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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Freie Fahrt auf der „Hansalinie″
Zwischenüberschrift:
Heute vor 50 Jahren wurde die Strecke zwischen Kamen und Bremen freigegeben
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Am 14. November 1968, genau um 12.58 Uhr, formulierte Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) einen bedeutungsschweren Satz: Ich gebe die Hansalinie für den Verkehr frei.″ Damit war die zentrale Lücke der heutigen Autobahn A 1 zwischen Kamen und Bremen geschlossen, der Verkehr konnte rollen.

Osnabrück Das Funkgerät des Streifenwagens mit dem Namen Berta 1″ übermittelte Lebers Funkspruch an die Autobahnpolizeistationen und Straßenmeistereien. Die hatten darauf gewartet, endlich die Sperrböcke an den Auffahrten wegräumen zu können. Sofort ergoss sich die erste Verkehrslawine in beiden Richtungen auf die neue Autobahn″, vermeldete anderntags die Neue Osnabrücker Zeitung″. Damit sich diese Lawine ungestört auf den Weg machen konnte, hatte man die Bühne für die Freigabe-Zeremonie nicht direkt auf der Hansalinie″ postiert, sondern auf dem kurzen Stummel der Europastraße 8, der heutigen A 30, die damals nur vom Lotter Kreuz bis zur Anschlussstelle Hasbergen-Gaste fertiggestellt war.

50 Autos war die offizielle Wagenkolonne lang, der Schorsch″ Leber, vier Landesminister und zahlreiche lokale Würdenträger entstiegen. Die Flaggen des Bundes, Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens und der Hansestädte wehten, die Carolinger-Kapelle spielte. Sie wollte Mobilität musikalisch ausdrücken, hatte aber wohl nichts Autobahnähnliches im Repertoire und ging daher mit Des Großen Kurfürsten Reitermarsch″ in die Epoche vor der Motorisierung zurück. Oberbürgermeister Willi Kelch (SPD) erinnerte an das späte Mittelalter, als die Hansestadt Osnabrück auch schon am Fernhandelsweg zu den Hansehäfen an Nord- und Ostsee lag. Die neue Hansalinie″ verkörpere nun den Brückenschlag in die Zukunft″.

Die Freigabe der Autobahn Hansalinie″ war für Osnabrück und sein Umland ein epochales Ereignis. Nach neun Jahren Bauzeit war endlich die Direktverbindung zu den Hansestädten Lübeck, Hamburg und Bremen und zum Rhein-Ruhr-Raum hergestellt. Die regionale Wirtschaft verspürte Aufwind durch die verbesserte Anbindung an entferntere Wirtschaftsräume. Standortentscheidungen der Firmen orientierten sich nun an der Nähe zu den Autobahnauffahrten.

Gleichzeitig hatte die Stadt eine schwere Straßenbaulast zu schultern, denn die Ausfallstraßen zu den Auffahrten mussten leistungsfähigere Querschnitte bekommen oder ganz neu projektiert werden. Es dauerte noch bis 1974/ 75, ehe Hansastraße/ Bramscher Straße, Pagenstecherstraße/ Wersener Straße und Martinistraße/ Kurt-Schumacher-Damm als potente Zubringer ausgebaut waren.

Die 215 Kilometer des fehlenden Teilstücks zwischen Kamen und Bremen hatten 1, 3 Milliarden DM gekostet. Verglichen mit den heutigen Schwierigkeiten, Autobahn-Neubaustrecken gerichtsfest durchzusetzen, liefen die Planfeststellungen damals vergleichsweise geräuschlos ab. Die Vorteile für die Auto fahrenden Bürger und diese gaben in den 1960er-Jahren den Ton an lagen auf der Hand. Die Fahrzeit für einen Pkw etwa zwischen Münster und Bremen halbierte sich von drei auf eineinhalb Stunden, man musste sich nicht mehr auf unfallträchtigen Landstraßen über die Dörfer und durch verstopfte Innenstädte quälen.

Wenn die NOZ″ die Hansalinie″ als leicht geschwungen in die Landschaft hineinkomponiert″ und reizvoll nicht nur für schnelle, sondern auch für romantisch veranlagte Autofahrer″ pries, dann darf das durchaus als Ausdruck eines großen autofreundlichen gesellschaftlichen Konsenses gelten, der damals herrschte.

Die schon vor dem Krieg gebaute Autobahn zwischen Hamburg und Bremen hatte nun endlich ihre logische Fortsetzung gefunden. Eine leistungsfähige Nord-Süd-Verbindung war im nicht mehr auf Berlin zentrierten Verkehrsnetz Nachkriegs-Deutschlands wichtiger denn je. Dass die Hansalinie″ in dem 1975 eingeführten Nummernsystem die prestigeträchtige Bezeichnung A 1″ verliehen bekam, war dem Umstand geschuldet, dass sie unter den annähernd in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Magistralen mit ungeraden Nummern die westlichste ist, bei der man mit der Nummerierung begann.

Vor der Freigabe durften Düsenjäger der Luftwaffe auf einem längeren Teilstück ohne Brücken zwischen Wildeshausen und Delmenhorst Starts und Landungen üben wie dieser waren auch weitere Abschnitte der neuen Autobahn als Nato-Notlandeplätze vorgesehen. Und für den neuen Jerry-Cotton-Spielfilm musste die Betonpiste für einige gewagte Stunts herhalten. Auch Werbefotografien für eine Osnabrücker Spedition waren vor dem 14. November im Kasten, bevor der Bundesverkehrsminister das Band durchschnitt. Kurios: Auch der letzte frühere Erbgroßherzog von Oldenburg durfte zur Schere greifen, bei der Vorab-Freigabe eines Abschnitts, der durch das frühere Großherzogtum führt.

Bis zuletzt hatte es Fingerhakeleien zwischen der Stadt Osnabrück und der westfälischen Nachbargemeinde Lotte um den Namen des Kreuzes mit der Europastraße 8 (heute A 30) gegeben. Osnabrück favorisierte Kreuz Osnabrück-West″, Lotte wollte lieber Kreuz Lotte″, Kompromissvorschläge lauteten Kreuz Osnabrück-Lotte″ oder, umgekehrt, Kreuz Lotte-Osnabrück. Verkehrsminister Leber ordnete Letzteres an, da das Kreuz auf dem Gebiet der Gemeinde Lotte liegt.

Die Brückenbauwerke der Hansalinie″ sollten eigentlich 100 Jahre halten ein Irrtum, wie wir heute wissen. Bei den großen Talbrücken im Zuge der Querung des Teutoburger Waldes wurde das Verfallsdatum schon nach 50 Jahren erreicht, sie werden derzeit erneuert. Der Grund: Die Ingenieure hatten zwar mit einer Zunahme des Verkehrs gerechnet aber dass er von 11 000 Fahrzeugen pro Tag Ende der 1960er-Jahre bei einem Lkw-Anteil von zehn Prozent auf die heutigen 80 000 Fahrzeuge bei 30 Prozent Lkws steigen würde, das lag noch jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Bildtexte:
Staatsakt auf der Autobahn: Am 14. November 1968 erfolgte die Freigabe der Hansalinie″. Damit die sofort einsetzende Verkehrslawine″ ungehindert das Lotter Kreuz passieren konnte, hatte man die Eröffnungszeremonie an die Anschlussstelle Hasbergen-Gaste der E 8 (heute A 30) verlegt.
Dieselbe Anschlussstelle heute die E 8 wurde 1970 als Südumgehung Osnabrücks fertig und schon bald zur vollwertigen Bundesautobahn erhoben.
Bundesverkehrsminister Georg Schorsch″ Leber sprach den symbolischen Satz zur Verkehrsfreigabe ins Funktelefon der Polizei.
Eine gute Gelegenheit für Werbefotos bot die Hansalinie″ kurz vor der Eröffnung die Spedition Hellmann nutzte die Chance.
Fotos:
Archiv Museumsquartier/ NOZ, Joachim Dierks, Archiv NOZ, Archiv Museum Industriekultur/ Christian Grovermann
Autor:
Joachim Dierks


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