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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Kopfgrippe war ein Kopfschuss
Zwischenüberschrift:
Die erschütternden Schicksale der Zwangsarbeiterkinder in Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Geschichte der Zwangsarbeit in der Stadt und im Land Osnabrück ist noch nicht geschrieben. Zu zahlreich sind die Leerstellen. Und so steht eine systematische Erforschung der Lebensumstände dieser Opfergruppe auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende noch aus.

Osnabrück Der Osnabrücker Historiker Volker Issmer beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der Zwangsarbeit in der Region und sagte: Ich spreche heute Abend mit Bedenken darüber. Das Thema ist so groß und komplex, und wir wissen so wenig.″ Dabei war das Interesse der Zuhörer an dem VHS-Vortrag über Kinder ausländischer Zwangsarbeiterinnen im Zweiten Weltkrieg im Raum Osnabrück″ in der Reihe Topografien des Terrors: Nationalsozialismus vor Ort″ groß. Für maximal 20 Zuhörer war das Durchgangszimmer der Villa Schlikker gedacht, 45 kamen. Es wurde eng.

Egal. Volker Issmers Wechsel mit Lesungen aus fiktionalen Erzählungen mit realer Basis und seinen Berichten von Recherchen ließen knatschende Stühle und leichte Kühle vergessen. Mit der Erzählung Das Kind″ aus dem Band Fremde Zeit, unsere Zeit″ ebnete der Historiker den Weg in die Vergangenheit.

Die Geschichte der französischen Zwangsarbeiter Esther und André, die jeden Tag vom Lager Fernblick in eine Munitionsfabrik im Wald gekarrt werden, packte die Zuhörer unmittelbar. In Andeutungen und Halbsätzen skizzierte Issmer das Schicksal des Paars, das in Osnabrück ein Kind erwartete und wieder verlor. Dem Regime kam der Tod des Säuglings gerade recht, denn Granaten sollst du füllen und nicht ihren Bauch″, herrschen sie André an. Als Esther in ihrer seelischen Not rebelliert, wird das Paar abgeführt. Was mit beiden passierte? Man weiß es nicht.

Es gab ein Kind, das Anfang August 1944 geboren und drei Wochen später im Lager Fernblick gestorben ist, einen kleinen Daniel″, erzählte Issmer. Begraben wurde der Säugling auf dem Heger Friedhof, dem Ort, an dem Ehrenamtliche vor Kurzem für 79 verstorbene Zwangsarbeiterkinder einen Gedenkstein aufstellten. So wurde der Friedhof jetzt zum Ort der Versöhnung.″

Die Mütter waren all ihrer Rechte beraubt, körperlich und seelisch. Die Kinder galten als rassisch minderwertig, so Volker Issmer. Deshalb sei für ihr Leben kaum etwas getan worden. Die Mütter wurden nach wenigen Tagen wieder in die Arbeit gezwungen, den Säuglingen fehlten Muttermilch und Zuwendung.

Im Lager Fernblick, dort, wo heute die Wilhelm-Mentrup-Siedlung steht, gab es acht Baracken für mehr als 1000 Menschen, darunter auch eine Gebärbaracke″. Das Gelände habe den Evangelischen Stiftungen gehört, berichtete Issmer. Die sogenannten Ostarbeiter schufteten für Hammersen, die Teuto-Werke (OKD) oder Karmann.

312 Geburten sind für die Jahre 1943 bis 1945 in dieser Gebärbaracke verzeichnet. Es waren mehr, denn allein von Anfang Januar bis Ende März 1945 wurden dort 57 Kinder geboren. Insgesamt sollen 42 gestorben sein. Auch diese Zahl ist zu niedrig.″

Die schwangeren Frauen kamen vielfach aus dem südlichen Osnabrücker Land, arbeiteten auf Bauernhöfen. Oft trugen die Kinder deutsche Vornamen nicht zufällig, meinte Issmer. Wer waren die Väter, was wurde aus den Frauen und Kindern? Viele Fragen sind offen.

Die ganze Thematik verdiente eine umfassende Untersuchung, wie Gisela Schwarze sie in ihrem Buch Kinder, die nicht zählten″ für Westfalen geleistet hat″, warb Volker Issmer für weitere Forschungen. Ein entsprechendes Projekt habe er schon im Jahr 2000 angeregt. Auch fehle eine Info-Tafel am ehemaligen Lager Fernblick. Durch einen Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung über verstorbene Zwangsarbeiterkinder im Osnabrücker Land hatte eine Versmolderin im Januar vom frühen Tod ihrer Halbschwester Anita Anfang 1945 erfahren. Volker Issmer berichtete seinen Zuhörern vom Schicksal der in der Villa Schlikker anwesenden Karin Twelkemeier, ihrer Halbschwester und der gemeinsamen Mutter, die Zwangsarbeit auf einem Bauernhof leisten musste.

Viele Zwangsarbeiterkinder starben schon als Säugling, als Kleinkind. Auch deutsche Kinder starben″, bemerkte der Historiker. Das aber vor allem im Bombenhagel, die Kinder von Zwangsarbeitern dagegen sehr oft an Unterernährung und Vernachlässigung, weil sich ihre Mütter nicht um die Kinder kümmern durften.

Ein furchtbares Schicksal erlitt auch ein Zwangsarbeiterkind, das laut den Akten an einer Kopfgrippe gestorben war. Tatsächlich hatte es Obst aufgelesen. Die Aufforderung, das Obst fallen zu lassen, konnte das Kind nicht verstehen. Es wurde erschossen. Der Täter sorgte dafür, dass eine Kopfgrippe anstelle des Kopfschusses als Todesursache verzeichnet wurde. Später wurde er Bürgermeister des Ortes.″

Bildtext:
Dicht gedrängt, verfolgten die Zuhörer die Lesung und den Vortrag von Volker Issmer in der Villa Schlikker.
Stanislau war eines von 110 ausländischen Kindern, die zwischen 1944 und 1947 in Bad Rothenfelde zu Tode kamen.
Foto:
André Havergo, Jörn Martens
Autor:
Stefanie Adomeit


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