest den ärgsten Zorn der Beschwerdeführer verrauchen ließ. Es stellte sich nämlich heraus, dass eine Studentin an jenem Tag eingezogen war. Und dass sie dabei die tatkräftige Hilfe von zwei jungen Männern in Anspruch genommen hatte. Und einer von denen hatte seine Bohrmaschine mitgebracht. Am Ende nahm die Hausmeisterin die Sache auf ihre Kappe, wie Bernd Brinker mit einem gequälten Lächeln erzählt. Sie habe der neuen Bewohnerin das Bohren erlaubt. Und sich immerhin am nächsten Tag entschuldigt.

Ja, die Geräusche. Man hört sogar den Wasserhahn und den Lichtschalter″, bedauert Ulrich Bierbaum, der sich die Adresse Erich-Maria-Remarque-Ring 11 vor neun Jahren zugelegt hat. Aber am meisten nervt ihn laute Musik. Wenn die Bässe durch den Beton wummern, könnte er die Wände hochgehen. Es gab gelegentlich Mitbewohner im Haus, die darauf keine Rücksicht nahmen. Da musste der 70-Jährige aus dem 5. Stock schon mal massiver auftreten. Wenn er davon erzählt, gibt er gleich zu verstehen, dass man sich mit ihm besser nicht anlegen sollte: Ich komm auch durch die geschlossene Tür!

Der Tote im Bett

Dabei ist er ein friedlicher und hilfsbereiter Mensch, solange er in Ruhe gelassen wird. Seine Kontakte pflegt er überwiegend außerhalb des Wohnturms. Aber nicht nur. Einem Rollstuhlfahrer aus dem Haus hat er jahrelang bei Besorgungen geholfen. Wenn es darauf ankommt, ist er jederzeit zur Stelle, auch bei unangenehmen Aufgaben. Als ein älterer Herr aus dem 3. Stock nicht mehr ans Telefon ging, schaltete seine Tochter einen Nachbarn ein, der über den Schlüssel zur Wohnung des Vaters verfügte. Der Nachbar bat Ulrich Bierbaum mitzukommen, als Mann seines Vertrauens. Sie schlossen die Tür auf und sahen, dass der Vermisste tot im Bett lag.

Von solchen Begebenheiten wissen auch andere zu erzählen, die im Iduna-Hochhaus leben. Aber es gibt zugleich viele Beispiele, die dafür sprechen, dass in Notsituationen immer jemand in der Nähe ist. In einer Nacht vor mehr als zwei Jahren stürzte Theodor Koulen aus dem 9. Stock so unglücklich, dass er blutüberströmt auf dem Boden liegen blieb. Zum Glück konnte er seinen nächsten Nachbarn alarmieren, der sofort einen Rettungswagen bestellte. Für eine ältere Hausbewohnerin, die nach einem Kollaps notversorgt werden musste, fand sich ebenfalls ein Retter aus dem näheren Umfeld.

Abgesehen von solchen Extremsituationen gibt es auch nachbarschaftliche Normalität. Wenn der Bote von DHL oder DPD mit einer ganzen Fuhre von Paketen in der Eingangshalle steht, strömen die Adressaten aus allen Ebenen nach unten, um ihre Lieferung in Empfang zu nehmen. Und meist findet sich auch jemand, der eine Sendung für abwesende Etagengenossen in Verwahrung nimmt. Andere Gelegenheiten, auf Nachbarn zu treffen, ergeben sich im Aufzug, vor den Briefkästen oder im Waschmaschinenkeller. Aber meist wird dabei nicht viel gesprochen.

Und wie ist das mit dem Ei, das man sich von der Nachbarin zum Backen ausleiht? Ja, so etwas könne schon mal vorkommen, meint Theodor Koulen. Wenn auch nicht sehr oft. Der 80-Jährige braucht ab und zu mal Hilfe, wenn der Fernseher nicht funktioniert. Zum Glück gibt es Bernd Brinker aus dem 10. Stock, der dann mit Rat und Tat zur Stelle ist.

Bildtexte:
Raus aus der Anonymität, rein in den Fahrstuhl: Für Ulrich Bierbaum, Bernd Brinker und Theodor Koulen ist auch das Iduna-Hochhaus ein Ort, in dem Nachbarschaft gelebt wird.
20 Stockwerke, 140 Bewohner: Im Iduna-Hochhaus lebt es sich anonym. Aber es gibt viele Möglichkeiten, diese Anonymität zu durchbrechen.
Foto:
Michael Gründel
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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