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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Schicksale der Toten aufgedeckt
Zwischenüberschrift:
Beschmiertes Gräberfeld im Fokus Osnabrücker Schüler
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im November beschmierten Unbekannte ein Gräberfeld auf dem Osnabrücker Johannisfriedhof für Opfer alliierter Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums wollen die Schicksale hinter den Gräbern jetzt aufarbeiten.

Osnabrück Irgendwann nach dem Volkstrauertag passierte es: Nachdem Besucher des Johannisfriedhofs am 17. November noch der Toten der Weltkriege gedacht hatten, kamen nur wenige Stunden später Unbekannte, die mit roter Farbe ein fragwürdiges Statement setzen wollten. Auf 22 Grabsteine von Toten aus dem Zweiten Weltkrieg sprühten sie die Worte Keine Opfer, sondern Täter″.

Schicksale aufgearbeitet

Eine Schülergruppe des benachbarten Graf-Stauffenberg-Gymnasiums lässt diese Tat ratlos zurück. Die Jugendlichen beschäftigen sich im Rahmen eines Seminarfachs schon seit Monaten mit dem Gräberfeld und haben viele Schicksale aufgearbeitet, die sich hinter den Grabsteinen verstecken. Diese Aktion wirkt einfach ignorant und stillos″, sagt Schülerin Madeleine Riebau. Kinder haben doch nichts mit dem Krieg zu tun.″

Worauf Riebau anspielt: Viele der beschmierten Grabsteine stehen auf den Gräbern von Kindern und Frauen, die bei den alliierten Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen sind. In den vergangenen Monaten haben die Schüler viel Zeit im Stadtarchiv verbracht und Zeitzeugen befragt. Aus einer Vielzahl von Informationen fügten sie ein Bild über die Menschen zusammen, die heute in Abteilung 1 des Johannisfriedhofs begraben liegen.

170 Gräber haben die Schüler gezählt und 171 Tote. Ein Grab teilen sich Zwillinge, die im Alter von zwei Jahren am 25. März 1945 in einem Osnabrücker Luftschutzbunker ums Leben kamen. Ihre Eltern überlebten den fatalen und letzten Bombenangriff der Engländer an Palmsonntag, der eine ohnehin zerstörte Stadt endgültig in Trümmer legte und 178 Opfer forderte. Heiko und Udo Schürmann liegen heute in einer gemeinsamen Grabstelle warum das so ist, können die Schüler nur vermuten: Vielleicht ist es eine Geste, vielleicht konnten die Leichenteile der beiden Jungen auch nicht eindeutig voneinander getrennt werden.

Bild des Schreckens

Schockiert hat die Schüler außerdem das Schicksal einer jungen Frau, die 22-jährig bei einem Bombenangriff ums Leben kam, weil der Bunker zu primitiv angelegt war. Bei ihrer akribischen Recherche stießen die Jugendlichen auch auf die Polizeiprotokolle des Palmsonntags 1945. Es ist alles überraschend detailliert dokumentiert, beispielsweise die Information, dass so viele Tote auf den Straßen liegen″, erklärt Schüler Ramires Hebbe. Durch die Aufarbeitung setzte sich für die Schüler aus den abstrakten Unterlagen im Stadtarchiv ein Bild zusammen von den Schrecken des Krieges, die auch vor Osnabrück nicht haltmachten.

Eine große Hilfe seien die Gespräche mit Zeitzeugen gewesen, sagt Madeleine Riebau. Sie haben uns offen und detailliert von ihren Erlebnissen berichtet und fanden es toll, dass wir uns für ihre Geschichte interessieren.″

Momentan tragen die Schüler ihre Rechercheergebnisse zusammen. Im Februar soll dann ein Heft erscheinen, das sich dem Gedenken an die Toten widmet und nachfolgenden Schülergenerationen zur Verfügung gestellt werden soll. Es ist nicht das erste Projekt dieser Art am Graf-Stauffenberg-Gymnasium: Bereits im Vorjahr hatte Lehrerin Sylvia Landscheidt mit einer anderen Schülergruppe die Kriegsgräber des Ersten Weltkriegs auf dem Johannisfriedhof in den Fokus gerückt. Das Heft Vergiss mein nicht″ räumte dabei den Jahrespreis 2018 der Henning-von-Burgsdorff-Stiftung ab.

Grabsteine gereinigt

Die Schüler haben sich aber nicht nur theoretisch dem Thema genähert: Kurz vor den Sommerferien reinigten 14 Seminarfachteilnehmer mit Unterstützung der Stadt Osnabrück, des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr die Gräber. Den Schmierereien wollen die Schüler in ihrem Heft übrigens keinen Raum geben, die Urheber sollen sich nicht wiederfinden können. Wir wollen nicht wirklich darauf eingehen, vielleicht im Schlusswort″, so Ramires Hebbe.

Die 22 Grabsteine wurden nach der Tat gereinigt, die rote Farbe ist nur noch schwach auf den Steinen zu sehen. Nach Angaben des Osnabrücker Servicebetriebs (OSB) hat man momentan einen Zwischenstand bei der Reinigung erreicht, der alle Möglichkeiten bei der aktuellen Witterung ausschöpft. Im Frühjahr soll nachgearbeitet werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten werden dann Gesamtkosten von circa 2500 Euro von den Steuerzahlern für die hohle Zerstörungswut zu begleichen sein, so eine OSB-Sprecherin.

Bildtext:
Schüler des Graf-Staufenberg-Gymnasiums arbeiten die Schicksale einiger Toter aus dem Zweiten Weltkrieg auf.
Von den Schmierereien ist kaum noch etwas zu sehen.
Fotos:
Jöeg Martens
Autor:
Sebastian Philipp


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