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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das alte Schinkeler Rathaus
Zwischenüberschrift:
Im Krieg zerstörtes Gebäude an der Tannenburgstraße wurde nicht wiederaufgebaut
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück hat ein Rathaus und das steht am Markt. Das weiß jedes Schulkind. Auf dem heutigen Stadtgebiet standen aber einstmals sehr viel mehr Rathäuser, nämlich in den Umlandgemeinden, die später angegliedert wurden. Wie zum Beispiel im Schinkel.

Osnabrück Schinkel war bis zum 1. April 1914 eine selbstständige Gemeinde, genauso wie etwa Haste oder Gretesch. Der Wandel von einem ländlich-landwirtschaftlich geprägten Gemeinwesen zu einem Industrievorort lässt sich an den Einwohnerzahlen ablesen: 1864 lebten 815 Menschen in der Gemarkung Schinkel, die die heutigen Stadtteile Schinkel, Schinkel-Ost, Widukindland und Randgebiete von Dodesheide, Gretesch und Voxtrup umfasste. Bis 1907 verzehnfachte sich die Zahl, und bei der Eingemeindung 1914 waren es fast 13 000. Der Bau der Eisenbahnlinien und die einhergehende Industrialisierung hatten einen gewaltigen Zuzug von Arbeitskräften und die Schaffung neuer Wohngebiete ausgelöst.

Als Friedrich Hafkemeyer 1903 Gemeindevorsteher wurde, hatte Schinkel seine bäuerlichen Strukturen noch nicht abgelegt. Er regierte über 4753 Menschen, aber auch 85 Pferde, 443 Rindviecher, 108 Schweine, 462 Ziegen und 2874 Stück Federvieh. Dazu kamen 41 Bienenstöcke und 3288 Obstbäume.

Dienstraum für Gemeindeangelegenheiten war die Vorsteherstube″ auf dem Hafkemeyer′schen Hof am Fuß des Schinkelbergs. Die reichte aber bald nicht mehr, denn immer mehr Bürger kamen, weil sie Amtliches zu besorgen hatten. Ein richtiges Rathaus musste her, oder ein Gemeindehaus, wie man etwas bescheidener sagte. Dieses wurde 1908 auf den nordwestlichen Quadranten der Kreuzung Tannenburgstraße/ Heiligenweg gesetzt, Postanschrift: Tannenburgstraße 129 (die Nummerierung wurde später geändert), Baukosten: 40 000 Mark.

Die Architektur bildete mit Fachwerkanteilen die Brücke zum alten bäuerlichen Schinkel, während die Hauptmasse des kompakten Baus preußische Verwaltungs-Effizienz versprach. Die Verwaltungsstruktur und damit Hafkemeyers Personalstab wuchsen nach städtischem Vorbild an. Ein Gemeindesekretär, drei Bureaugehülfen″, zwei Gemeindediener, ein Feldhüter und ein Haus- und Wegewärter gehörten dazu. Hafkemeyer fuhr mit dem Fahrrad zwischen Hof und Gemeindehaus hin und her. Bei dringenden Arbeiten auf dem Hof ließ er sich Urlaub anschreiben.

Ohne Hafkemeyers oder des Gemeinderats Verschulden wurde die finanzielle Lage der Gemeinde immer prekärer. Kern des Problems war, dass große Industriebetriebe wie das Stahlwerk ihren Sitz in Osnabrück hatten und dort Steuern bezahlten, die Arbeiterfamilien aber im Schinkel wohnten und dort Infrastruktur brauchten von Schulen über ordentliche Straßen, Gas- und Stromversorgung bis hin zur Kanalisation. Es wuchs immer mehr zusammen, was von der räumlichen Entwicklung her zusammengehörte. Hafkemeyer und sein Kollegium sahen das schließlich wohl auch so, konnten der Stadt aber in zähen Verhandlungen noch so manche Zugeständnisse zum Wohle Schinkels abringen.

Nach der 1914 vollzogenen Eingemeindung blieb das Gemeindehaus Verwaltungssitz des Stadtbezirks Osnabrück-Schinkel. Mit dem 1. April wurde die Land-Gendarmerie abgezogen, und die städtische Polizei übernahm das Haus als Sitz des dritten Polizeireviers unter Kommissar Hillmann. Hafkemeyer wurde als städtischer Beamter übernommen. Er führte das Melderegister, wirkte bei dem Aufbau einer Filiale der Stadtsparkasse im Schinkel mit, stand einem Armenbezirk der Stadt vor und war Schuldeputierter.

Weil in Preußen alles seine Ordnung haben musste, begrüßten die Osnabrücker Tageszeitungen die Neubürger mit einer Sonderbeilage voller städtischer Polizeiverordnungen, die nun auch im Stadtteil Schinkel galten. Darin war alles geregelt, was es kommunal zu regeln gab, von Ladenöffnungszeiten und Polizeistunde bis hin zu Tierschutz und Schlachthofordnung.

Einige Beispiele aus der Straßenordnung: „§ 38 Wagenführer, die schlafend oder im angetrunkenen Zustande betroffen werden, sind strafbar.″ Es gab noch keine Bremslichter, deshalb: Plötzliches Stillhalten hat der Führer eines bespannten Fuhrwerks dem ihm folgenden durch Hochheben der Peitsche oder eines Armes anzuzeigen.″ Und weil die Fuhrwerke keinen Tachometer hatten, regelt § 32 die Höchstgeschwindigkeit so: Niemand darf in den Straßen der inneren Stadt sowie in den bebauten Straßen der Feldmark schneller als im Mitteltrabe fahren oder reiten.″ Über das Verhalten bei Alarmfahrten heißt es in § 48: Fuhrwerke, Radfahrer und Reiter haben den Fahrzeugen der Feuerwehr, deren Herannahen durch Läuten mit einer Glocke oder durch eine brennende Fackel angedeutet wird, völlig freie Bahn zu lassen.″

Beim bis dahin schwersten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs auf Osnabrück, der erklärtermaßen den Bahnanlagen galt, wurde das Gemeindehaus am 6. Oktober 1942 restlos zerstört. 22 Hausbewohner starben, darunter neun Polizisten und vier jugendliche Luftschutzmelder. Eine Stunde lang glaubten die Rettungsdienste, Klopfzeichen unter den Trümmern gehört zu haben. Als sie sich zu den Verschütteten durchgearbeitet hatten, fanden sie nur noch Leichen.

Bildtexte:
Das Gemeindehaus von Schinkel an der Kreuzung von Tannenburgstraße und Heiligenweg um 1910. Die kolorierte Ansichtskarte des Verlags Georg Renard entstammt der Sammlung Helmut Riecken.
An gleicher Stelle entstand nach der Kriegszerstörung des Gemeindehauses ein Mehrfamilienhaus. Nach hinten links verläuft die Tannenburgstraße stadteinwärts, quer durchs Bild verläuft der Heiligenweg.
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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