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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
So vielfältig ist der Schinkel
Zwischenüberschrift:
Mit Innenminister Boris Pistorius (SPD) durch seinen alten Kiez
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Dort, wo Boris Pistorius aufgewachsen ist, will die Stadt Osnabrück in den nächsten Jahren 15 Millionen Euro investieren: Der Stadtteil Schinkel wird Soziale Stadt. Wir haben mit dem niedersächsischen Innenminister (SPD) einen Spaziergang durch seinen alten Kiez gemacht.

Osnabrück Fast 50 Jahre hat der frühere Osnabrücker Oberbürgermeister in Schinkel beziehungsweise Schinkel-Ost gelebt. Deshalb eine wichtige Frage vorab, die fast jeder von hier anders beantwortet: Heißt es nun in Schinkel″ oder im Schinkel″? Spontan antwortet Pistorius mit in Schinkel″, auch wenn er viele kenne, die im Schinkel″ leben. Und die sind dann ... „ Schinkelaner″, sagt er so wie viele ältere Bewohner des Stadtteils. Aber da gilt: Der Schinkelaner oder Schinkeler ist was das angeht entspannt.″

1966 ist Familie Pistorius in eine der damals neu gebauten Arbeiter-Wohnungen am Jeggener Weg Nummer 61 gezogen, da war der kleine Boris gerade einmal sechs Jahre alt. Ich kenne die Pflastersteine hier fast alle beim Namen″, sagt er.

Wir steuern den Wochenmarkt an der Ebertallee an. Hier hat sich praktisch nichts verändert″, sagt Pistorius über die Allee, nur die Bäume waren früher kleiner.″ Nicht verändert heißt aber auch, dass die Ebertallee ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hat.

Es ist einer der Bereiche, die die Stadt womöglich mit den Fördermitteln aufhübschen wird, die in den kommenden Jahren in den Schinkel fließen werden. 15 Millionen Euro sollen investiert werden, Stadt, Bund und Land tragen je ein Drittel der Kosten. Ein Quartiersmanager soll zudem das soziale Miteinander im Quartier stärken. In seiner Dezember-Sitzung wird der Rat voraussichtlich die Sanierungssatzung verabschieden. 94 Hektar groß soll das Gebiet werden, in das die Gelder fließen.

Auch der große asphaltierte Platz an der Ebertallee, auf dem außer mittwochvormittags zum Wochenmarkt wenig los ist, könnte dann sein Gesicht verändern.

Pistorius geht zielgerichtet zum Marktstand vorne rechts, ordert bei Claudia Geist Bratwurst und Kaffee fast wie früher.

Neben diesem Stand hat der Sozialdemokrat mit seinen Parteigenossen jahrelang Wahlkampf gemacht, seit er mit 16 Jahren in die SPD eingetreten ist vor Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Es vergehen keine fünf Minuten, ohne dass Schinkelaner den Innenminister erblicken und ihm die Hand schütteln, fragen, wie es ihm geht.

Für den ehemaligen Oberbürgermeister ist es ein Heimspiel. Mit dem Unterschied zu früher, dass er jetzt von drei Bodyguards begleitet wird und allein schon dadurch keine Chance hat, unbemerkt durch seine alte Heimat zu schlendern.

Während Marktbeschickerin Claudia Geist den Kaffee einschenkt, berichtet sie vom Unmut einer Kundin darüber, dass plötzlich das bulgarische Dreieck mit all seinen Problemen an der Ecke Buersche Straße/ Venloer Straße im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe und sie die Aufregung gar nicht verstehe. Die Schinkelaner gehen mit so etwas gelassen um″, bestätigt Pistorius. Probleme blieben in einem so bunten Stadtteil nie aus. Die heute als Einkaufsmeile beliebte Schützenstraße etwa war seinerzeit der Ort, wo es auch mal zu Schlägereien kam, erinnert er sich. Und dann spricht wieder der Politiker Pistorius: Unser Ziel muss es sein, die Menschen in Arbeit zu bringen.″

Ein Arbeiterviertel war Schinkel immer, doch als er jung war, war der Begriff Integration ein Fremdwort, Integration wurde gelebt, sagt er. Die Kinder der spanischen und portugiesischen Gastarbeiter wuchsen ganz selbstverständlich mit uns auf und gingen mit uns zur Schule″, betont Pistorius. Und genau das mache den Schinkel aus, findet er: Die Vielfalt, das Bunte, die Unterschiedlichkeit sowohl im Aussehen der Stadtteillagen als auch der Menschen, die hier leben.″ Die zeichnen sich seiner Meinung nach durch eine große Gelassenheit aus nicht zuletzt, weil sie seit Jahrzehnten mit Migranten zu tun haben. Ich selber bin groß geworden hier im Stadtteil mit den ersten Gastarbeiterfamilien, das war völlig normal. Das hat uns nicht nur nicht gestört, das hat uns auch geprägt und hat Freundschaften fürs Leben begründet.″

Trotzdem hat der Schinkel nach außen ein schlechtes Image als das Quartier mit dem höchsten Anteil von Migranten und Hartz-IV-Empfängern in Osnabrück und als das, in dem an neuralgischen Punkten wie etwa an der Buerschen Straße auch mal Müllberge auf den Gehwegen liegen. Das wird dem Stadtteil einfach nicht gerecht″, findet Pistorius.

Während wir durch die Tiefstraße laufen, kommt er ins Schwelgen: Hier war früher der Kohlehändler Friderici ansässig. Wenn er und seine Freunde dort spielten, durften sich nicht erwischen lassen. Wir sahen aus wie die Pottsäue.″

Die Menschen hier sind direkt. So wie Bernhard Witte, Hausmeister an der Stüveschule. Als wir unangemeldet den Ort erreichen, wo Boris Pistorius als Junge sein Fußballtraining bei Schinkel 04 absolvierte, hat Witte ihn schon erblickt und schüttelt ihm die Hand. Können Sie mal reinkommen?″, fragt Witte unsere Redaktion. Sehen Sie?″, sagt Pistorius und grinst: Das ist Schinkel.″ Der Hausmeister nutzt die Gelegenheit, auf die Grundrisse der kürzlich umgebauten Grundschule aufmerksam zu machen, die im Flur ausgestellt sind. Und um zu erzählen, dass Beckenbauer und Hoeneß früher nach Fußballspielen in Osnabrück in der Schule neben dem Stadion geduscht haben.

Überhaupt, das Stadion. Für Boris Pistorius der Ort, an den er regelmäßig zurückkehrt. Nur zwei Heimspiele habe er in dieser Saison verpasst, sagt der bekennende VfL-Osnabrück-Fan Pistorius.

Seit drei Jahren lebt er nicht mehr hier. Nach dem Tod seiner Frau verkaufte er das gemeinsame Haus in Schinkel-Ost und fand im Stadtteil keine passende kleinere Wohnung. Ich wäre gern hiergeblieben″, sagt Boris Pistorius.

Bildtexte:
Heimspiel: Am Kaffee-Stand von Claudia Geist (linkes Foto) hat sich Boris Pistorius bei früheren Wahlkämpfen auf dem Wochenmarkt im Schinkel oft aufgewärmt. Die Schützenstraße (rechts) war früher ein Brennpunkt und ist heute Haupteinkaufsmeile im Stadtteil.
Unbemerkt kann Boris Pistorius (rechts) nicht mehr durch seinen alten Stadtteil laufen. Vor dem Kiosk, in dem er als Kind Esspapier gekauft hat, spricht ihn Reinhold Schlacke (links) an und Kioskbetreiber Horst Müller (Mitte) sagt auch Hallo″.
Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Sandra Dorn


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