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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ein letztes Glückauf
Zwischenüberschrift:
Steinkohlebergbau in Deutschland beendet / Schweres Grubenunglück in Tschechien
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Bundespräsident Steinmeier bekommt auf der Zeche Prosper-Haniel das letzte Stück Kohle überreicht. Damit ist der Steinkohlebergbau in Deutschland endgültig zu Ende. In Tschechien kommt es unterdessen zu einem schweren Grubenunglück.

Bottrop Mit der Förderung der letzten Steinkohle ist eine Epoche der deutschen Industriegeschichte zu Ende gegangen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt gestern auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das letzte geförderte Kohlestück. Das ist ein Tag der Trauer für Sie″, sagte Steinmeier, nachdem ihm Reviersteiger Jürgen Jakubeit am Schacht den etwa sieben Kilogramm schweren Kohlebrocken überreicht hatte. Es sei nicht nur ein Stück Kohle, es ist ein Stück Geschichte″, das er in der Hand halte, sagte Steinmeier.

Heute ist ein schwarzer Tag″, sagte der Chef des Bergbaukonzerns RAG, Peter Schrimpf. Die Steinkohleförderung in Deutschland werde endgültig und unwiderruflich″ eingestellt. Diesen Schlusspunkt zu setzen fällt jedem Bergmann schwer.″ Es lasse sich kaum in Worte fassen, was unsere Bergleute heute fühlen″.

Einen schwarzen Tag erlebte auch Tschechien, wo sich das schwerste Grubenunglück in den vergangenen rund drei Jahrzehnten ereignete. 13 Bergleute starben bei der Methangasexplosion in einem Steinkohlebergwerk im Osten des Landes, wie die Betreiberfirma OKD gestern mitteilte. Zehn weitere Menschen seien bei dem Unglück am Donnerstagnachmittag verletzt worden. Elf der Toten stammten demnach aus Polen. Polens Präsident Andrzej Duda rief für morgen einen nationalen Trauertag aus.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hob in Bottrop die europäische Dimension des Bergbaus hervor. Ohne Kohle und Stahl hätte es den Aufbruch zur europäischen Einigung nicht gegeben. Kohle und Wohlstand sind untrennbar″, betonte der EU-Kommissionspräsident vor Beginn des Festakts, zu dem 500 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen waren.

Ein großes Kapitel deutscher Industriegeschichte geht zu Ende″, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in einer Videobotschaft zum Ende der Steinkohleförderung. Gerade hier in Nordrhein-Westfalen haben wir der Steinkohle, dem schwarzen Gold′, so viel zu verdanken: Hunderttausende Arbeitsplätze, Wohlstand für viele Familien und eine Energieversorgung, die die Industrie in unserem Land erst so stark gemacht hat″, sagte Laschet.

Das Aus für die Steinkohleförderung hatten die Bundesregierung, die Kohleländer Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie die Bergbaugewerkschaft IG BCE im Jahr 2007 vereinbart. Rund 33 000 Bergleute und andere Mitarbeiter waren damals noch auf den Zechen beschäftigt. Großzügige Vorruhestandsregelungen sorgten dafür, dass es keine Entlassungen gab.

In diesem Jahr förderten die Bergleute noch etwa 2, 6 Millionen Tonnen Steinkohle. In der Hochzeit der Kohleförderung, in den 1950er-Jahren, waren es mehr als 150 Millionen Tonnen pro Jahr. Mit der Schließung der letzten Zeche ist der Einsatz der Steinkohle in Deutschland aber nicht zu Ende: Bei der Stromerzeugung und in den Stahlwerken wird sie komplett durch Importkohle ersetzt.

Bildtext:
Ein Stück Geschichte″ nennt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) das letzte Stück Steinkohle, das in Deutschland gefördert wurde. Reviersteiger Jürgen Jakubeit (Mitte) hat ihm den Brocken übergeben. Links steht Peter Schrimpf, Vorstandschef der RAG AG.
Foto:
dpa/ Federico Gambarini

Kommentar
Der Steiger kommt nicht mehr

Ade nun, ade! Lieb Schätzelein! So singen es die Bergleute in ihrer Hymne, dem Steigerlied. Der Steinkohlebergbau in Deutschland ist seit gestern Geschichte. Der Steiger kommt nicht mehr. Wehmut und Trauer erfassen jene, die mit dem Bergbau zu tun hatten. Wer wollte es ihnen verübeln?

Trotz des langen Vorlaufs schmerzt der Abschied, gerade im Ruhrgebiet. Der Pütt geht, aber Ruhm und Ehre bleiben″, gab ein Kumpel zu Protokoll. Es stimmt: Ohne die Kohle wäre Deutschland weder der Aufstieg zur Industrienation noch der rasche Wiederaufbau nach 1945 geglückt.

Doch der Mythos Bergbau ist eben auch das: ein Mythos. Der Einsatzwille und die Kameradschaft unter Tage waren real, die Plackerei in lebensfeindlicher Umgebung war es ebenso. Am Ende eines Arbeitslebens dann: kaputte Knochen, Staublunge. Von den unmittelbaren Gefahren ganz zu schweigen. Es ist ein bitterer Zufall, dass just in diesen Tagen Nachrichten von tödlichen Unglücken in der Zeche Ibbenbüren und in einem tschechischen Bergwerk hereinplatzen.

Was bleibt? Da sind die Altlasten des Bergbaus, die Ewigkeitskosten. Da ist die Ruhrgebietsmentalität, die der Bergbau formte. Da ist die Folklore, die von den Vereinen der Bergleute konserviert wird. Und da ist das Wissen, dass Deutschland den Kumpeln zu Dank verpflichtet ist.
Autor:
dpa, AFP, Manuel Glasfort


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