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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Nach 17 Jahren Identität eines Toten geklärt
 
Sie nannten ihn „das Reh″
Zwischenüberschrift:
Wie ein Osnabrücker Polizist die Geschichte hinter einem toten Obdachlosen aufklärt
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Im Herbst 2001 fanden Passanten einen obdachlosen Mann in der Osnabrücker Innenstadt, der einen Tag später im Marienhospital eines natürlichen Todes starb. Der Mann lebte schon seit Jahren im Umfeld der juristischen Fakultät zwischen Martinistraße und Katharinenstraße sein Spitzname lautete Das Reh″. Nach seinem Tod sammelten Studenten und Uni-Mitarbeiter Geld, um dem Obdachlosen eine Trauerfeier und ein Grab auf dem Heger Friedhof zu organisieren. Bis heute liegt er als namenloser Toter dort vergraben. Mit ein wenig Ermittlerglück und viel Recherche ist es einem Beamten der Osnabrücker Polizei nun gelungen, die Identität des Mannes zu klären. Seine Angehörigen in Leipzig haben nach mehr als 30 Jahren jetzt die traurige Gewissheit, was mit ihm passierte.

Er war ein einsamer Mann, der inmitten des quirligen studentischen Lebens rund um das Juridicum seine Tage verbrachte. Weil sie keinen anderen Namen für ihn hatten, nannten ihn Studenten und Uni-Mitarbeiter irgendwann das Reh″. Jetzt wird aus dem namenlosen Toten ein Mensch mit Geschichte.

Osnabrück Eigentlich hat Kriminalhauptkommissar Uwe Hollmann momentan keine Zeit. Zwei Tote in Hasbergen und Glandorf halten ihn und seine Kollegen auf Trab. Für den Termin mit unserer Redaktion musste Hollmann daher erst einmal seinen Schreibtisch aufräumen und die aktuellen Ermittlungsergebnisse aus dem Sichtfeld der neugierigen Journalisten bringen. Solche Fälle haben natürlich Vorrang vor denen, die teilweise seit Jahren ungeklärt als Akte im Schrank hängen″, sagt Hollmann.

Einer dieser rund ein Dutzend Fälle ist jetzt aufgeklärt. Der Tod eines obdachlosen Mannes, den viele nur das Reh″ nannten. Ohne Hollmann würde die Familie des Toten nach rund 30 Jahren Ungewissheit immer noch im Unklaren darüber sein, was mit Bruder und Sohn passiert ist. Der Kriminalhauptkommissar liest noch einmal in der Akte, die den Fall des am 7. Oktober 2001 verstorbenen Mannes dokumentiert. Es ist das nüchterne Protokoll vom Ende eines Menschenlebens.

Universitätsmitarbeiter entdeckten den hilflosen Mann am 6. Oktober, einem Samstag, auf der Katharinenstraße. Einen Tag später starb der Namenlose, offenbar schwer krank, im Osnabrücker Marienhospital. Nach seinem Tod wurde er obduziert, die Ärzte fanden keine Hinweise auf eine unnatürliche Todesursache. Eigentlich wäre der Mann somit kein Fall gewesen, mit dem sich Ermittler der Polizei beschäftigen. Doch weil sich niemand einen Reim darauf machen konnte, wer er war, blieb sein Schicksal eine Vorgangsnummer für die Osnabrücker Polizei. Leiche 201.

Er war ein bekannter Unbekannter″, sagt Hollmann über den Obdachlosen, der bereits Jahre vor seinem Tod im Umfeld der juristischen Fakultät an der Katharinenstraße lebte und den viele dort akzeptierten. Der Osnabrücker Rechtsanwalt Henning Bahr nahm 1997 sein Studium an der hiesigen Universität auf und erinnert sich noch gut an den hageren, groß gewachsenen Mann. Als ich mit dem Studium begann, lebte er schon seit einiger Zeit hinter dem Hörsaalgebäude. Er ist mir immer aufgefallen, obwohl ich keinen direkten Kontakt zu ihm hatte″, sagt Bahr heute. Woher der Spitzname Das Reh″ kommt, weiß Bahr nicht. Doch Sonja Krügener erinnert sich: So haben ihn Mitarbeiter der Uni genannt, weil er ziemlich scheu war″, sagt Krügener, die einst in Osnabrück Wirtschaftswissenschaften studierte und nun in Düsseldorf lebt.

Dass aus Leiche 201 nun ein Name geworden ist, liegt an Ermittler Hollmann und seinen Kollegen vom 1. Fachkommissariat. Regelmäßig wälzen die Beamten die Akten der sogenannten Cold Cases″. Rund ein Dutzend dieser ungelösten Kriminalfälle hängen in Papierform in einem Aktenschrank der Osnabrücker Polizeiinspektion. Vor einigen Jahren gelang es Hollmann, den Mörder von Christina Spiegel zu überführen 25 Jahre nach der Tat. Mit modernen kriminaltechnischen Methoden konnte die DNA eines Verdächtigen aus einem Beweisstück extrahiert werden. Das war ein spektakulärer Fall″, sagt der Ermittler.

Das Reh″ mag für Hollmann weniger spektakulär gewesen sein, trotzdem hat ihn der Fall über die Jahre hinweg nicht losgelassen. Ich bin ja schließlich auch ein Mensch.″ Letztlich waren es Hollmanns Erfahrung und ein wenig Ermittlerglück, die dazu führten, die Identität des Mannes aufzuklären. Vor einiger Zeit bearbeitete der Ermittler einen anderen, weit zurückliegenden Fall, in dem ein Mann aus der Obdachlosenszene kurzzeitig erkennungsdienstlich behandelt wurde. Er wurde fotografiert, sein Name protokolliert. Weil sich ein Verdacht nicht erhärtete, blieb der Mann lediglich Teil einer Spur, die ins Nichts führte. Doch Hollmann ging das Gesicht nicht aus dem Kopf. Ich war mir sicher, dass ich den Mann kannte.″

In der Akte Das Reh″ wurde Hollmann schließlich fündig und auf einmal hatte Leiche 201 einen Namen. Der Ermittler setzte Puzzleteilchen zusammen und landete beim Leipziger Standesamt einen Volltreffer. Im Register wurde der Name des Toten geführt, Hollmann gelang es außerdem, Kontakt zu den noch lebenden Familienangehörigen herzustellen.

Es war mir wirklich ein Anliegen, diesen Fall aufzuklären″, sagt Hollmann. Die Angehörigen sind natürlich aus allen Wolken gefallen, als sie von Polizeikollegen aus Leipzig über den aktuellen Stand informiert wurden.″ Seither steht der Osnabrücker in Kontakt mit der Familie des Toten. Die wussten im Grunde genommen seit 30 Jahren nicht, wo er genau ist und wie es ihm geht. Sie haben aber schon geahnt, dass er nicht mehr am Leben ist.″ Um endgültig Sicherheit zu haben, wird die DNA des Toten momentan mit der seiner mutmaßlichen Mutter abgeglichen. Wenn das amtlich ist, schließt sich auch für uns die Akte endgültig″, so der Kriminalhauptkommissar.

Berührt hat Hollmann die Geschichte des Obdachlosen. Im Alter von 18 Jahren wollte er mit einem Freund aus Ostdeutschland flüchten, wurde letztlich aber vom DDR-Regime ins Gefängnis gesteckt. Die BRD kaufte den Mann frei. Er kam in Schwäbisch Gmünd unter, wechselte danach öfter den Wohnort. Doch offenbar kam er in Westdeutschland nicht zurecht. Irgendwann fanden die Angehörigen eine Ansichtskarte aus Osnabrück in ihrem Leipziger Briefkasten. Es war das letzte Lebenszeichen des Mannes an seine Familie.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Mann schon tief in seine eigene Welt zurückgezogen, deren räumlicher Mittelpunkt der Uni-Parkplatz zwischen Katharinenstraße und Martinistraße wurde. Während im Hörsaal der Grundstein so mancher juristischer Karriere gelegt wurde, lebte Das Reh″ nebenan ein Leben in karger Einsamkeit inmitten des quirligen studentischen Lebens.

Irgendwie war er immer ein Teil des Ganzen″, sagt Krügener heute. Das Reh″ habe häufig in der Cafeteria gesessen und dort sogar aufgeräumt. Studenten stellten ihm ihre Pfandbecher hin, denn Geld wollte der Mann nicht annehmen. Er lebte in seiner Welt, ein Gespräch konnte man nicht wirklich mit ihm führen. Durch sein ruhiges Wesen war er aber akzeptiert auch von den Hausmeistern.″

An der nach seinem Tod ins Leben gerufenen Spendensammlung beteiligten sich Studenten, Professoren und Mitarbeiter der Uni. Zur Trauerfeier kamen seinerzeit rund 30 Menschen. Ein Kommilitone Krügeners, der aus einem Steinmetzbetrieb stammte, organisierte einen Grabstein. Bis heute ruht Das Reh″ auf dem Heger Friedhof in Osnabrück, die Grabpflege wird noch immer von den einstigen Studenten organisiert und finanziert.

Für Krügener ist die Angelegenheit trotzdem mittlerweile weit weg. Nur als unlängst Uwe Hollmann sie anrief und ihr vom Reh″ berichtete, da kam die Geschichte noch einmal wieder hoch. Klar, da kommen Erinnerungen zurück. Ich hatte in diesem Moment sogar wieder den Geruch der Cafeteria in der Nase.″

Das Reh ist nicht vergessen.

Bildtexte:
Der Mann, den viele nur das Reh″ nannten, liegt auf dem Heger Friedhof begraben.
Ermittler Uwe Hollmann von der Osnabrücker Polizei ist es gelungen, die Identität des Mannes aufzudenken, der bereits seit mehr als 17 Jahren tot ist. In der NOZ vom 8. Oktober 2001 wurde um Hinweise auf den Mann gebeten, der oft in der Cafeteria des Juridicums saß.
Fotos:
Michael Gründel, S. Philipp
Autor:
Sebastian Philipp


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