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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Königin Silvia dankte huldvoll
Zwischenüberschrift:
Schmuck-Fachgeschäft Glüsenkamp entwickelte „Friedensuhren″ für Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Was ein Handwerks- und Einzelhandelsbetrieb im Verlauf eines Jahrhunderts an Höhen und Tiefen erleben kann, lässt sich exemplarisch an dem Uhren- und Schmuckgeschäft Glüsenkamp in der Johannisstraße 116/ 117 zeigen. Wegen tief greifend veränderter Kaufgewohnheiten in der Südstadt schloss Helga Glüsenkamp 2003 die Ladentür endgültig zu.

Osnabrück Wenn die letzte Geschäftsinhaberin in den Alben zur gut dokumentierten Firmengeschichte blättert, dann darf man sich auf ein Feuerwerk an Erinnerungen und Anekdoten gefasst machen. Da ist das Dankesschreiben der schwedischen Königin Silvia, nachdem sie 1998 das Exemplar Nummer eins der Friedensuhr″, der Glüsenkamp-Sonderauflage einer Armbanduhr zum 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens, erhalten hatte. Es zeigt eine Abbildung der Türklinke des Rathausportals in Gestalt der Friedenstaube auf dem Zifferblatt. Da ist die Geschichte von dem Kunden″, der sich eine Kollektion von Trauringen zeigen ließ, zielsicher nach einem der edelsten griff und ihn hinunterschluckte. Sein Plan, die allgemeine Verblüffung zu nutzen und sich rasch aus dem Staube zu machen, scheiterte jedoch an der reaktionsschnellen Verkäuferin. Sie informierte den Inhaber, der die Ladentür von innen abschloss und die Polizei alarmierte, die kurz darauf eintraf und den Missetäter abführte. Im Polizeigewahrsam fand der Ring auf natürlichem Wege wieder ans Tageslicht.

Von Trickdiebstählen blieben die Glüsenkamps nicht verschont. Der Klassiker: Eine Gruppe von Kunden″ betritt den Laden. Zwei binden die Aufmerksamkeit des Personals, ein Dritter greift zu. Gegen Trickdiebstähle waren wir nicht versichert″, erklärt Helga Glüsenkamp, das wäre viel zu teuer und mit immensen Auflagen verbunden gewesen.″ Gegen den normalen Diebstahl außerhalb der Geschäftszeit empfahl die Versicherung ein Rollgitter. Aber auch das war kein Allheilmittel. Einmal zertrümmerten Einbrecher die Schaufensterscheibe durch das Gitter hindurch und angelten sich mit einer langen Greifzange Schmuckstücke aus der Auslage. Zum Glück waren es keine hochpreisigen Uhren wie Rolex und Co., die haben wir nie geführt″, so Glüsenkamp.

Porzellan-Kuriositäten

Das Sortiment war eher auf Otto Normalverdiener abgestimmt, mit Küchenuhren, Armbanduhren für den Alltag oder Besteckgarnituren für die Aussteuer. Eine Zeit lang liefen Kuckucksuhren sehr gut. Man musste nicht in den Schwarzwald gefahren sein und sie dort als Souvenir erstanden haben, es gab sie auch bei Glüsenkamp. Vor Familienfesten oder wenn das Weihnachtsgeld ausgezahlt worden war, durfte es dann auch etwas Besonderes sein. Die Leute kamen mit dem Bus etwa aus Sutthausen oder aus Nahne, um sich Ringe, Schmuckketten oder Manschettenknöpfe auszusuchen.

Ein seltenes Kuriosum sind die kleinen Porzellan-Behältnisse für Trauringe, die Firmengründer Conrad Glüsenkamp (1880 1959) den Kunden in den Jahren um 1910 als besondere Verpackung mitgab, wenn sie sich zum Kauf von Verlobungs- oder Trauringen entschieden hatten. Auf dem Deckel des Döschens sitzt der Liebesgott Amor rittlings auf einem Amboss. Er hält einen Ring, dem der Glücksschmied mit dem Hammer die letzte Form gibt.

Conrad Glüsenkamp kam 1880 in Schinkel zur Welt. Ab 1894 lernte er in Osnabrück den Beruf des Uhrmachers. Es folgten Wanderjahre in den Reichslanden Elsass-Lothringen, die seit dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/ 71 zum Kaiserreich gehörten, und in der für die Uhrenherstellung tonangebenden Schweiz. Nach Osnabrück zurückgekehrt, ließ er sich im November 1904 mit Werkstatt und Verkaufsladen in der Meller Straße 23 nieder. 1907 wurde ein Ladengeschäft in der Johannisstraße frei, günstig gelegen zwischen Johanniskirche und Rosenplatz. Die Johannisstraße war als Große Straße der Neustadt″ unangefochten die meistbesuchte Einkaufsstraße in der südlichen Innenstadt. Conrad Glüsenkamp griff zu, verlegte das Geschäft in die Johannisstraße 117 und bezog die Wohnung darüber. Der Geschäftsgang war günstig, 1913 erwarb er das Eigentum an dem Haus und nach 1945 auch an dem Nachbargrundstück Nr. 116.

Palmsonntag 1945 war ein schwarzer Tag auch für die Glüsenkamps. Ihr Haus erhielt einen Bomben-Volltreffer und wurde zerstört. Dabei war es noch ein Glück im Unglück, dass der Koloss von Geldschrank im Geschäft zwar qualmend, aber ansonsten unbeschädigt inmitten der Trümmer überlebte. Wertvoller Schmuck und Kundenreparaturen darin blieben erhalten. Zwei Jahre später gelang die provisorische Wiedereröffnung im gegenüberliegenden Haus von Architekt Heinrich Feldwisch-Drentrup. 1955 begann die Enttrümmerung des eigenen Grundstücks, und 1956 war der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses bezugsfertig. Acht kräftige Männer waren notwendig, um den schweren Tresor über die Straße wieder an den alten Standort zu rollen″, weiß Helga Glüsenkamp aus den Erzählungen.

Treue Stammkundschaft

Unterdessen war der Übergang auf die zweite Generation schon fortgeschritten. Gerhard Glüsenkamp (1919– 2003) wollte nach dem Abitur eigentlich Apotheker werden und nahm das Pharmazie-Studium auf. Aber dann erschienen die Aussichten auf Konzessionserteilung einer eigenen Apotheke doch zu unsicher, und er folgte 1947 dem väterlichen Ruf ins Uhrmacherhandwerk, das er 1955 mit dem Meistertitel abschloss. Gerhard Glüsenkamp lernte die Buchhändlerin Helga Schwarz kennen, Tochter des Amateurfotografen und Fotosammlers Helmut Schwarz, der das alte Osnabrück vor der Zerstörung in einem umfangreichen Fotoarchiv festgehalten hatte. Gerhard und Helga heirateten 1959.

Rückblickend bezeichnet Helga Glüsenkamp die 1960er- und 1970er-Jahre als die erfolgreichsten in der fast hundertjährigen Firmengeschichte. Nicht zuletzt durch die angebotenen Reparaturdienste konnte man auf eine breit gestreute Stammkundschaft setzen. Vor der Jahrtausendwende gelangen einige geschickte Marketing-Aktionen mit Sonderauflagen von Armbanduhren mit individualisierten Ziffernblättern. Nach den Friedensuhren″ mit Motiven der Vertragsurkunde, des Rathauses und der Friedenstaube, die weggingen wie warme Semmeln, folgten noch die Dom-Uhren″ mit eingearbeiteten Glassplittern der 1944 zerstörten Fensterrosette und
die VfL-Uhren″. Ein Teil der Verkaufserlöse ging jeweils an gemeinnützigen Zwecke.

Im neuen Jahrtausend wurde das Umfeld in der Johannisstraße immer ungünstiger für ein Uhrenfachgeschäft. Knapp ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes entschloss sich Helga Glüsenkamp, das Geschäft zu Heiligabend 2003 zu schließen 99 Jahre und einen Monat nach der Gründung. So ist nun einmal der Gang der Dinge″, sagt sie, Handel bedeutet Wandel″.

Bildtexte:
Zum 50-jährigen Jubiläum 1954 gab es reichlich Blumen. In der Mitte die Inhaber Gerhard (links) und Conrad Glüsenkamp. Im Hintergrund links der Tresor, der den Bombenangriff überlebte. Das Bild unten links zeigt das Ladengeschäft Glüsenkamp um 1958. Der heutige Mieter Ipek (unten rechts) handelt mit Gold, Juwelen und Handys.
Amor reitet den Amboss: Helga Glüsenkamp präsentiert Aufbewahrungs-Döschen für Verlobungsringe, die es beim Kauf um 1910 dazugab.
Die Ruinengrundstücke Johannisstraße 116/ 117 vor Beginn des Wiederaufbaus, 1955. Rechter Nachbar ist die Schlachterei Herzog.
Fotos:
Archiv Glüsenkamp, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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