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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Herr, in deinen Händen unser Anfang und Ende″
Zwischenüberschrift:
Vor 25 Jahren erstach Viktor Gross seine fünf Kinder
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Ein Grabstein, fünf Namen, fünf unterschiedliche Geburtsdaten, aber fünfmal derselbe Todestag der 5. Januar 1994. Marina, Olga, Waldemar, Nina und Alexander Gross liegen in der kalten Hasberger Erde.

Osnabrück Herr, in deinen Händen unser Anfang und Ende″ steht auf dem Grabstein. Gestorben sind sie als Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren, nicht durch Gottes Willen, sondern durch die Hand ihres Vaters, Viktor Gross. Er hat sie in dieser nasskalten Nacht vor 25 Jahren auf unvorstellbar grausame Art und Weise umgebracht. Wohl dem, der im Glauben an Gott eine Begründung für den Tod der Kinder zu finden vermag. Für alle anderen bleibt die Frage nach dem Warum? unbeantwortet. Warum mussten die Kinder sterben? Was ging in ihrem Vater vor, als er zum Küchenmesser griff und seine Töchter und Söhne so bestialisch dahinmetzelte?

Die Haster Familientragödie erregte bundesweites Aufsehen. Nahezu alle Fernseh- und Radiosender sowie Printmedien berichteten über das Drama. Erster Kriminalhauptkommissar Thomas Schnorfeil erinnert sich, dass er noch nie zuvor einen solchen Medienansturm erlebt hatte. Das war eine ganz neue Dimension.″ Eine ganz neue Dimension war ja aber auch die Tat selber. Mit Stichen in Hals und Oberkörper hatte Viktor Gross seine Kinder getötet, bevor er sich selber Stichverletzungen beibrachte und dann versuchte, die Wohnung in Brand zu setzen. Es entstand ein Schwelbrand. Gross starb an einer Rauchgasvergiftung.

Als die Feuerwehr am Morgen des 5. Januar gegen zehn Uhr die Wohnungstür aufgebrochen und den Qualm aus der Wohnung gesaugt hatte, machten die Einsatzkräfte die schreckliche Entdeckung: Waldemar und Alexander lagen blutüberströmt in ihrem Zimmer im Bett. Im Schlafzimmer der Mädchen setzte sich das Grauen fort. Die Männer fanden Marina, Olga und Nina ebenfalls in großen Blutlachen in ihren Betten. Neben dem Bett der Mädchen lag der tote Vater.

Die Bilder dieses Tatortes brannten sich den Einsatzkräften unauslöschbar ins Gedächtnis. Geborgen wurden die Leichen vom Bestattungshaus Schulte. Das sind Bilder, die man nie vergisst.″ Sechs Wochen habe er gebraucht, bis er wieder habe schlafen können, sagt Ulrich Oberpenning, der damals als Mitarbeiter des Beerdigungsunternehmens im Einsatz war. Die heutige Geschäftsführerin des Unternehmens, Andrea Schulte, damals selber noch ein Kind, entsinnt sich, dass die Gross-Kinder in weißen Särgen aufgebahrt wurden. Sie bekamen Kleidung von mir. Wir konnten sie doch nicht in den blutigen Sachen beisetzen. Sie sollten würdevoll beerdigt werden.″

Der Vater wird in aller Wahrscheinlichkeit in einer Lebenssituation gewesen sein, in der er völlig verzweifelt war″, vermutet Otmar Binder, Chefarzt für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im Ameos-Klinikum. Binder kann lediglich Vermutungen anstellen, was in Viktor Gross vorgegangen ist. Er kennt den Mörder nicht. Aber es gibt in der Psychiatrie Erklärungsmodelle, die womöglich auch auf das Haster Familiendrama zutreffen könnten. Die Entscheidung, sich zu töten, kommt nur in seltenen Fällen von jetzt auf gleich. In der Regel steht sie am Ende einer längeren Entwicklung″, sagt Binder. Welche Entwicklung hat Viktor Gross genommen, bevor er seinen Kindern und dann sich selbst das Leben nahm? Migration, Alkohol, häusliche Gewalt und Isolation. Diese vier Komponenten bestimmten den Alltag der Familie Gross, nachdem sie aus Kasachstan in die Bundesrepublik gekommen war. Wahrscheinlich hatte sich Viktor Gross die Umsiedlung von Kasachstan in die Bundesrepublik anders vorgestellt einfacher, erfolgreicher. Ein Suizid ist zumeist multifaktoriell bedingt″, sagt Binder. Die Migration und ihre Folgen könnten hierbei ein Faktor gewesen sein. Nach der Umsiedlung sah sich der Vater mit ganz anderen gesellschaftlichen Strukturen konfrontiert, in denen er sich zurechtfinden musste.″

Eheprobleme und Alkohol wenige Wochen vor der Tat muss die Polizei anrücken, um den Tobenden aus der Wohnung zu entfernen. Die Mutter rettete sich zu einer Nachbarin. Am folgenden Tag war Viktor Gross wieder da, das Drama ging in den nächsten Akt. Spätestens jetzt war klar, dass es ein Weiter so″ nicht geben konnte. Aber wie hätte eine Wende zum Besseren aussehen können? Trennung? Die wollte Gross auf keinen Fall. Hätte ihm ein Job helfen können? Es stellt für einen Familienvater oftmals eine große Bürde dar, wenn er nicht in der Lage ist, für das Auskommen seiner Familie zu sorgen″, sagt Binder. Anhaltende Eheprobleme seien zusätzlich gewichtige Belastungsfaktoren. Diese Entwicklung könnte insgesamt auch zu einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, wie einer Depression, geführt haben.

Kurz vor der Tat sei Viktor Gross ruhiger, entspannter geworden, hieß es damals. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont? Binder verwundert die äußere Ruhe des Vaters in den Tagen und Stunden vor der Tat nicht. Wenn einmal die Entscheidung zur Durchführung eines Suizids getroffen ist, wirken diese Menschen in der Regel äußerlich eher ruhig und gelassen. Für Außenstehende erscheint es vermeintlich so, als sei der Betroffene auf dem Weg der Besserung.″ Der Weg zum Suizid kennt mehrere Phasen. Im ersten Stadium wird der Suizid als Möglichkeit zur Lösung″ eines meist als schwerwiegend erlebten Problems oder einer schwierigen Lebenssituation erwogen. In dieser Phase sind die Distanzierung zu Suizidgedanken und die Fähigkeit der Selbststeuerung noch erhalten, jedoch zeigt der Betroffene verdeckte Hinweise oder richtet entsprechende Appelle an seine Umwelt. In der sogenannten Ambivalenzphase sind die Distanzierung von Suizidgedanken sowie die Fähigkeit der Selbststeuerung bereits eingeschränkt. Es erfolgt eine zunehmende gedankliche Einengung hinsichtlich der eigenen Suizidhandlung. Es kommt zu einem Ringen″ zwischen Selbstzerstörung und Selbsterhalt. Am Ende der suizidalen Entwicklung steht die Entschlussphase. Der Betroffene hat sich zum Suizid entschlossen und wirkt dadurch oftmals nach außen entlastet, seltener resigniert. Womöglich trifft er jedoch schon konkrete Vorbereitungen für seinen Suizid. Nur ein sehr aufmerksamer oder psychiatrisch erfahrener Beobachter kann die trügerische Ruhe entsprechend deuten.

Es kommt zu dem Punkt, an dem Alternativlösungen keinen Eingang mehr in das Bewusstsein des Betroffenen finden″, sagt Binder. Aber die Kinder. Warum die Kinder? Vielleicht hatte Viktor Gross Angst, seine Kinder zu verlieren. Die Tötung könnte beispielsweise aus dem Motiv heraus erfolgt sein, seinen Kindern das Leid, das er sehr stark in seinem Leben empfunden hat, zu ersparen. In Frage käme auch, dass er mit seiner Tat aufgrund von Rachegedanken dafür sorgen wollte, dass seine Frau nach seinem Tod nicht mit den Kindern weiterleben konnte. Letztlich kann auch eine nicht behandelte psychiatrische Erkrankung wie zum Beispiel eine Depression oder eine schwere paranoide Erkrankung zu der Tat geführt haben.

Kurze Zeit vor der Tat soll der Vater gesagt haben: Ich habe ihnen das Leben geschenkt, ich kann es auch wieder nehmen.″ Er hat seinen Kindern ohne jegliche Hemmung das Leben genommen. Wie genau die Tat sich abspielte, wie viel die Kinder von ihrem Leid noch mitbekommen haben, ist nicht bekannt. Fakt aber ist, dass sich das Sterben über einen längeren Zeitraum hingezogen haben muss. Ist da nichts, was einen solchen Blutrausch stoppen kann? Die normalerweise vorhandene Tötungshemmung ist in einem solchen Fall außer Kraft gesetzt″, stellt Binder fest. Sei der Entschluss zum erweiterten Suizid erst einmal gefallen, sei der Tötungsakt ein Prozessgeschehen, dass quasi automatisiert ablaufe. Von außen sei dieser Prozess allenfalls durch tätliches Eingreifen zu stoppen.

Binder versteht die Hilflosigkeit, vor die eine solche Tat Angehörige, Freunde und alle anderen stellt. Eine Hilflosigkeit, die aus einer großen, nachvollziehbaren Verständnislosigkeit für das Unfassbare entspringt und in der Frage nach dem Warum″ ihren Ausdruck findet. Die Antwort auf diese Frage aber hat ihre Grenzen eben da, wo sie in Abgründe menschlichen Erlebens eintaucht. Wir versuchen, das eigentlich Unerklärliche erklärbar zu machen. Das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Aber wir sollten uns ehrlich eingestehen, dass es dabei auch Grenzen gibt″, sagt Binder.

Die ganze Geschichte zum Haster Kindermord und weitere Kriminalfälle lesen Sie im NOZ-Magazin Spurensuche″, dass im Zeitschriftenhandel und in den NOZ-Geschäftsstellen erhältlich ist.

Bildtexte:
Abschied von Marina, Olga, Waldemar, Nina und Alexander. In fünf weißen Särgen fanden die Kinder in Hasbergen ihre letzte Ruhe.
Das Medieninteresse an der Tragödie erreichte bis dahin nicht gekannte Dimensionen.
25 Jahre nach dem Mord erinnert nur noch der Grabstein auf dem Hasberger Friedhof an die Tragödie.
Die Leichen der Kinder wurden von Wilhelm Schulte (l.) und Ulrich Oberpenning geborgen.
Fotos:
Archiv/ Gert Westdörp
Autor:
Dietmar Kröger


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